Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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16.2.2020

Das Folkehøgskolen Nord-Norge-Projekt
ASF-Bericht einer Freiwilligen aus Norwegen

von Lina Berger


Unser Schulausblick auf den Berg Sætertin

Am 8. September 2019 wurden im Gottesdienst drei Jugendliche zu ihrem "Freiwilligen Jahr" bei ASF (Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste) verabschiedet. Lina Berger gehörte auch dazu.

Hier ist nun ein Bericht ihrer Arbeit bei dem Folkehøgskolen-Nord-Norge-Projekt in dem 800-Seelen-Ort Evenskjer in Norwegen.

Mein Name ist Lina und meine 19- jährige Lebenszeit habe ich bisher in Norddeutschland (oder wie meine Mitfreiwilligen sagen würden: in Ostdeutschland) verbracht, in der Universitäts- und Hansestadt Greifswald.

In welches Land es mich wohl ziehen würde, war mir vor dem Seminar bei ASF Anfang Februar noch nicht klar. Meine Schulzeit habe ich auf einer integrativen und inklusiven Schule verbracht. Nach der Norwegen-Präsentation von ASF hatte ich Sicherheit gefunden.

Ich fühlte mich auf unerwartete Weise bereits heimisch in diesem Land. Meine Kindheit wurde durch Astrid Lindgrens Bücher geprägt, zahlreiche Ferien habe ich in Skandinavien verbracht, und auch in der Schule hatte ich Schwedisch im Unterricht. Ich bekam die Zusage für ein Projekt in Nord-Norwegen, an einer Folkehøgskole.

Anfang August war es dann soweit und für die zwei Folkehøgskolen-Projekte ging es schon vor dem Vorbereitungsseminar in Hirschluch los.

Am Flughafen in Oslo traf ich meine Mitfreiwilligen Ruben und Martina, die ich bisher nur über den schriftlichen Weg kennengelernt hatte. Von Oslo nach Narvik/Evenes folgte unser erster Flug zu dritt. Dieser Flug war sehr beeindruckend, da wir ab und zu durch die dicke Wolkenschicht tauchten und unter uns endlose Natur mit vielen schneebedeckten Berggipfeln sahen. Am Flughafen wurden wir von Miriam abgeholt.

Miriam arbeitet als Miljøterapeut (Sozialpädagogin) hier an der Schule und ist auch bei Fragen immer unsere erste Ansprechpartnerin. Einmal in der Woche haben wir drei "Fredsarbeider" ein Treffen mit ihr und besprechen alle Fragen, Probleme und Neuigkeiten. So finden wir im gemeinsamen Gespräch oft heraus, wie wir die Schüler noch besser unterstützen können oder wie wir am besten in bestimmten Situationen reagieren können.

Das Folkehøgskolen Nord-Norge-Projekt

Die Folkehøgskole sieht aus wie eine kleine Wohnsiedlung. Im Zentrum liegt das Schulgebäude. Nah angrenzend liegen die drei Internatsgebäude. Durch einen kleinen Weg getrennt steht eine Ansammlung mehrerer skandinavischer falun-roten Häuser in denen vor allem Lehrer und Mitarbeiter der Schule wohnen. Ein anderer Weg führt vom Schulgebäude zu unserem Freiwilligenhaus. Hier wohnen die ASF- und die elf norwegischen Freiwilligen (Stipendiaten oder Stipps genannt) gemeinsam in einer WG.

In den ersten Tagen haben wir Schule und Leute kennengelernt. Zuerst kamen die Stipps nach und nach angereist. Die Stipps sind ehemalige Folkehøgskolen-Schüler, welche als Bindeglied zwischen Schülern und Lehrern gesehen werden. In jeder Klasse gibt es mindestens zwei. Am Nachmittag oder an den Wochenenden sind sie auch für Freizeitangebote und Bespaßung der Schüler verantwortlich.

Was ist überhaupt eine Folkehøgskole? Inzwischen kann ich diese Frage zum Glück beantworten, obwohl man wahrscheinlich da gewesen sein muss, um es richtig verstehen zu können. Etwas Vergleichbares wie eine Folkehøgskole gibt es in Deutschland nicht. Eigentlich ist diese Schule wie neun Monate Freizeitlager für junge Erwachsene zwischen ihrem 18. und 24. Lebensjahr. Die Schule wählt man vor allem nach dem Angebot der Linien. An unserer Schule werden zum Beispiel dieses Jahr die Linien Luftsport, Klettern, Backpack surprise, Foto und Freiluft und Aktiv angeboten. In diesen Linien/Klassen verbringt man meist vormittags den Tag und arbeitet klassenspezifisch oder geht auf Exkursionen. Man fährt auch mindestens einmal in dieser Zeit mit der Klasse auf Klassenfahrt. In dieser Schule wird aber auch ein großer Wert auf das schulische Miteinander gelegt. Es gibt Schulausflüge, Wettkämpfe in gemischten Gruppen, Internats-Etagen-Zeiten oder -Nachmittage, sowieso immer Angebote für alle Schüler.

