Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.1.2020

Verzweifelt glauben
Gedanken zur Jahreslosung

von E-Mail

Bild: Motiv von Stefanie Bahlinger, www.verlagambirnbach.de

"Als ich jünger war, hatte ich Glauben", erzählt mir eine Frau bei einem Besuch. "Aber in meinem Leben sind so viele Dinge passiert, die mich zweifeln lassen." Früh starb die Mutter, der Vater war mit fünf kleinen Kindern überfordert. Sie wurde im Heim groß.

So ähnlich äußert sich ein Mann in der Mitte des Lebens, der unerwartet eine Krebsdiagnose bekommen hat: "Immer war ich gesund, und jetzt das …" ohnmächtig fühle er sich, dem Krebs und dem Krankenhaus ausgeliefert. Ist da ein Gott, der hilft? "Es fällt mir schwer, das zu glauben", sagt er.

Es gibt viele Gründe gegen den Glauben. Und solche und ähnliche Erfahrungen an der Grenze zwischen Trauer und Leid, zwischen Leben und Tod lassen Menschen zweifeln, ob da ein Gott ist, der helfen kann?

Die Jahreslosung "Ich glaube, hilf meinem Unglauben" scheint deshalb wie geschaffen für die Gemütslagen des Jahres 2020, in denen die Unheilsbotschaften von Klimawandel, Kriegsgetöse und politischer Einfalt wohl nicht abreißen werden.

Und anders als die Tageslosungen aus Herrnhut, die am nächsten Morgen bereits wieder verweht sind, spannt so eine Jahreslosung einen größeren Bogen und bringt mehr Nachhall mit sich, zumal, wenn sie so kurz daher kommt wie dieses Wort aus dem 9. Kapitel des Markusevangeliums.

Die Jahreslosung wirkt auf den ersten Blick wie so ein verzweifelter Stoßseufzer. Denn irgendwie glauben ja alle irgendwas. Auch wenn der Himmel für den modernen Menschen eher leer ist und die Kirchen als Anachronismus erscheinen, ist Spiritualität ja keine ausgestorbene Spezies: Meditations-Apps, Pilgerreisen, Yoga- Retreats, Kloster auf Zeit erfreuen sich großer Beliebtheit. Der Mensch möchte etwas glauben oder wenigstens still werden und tiefer atmen lernen. Ernsthaft natürlich, und doch auch mit einem Schulterzucken Glaubensfragen gegenüber. "Hilf meinem Unglauben". Der "Seufzer" hat etwas von einem Spiel mit der Paradoxie. Das war wohl auch der Grund für seine Jahreskrönung.

Ein Blick in das Markusevangelium bringt aber zu Tage, dass der Satz, der wie ein stiller Seufzer daherkommt, eine ganz andere Tonlage aufweist. Sie ist laut, aggressiv, verzweifelt. Wenn man den Vers im Zusammenhang liest, verliert er alle Blassheit.

Mit wenigen Worten zeichnet Markus eine dramatische Szene: Wir befinden uns mitten in einem Getümmel: Schriftgelehrte, die Jünger Jesu, eine Menschenmenge. Und im Zentrum steht ein Vater mit einem behinderten Kind, das von Geburt an unter Epilepsie leidet.

Der Vater bittet Jesu Jünger um Hilfe, doch die können nichts tun. Und dann, gerade während sein Kind einen epileptischen Anfall erleidet, steht der Mann vor Jesus und fleht ihn an: "Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!" Doch anstatt dem Jungen augenblicklich zu helfen, beginnt Jesus eine Diskussion über den Glauben und provoziert damit den armen Mann noch mehr. Der Vater verliert die Selbstkontrolle, ihm reißt der Geduldsfaden. Er kann nur noch herausschreien, was ihn im Innersten zerreißt: "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!"

Schließlich heilt Jesus den Jungen. Doch die Heilung wird beinahe zum Nebenaspekt, denn die Erzählung ist mehr als eine klassische Wundergeschichte. Es geht vor allem um den Begriff "glauben" und um das Gegensatzpaar "Glaube – Unglaube".

Die Lutherbibel und andere Bibelübersetzungen übersetzen den zentralen Satz der Geschichte mit "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!" Eine sehr wörtliche Übersetzung, genauer geht es kaum.

Mit ein bisschen Übersetzungsfreiheit ließe sich der Satz vielleicht auch so übersetzen: "Ich vertraue dir ja – hilf mir doch, meinen Unglauben zu überwinden!" So rückt einem vielleicht der Sinn und auch die ganze Verzweiflung dieser Aussage ein Stück näher.

Was sich in der Jahreslosung wie ein stilles Gebet liest, hat eine ganz andere Temperatur. Es ist ein Schrei. Und die Worte, das verzweifelte Vertrauen, das aus diesem Schrei gepresst wird, sind nicht Ergebnis einer wohlgeformten theologischen Einsicht.

Dieser Glauben hat keine Alternative mehr. Er ist erlitten. Dieser Schrei wurzelt im ganzen bisherigen Leben dieses Vaters und seiner Liebe zu seinem kranken Kind. Er weigert sich, die Hoffnung zu verlieren und setzt sich so über gesellschaftliche Konventionen hinweg, scheut keine Peinlichkeit, lässt sich nicht abwimmeln. Die Enttäuschung soll nicht das letzte Wort haben!

"Ich glaube, hilf meinem Unglauben." – Das ist die Essenz seiner Persönlichkeit. Verzweifeltes Vertrauen. Daher kommt die Kraft.

Ja, Gründe gegen den Glauben gibt es viele. Aber Glauben geschieht gegen den Anschein der Vorherrschaft von Leid, Gewalt und Tod. Glaube ist eine Haltung des "Trotzdem". Eine Ausrichtung auf das, was sein könnte und sein sollte, und nicht auf das, was augenscheinlich ist.

Die Jahreslosung lädt uns also ein zu einem Jahr, in dem wir dem Zweifel Raum geben können. Und sie lädt uns ein, die Augen zu öffnen für unsere Welt und all die Gründe, die gegen den Glauben sprechen. Sehen wir auf die Veränderung unserer Erde, auf den Krieg, auf den Hunger. Sehen wir auf das Leid in unserer unmittelbaren Nähe und in unseren eigenen vier Wänden: auf das kranke Kind, auf die Mutter, die viel zu früh stirbt, auf das Dunkel in uns selbst, das sonst keiner kennt.

Sehen wir auf das, was wir tun können, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, und schauen wir auf unsere Grenzen, wo nur die Verzweiflung bleibt! "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!"

Pfarrer Michael Busch

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