Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

Pfarrer Rolf Reisert in der Petrusgemeinde

von Lutz Poetter

Rolf Reisert vor der Petruskirche (1980) – Bild: Gemeindearchiv Petrus-Giesensdorf

Am Reformationstag 31. Oktober starb Pfarrer i. R. Rolf Reisert im Alter von 78 Jahren.

Als Pfarrer in Lichterfelde Ost hat er fast zwei Jahrzehnte lang die Geschicke der Petrusgemeinde mitbestimmt. Sein Dienst fiel in die Zeit der größten Veränderungen in der Kirche und der Gemeinde.

Pfarrer Rolf Reisert begann am 1. Mai 1971 seinen Dienst, am 9. Mai wurde er in der Petruskirche in sein Amt eingeführt. Rolf war 30 Jahre alt, im Anschluss an sein Theologiestudium war er Vikar bei Superintendent George in Schöneberg, seine erste Gemeinde war Sankt Paul am Gesundbrunnen. Familie Reisert – Rolf mit seiner Ehefrau Ute und den Töchtern Gesine und Pia – zog in die untere Wohnung im Pfarrhaus ein. Oben wohnte mit seiner Frau Dorothea – Bezirksverordnete für Sozialwesen – der Pfarrer Ernst Rohde, seit 1955 im Amt und in seinen letzten Dienstjahren. Pfarrer Dr. Eberhard Scherer war der dritte im Bunde, neben seinem Gemeindedienst war er als Schulpfarrer tätig und wohnte in der Zerbster Straße.

Pfarrer Rohde kam aus der Deutschen Ostasienmission und hatte die Restaurierung und Wiedereröffnung der Petruskirche 1955 begleitet. Mit dem Bau der Holzkirche 1956 hatte er sich zur Verantwortung der Kirchengemeinde für die Kleinraumsiedlung Woltmannweg und ihren Anwohnern bekannt. 3000 Menschen wohnten hier in einfachen Baracken, "nur vorübergehend, weil sie in finanzielle Not geraten waren". So entstand die "Mau-Mau-Siedlung". Pfarrer Dr. Scherer – promovierter Alttestamentler – setzte seinen akademisch-theologischen Schwerpunkt als Lehrer und Pfarrer für gemeindliche Kinderarbeit. Rolf Reisert als Jüngster bekam die Jugendarbeit. Die Jugendlichen liebten ihn und seine unkomplizierte Art. Mein Lieblingsfoto zeigt Rolf mit zwei Jugendleitern und vier kecken Jungs vor der Holzkirche, strahlend und mit Zigarette.

Der junge Pfarrer hatte keinerlei Berührungsängste mit Bewohnern der Mau-Mau-Siedlung, er sprach laut und verständlich, schnörkellos und ungekünstelt. Er kam gut an, gerade bei den einfachen Gemeindegliedern, alle nannten ihn Rolf. Als Pfarrer zum Anfassen war er für alle da. Seine Predigten und sein Konfirmandenunterricht waren unkompliziert und nah an seiner Erfahrung als Gemeindepfarrer. Er liebte es, blumige Geschichten zu erzählen. Komplizierte Auslegungen und theologische Abhandlungen waren nicht seine Sache.

Gerade auch durch Reiserts engagierte Jugendarbeit wurde die Holzkirche ab 1973 zum Kristallisationspunkt der Sanierung der Kleinraumsiedlung und des Neubaugebiets Woltmannweg.

Mietergruppe und Team Sozialplanung hatten hier in der Holzkirche ihren Ursprung, hier bildete sich unter der Führung von Dietrich Grothe-Jung im Auftrag der Gemeinde ein Gegenentwurf zu den untauglichen Plänen von Senat, Bezirk und Wohnungsbaugesellschaft. Statt einer zweiten Thermometersiedlung entstand am Ende in mehreren Bauabschnitten ein attraktives Neubauquartier mit Modellcharakter.

1975 kam Pfarrer Gottfried Kraatz in die Petrusgemeinde als Nachfolger für Ernst Rohde. Er blieb fünf Jahre in Lichterfelde.

Spätestens in dieser Zeit änderte sich der Blick der Gemeinden auf ihre Stadtkirchen der Kaiserzeit.

Ob im Zentrum oder an der Peripherie: Kirchen galten als Orientierungspunkte im Stadtbild der Hauptstadt. Petruskirche, Pauluskirche und Johanneskirche gehörten einfach zu Lichterfelde. Im Krieg oftmals durch Bomben zerstört, zögerte man in den 50er-Jahren nicht mit dem Wiederaufbau und der Restaurierung der wilhelminischen Bauwerke. Natürlich waren in den 60er-Jahren zahlreiche moderne Kirchenbauten – und mit ihnen Filialgemeinden – entstanden. Aber die freistehenden Giganten preußischer Backsteingotik blieben fraglos und unangefochten. Das änderte sich durch die Ölkrise. "Können wir uns solche großen alten Bauwerke noch leisten? Und wie sollen wir sie heizen? Reicht uns nicht auch unser Gemeindehaus?" Um teures Öl zu sparen, blieb die Petruskirche im Winter ungeheizt und geschlossen. Aber das bekam der neuen Walcker-Orgel schlecht, Kälte und Feuchtigkeit drohten sie zu zerstören. "Am 2. Advent 1978 feierten wir das 80. Kirchweihjubiläum – als Trauergottesdienst. Sollte das der Abschied der Gemeinde von ihrer Kirche sein?" Einige Stimmen forderten die Schließung, andere eine intensivere Nutzung der Kirche. "Offene Kirche für Lichterfelde – die Gemeinde feiert Gottesdienst, aber auch noch viel mehr!" Für die Freunde und Befürworter einer multifunktionalen Nutzung der Petruskirche war das klar und wünschenswert, bereichernd und hoffnungsvoll – und die einzige Möglichkeit, die "Kirche im Kiez" zu erhalten. Andere standen skeptisch und eher ablehnend vor dem Projekt "Petruskirche für Lichterfelde": Moderne Kunst und weltliche Musik im Gotteshaus – so treibt man doch die letzten frommen Christen endgültig aus der Kirche ...