Wir "Fredsarbeider" ("Friedensarbeiter" werden wir hier genannt) arbeiten hier in der Aktivklasse, in dieser sind Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Da an dieser Schule der Fokus allerdings auf Outdoor und Aktivsein liegt, haben die Schüler hier meist nur sehr leichte oder gar keine körperlichen Behinderungen. Dieses Jahr arbeiten wir drei hier im Schichtdienst, das heißt, dass immer einer von 7:30 oder 8:30 Uhr bis 15:00 oder 16:00 Uhr arbeitet. In der ersten Schicht ist man immer mit in der Klassenzeit. Mit dabei sind dann auch zwei Stipps und eine Lehrerin oder ein Lehrer. Was in der Linienzeit gemacht wird, hängt jedes Jahr davon ab, welche und wie viele Schüler in die Klasse kommen. In der Regel haben wir einmal in der Woche einen Haushaltstag mit Aufräumen, Putzen, Kochen und Backen, einen Kreativ- und Sporttag und einen Ausflug-Tag. Am Freitag ist immer für die ganze Schule Wahlfach-Tag und dort folgen die Fredsarbeider den Schülern, die beim jeweiligen Wahlfach Unterstützung benötigen. In der Nachmittagsschicht (15:00 oder16:00 Uhr bis 22:30 oder 23:00 Uhr) geht es in erster Linie darum, als Ansprechpartner für die Aktivschüler in der Schule zu sein. Unterstützung oder auch nur Erinnerung beim Wäschewaschen, Zimmer aufräumen oder Sachenpacken für den nächsten Ausflug, sind Teil der Schicht. Außerdem freuen sich die Schüler, wenn man Ideen zur Freizeitbeschäftigung mitbringt. Dieses Jahr sind vor allem Karten- und Brettspiele oder Bewegungsspiele in der Turnhalle angesagt. Nicht selten kommt es aber auch vor, dass die Schüler nur noch Lust auf Entspannung und Ruhe haben und dann hat man die Zeit für sich alleine.

Nach unserem ersten Monat im Projekt ging es für uns bereits zurück nach Deutschland zum Vorbereitungsseminar in Hirschluch. Für uns drei Freiwillige war es vor allem ein freudiges Treffen mit den anderen ASF-Freiwilligen und vielen interessanten, lustigen oder auch mal entspannenden Seminareinheiten.

Was mir besonders an meinem Projekt gefällt, ist, dass wir, obwohl wir arbeiten, so tolle Erlebnisse miterleben dürfen. Vor allem im Spätsommer haben wir die warmen und langen Tage genutzt, um Übernachtungs- oder lange Tagestouren in die Natur zu machen. Wir sind in den Bergen zu einer ehemaligen samischen Siedlung gewandert, haben dort Pfannkuchen über dem Lagerfeuer gemacht und sie mit gepflückten Blaubeeren gegessen, waren im kalten Bergsee baden und haben unter freiem Sternenhimmel geschlafen. Ein anderes Mal haben wir einen Floßbauwettbewerb gemacht oder haben den einen oder anderen Berg bestiegen. Eines meiner Highlights war eine Übernachtungstour auf den Sætertind. Diese Tour war einen Tag bevor der Schnee hier zum ersten Mal fiel. Nach der anstrengenden Wanderung saßen wir am Lagerfeuer, eingekuschelt in unsere Schlafsäcke, und sahen zum ersten Mal Polarlicht. Das Polarlicht tanzte die ganze Nacht und dadurch, dass wir so weit oben waren, konnte man es viel besser sehen als unten im Tal. Seit diesem Tag habe ich schon wieder einige Polarlichter bestaunen können, aber nicht noch einmal so farbenfroh und deutlich. Der Schnee liegt hier seit Mitte Oktober. Einen anderen wunderbaren Ausflug hatten wir im November. Zwei Nächte hat nur unsere Klasse in einer kleinen Hütte in der Nähe eines Huskyhofes übernachtet.

Die kurzen Sonnenstunden haben wir in vollen Zügen draußen ausgenutzt mit Rodel- und Schlittentouren und Huskys-Kuscheln. Am nächsten Tag sind wir um 4 Uhr nachmittags mit Stirnlampe unterm Sternenhimmel Schlittenhund gefahren. Gleich im Anschluss durften wir eine samische Zeremonie miterleben. Diese Fahrt hat nicht nur die Schüler mehr aneinandergeschweißt, sondern auch uns norwegische und deutsche Freiwillige zu einem noch besseren Team gemacht.

Die Stimmung an der Folkehøgskole ist allgemein immer fröhlich und auch die Beziehung zwischen Mitarbeitern und Schülern sehr eng.

Ein großes Dankeschön an all meine Patinnen und Paten. Vielen Dank, dass ihr mich in diesem wertvollen Jahr mit eurer Spende unterstützt. Ich freue mich jeden Tag, dass ich ein Teil dieses Projektes sein darf und so viel miterleben und lernen kann.

Leider konnten Teile ihres Berichtes, z.B. was die Probleme einzelner Schüler betraf, aus Platzgründen nicht gedruckt werden. Bearbeitet von S. Habedank-Kolodziej

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