Die beharrliche Überzeugungsarbeit von Rolf Reisert, sein Werben um Unterstützung und Mitarbeit innerhalb und außerhalb der Gemeinde erreichte schließlich die Entscheidung für das Projekt. Pionierarbeit in Lichterfelde Ost – ohne Vorläufer und Beispiele! Die Petruskirche war tatsächlich Vorreiterin einer multifunktionalen Nutzung durch verschiedene Gemeindegruppen und Veranstaltungsinitiativen.

Rolf Reisert mit Siggi Jacobs bei der 35. Jubiläumsfeier der Kultur (2017) – Bild: Reiner Kolodziej

Im Rückblick erscheinen die damals unerhörten Neuerungen logisch und selbstverständlich. Schicksal aller Pioniere: Ihre Zukunftsvorstellungen erscheinen den meisten Zeitgenossen als alberne Fantastereien: "So etwas haben wir noch nie gemacht, das funktioniert doch nie im Leben!" Was musste sich der große Otto Lilienthal alles anhören bei seinen Flugversuchen in Lichterfelde ...

Auf Basaren und auf Festen "Rund um die Petruskirche" wurde Geld für den Umbau der Kirche gesammelt. Der Verkauf eines Stücks Pfarrgarten erbrachte den Rest.

Rolf Reisert regte an, die Architektengemeinschaft Gies, Rau und Wuttig führte aus: Der Umbau 1981 brachte die neue Heizung, die "Winterkirche" als eigenen Raum unter der Empore und den Einbau von Toiletten im Turm. Die Seitenwände wurden zur Galerie. Neben der Sakristei entstand ein rückwärtiger Ausgang ins Freie, alle Kirchenbänke wurden durch Stühle ersetzt.

Am dritten Advent 1981 wurde die umgebaute Petruskirche wieder eingeweiht. Im Januar 1982 begann das reguläre Kulturprogramm mit einem Konzert der Liedermacher Pannach und Kunert und einer Ausstellung des Malers Ebrahim Ehrari.

Verantwortlich für den neuen Arbeitszweig war die Kulturgruppe mit dem Kulturpfarrer. Dazu gehörten das Kirchwartsehepaar Günter und Eveline Lindke, Kirchenmusikerin Renate Zarneckow, Küsterin Sibylle Mewis und interessierte Ehrenamtliche aus dem Umfeld der Petruskirche. Aber jemand musste die Veranstaltungen und Ausstellungen organisieren und koordinieren. Die Gemeinde beantragte Gelder beim Arbeitsamt und schuf eine ABM-Stelle für Kulturarbeit. Der Musiker Matthias Witting, der Schauspieler und Theaterregisseur Siegfried "Siggi" Jacobs, die Pädagogin Monika Römer-Jacobs, der Kunstwissenschaftler Horst Ellenbeck prägten diese Arbeit mit ihren Fähigkeiten und Interessen und entwickelten die Petruskirche zu einem faszinierenden Veranstaltungsort. Wichtig war, dass alles in der Gemeinde bleibt und gemeinsam abgestimmt ist. Externe Kulturmanager oder Konzertagenturen wollten wir nicht.

Im Sommer 1985 suchte Lutz Poetter eine Gemeindepfarrstelle. Nach vier Jahren als Pastor im Hilfsdienst in Neukölln, Wannsee und Wilmersdorf gab Oberkonsistorialrat Dietrich Wewerke ihm einen Rat. Lutz Poetter kam nach Lichterfelde Ost, sah die Holzkirche und die offene Petruskirche. Ich hatte meine Lieblingsgemeinde gefunden! Nach intensiven Gesprächen mit allen Mitgliedern des Gemeindekirchenrats bewarb ich mich um die Pfarrstelle und wurde 1986 Jugendpfarrer der Petrusgemeinde – neben meinen Kollegen Reisert und Dr. Scherer. Ich erlebte drei gute Jahre der voll entwickelten Kulturarbeit unter Rolf Reisert.

Ende 1988 trat eine Veränderung ein: Der Pionier und Initiator hatte nach zehn Jahren Kulturarbeit keine Kraft und Leidenschaft mehr für die Petruskirche. Er sprach von einem Urlaub oder Sabbathjahr, wollte Lichterfelde verlassen und noch einmal woanders neu anfangen. Kulturgruppe, Freunde, Weggefährten waren verunsichert und enttäuscht: Rolf will uns verlassen! Sein Herzinfarkt im Sommer 1989 beendete alle beruflichen Pläne. Pfarrer Reisert ließ sich in den Ruhestand versetzen. Doch die Kulturarbeit in der Petruskirche lief kräftig und lebhaft weiter – anders als von vielen und ihm selbst erwartet: Ohne Rolf Reisert wird die Kultur untergehen. Aber dafür war sie einfach zu wertvoll und zu wichtig. Sie musste unbedingt erhalten werden. Nach der glücklosen Episode mit Volkmar Metzner trat ich das Erbe an: Lutz Poetter wurde 1993 bis 2016 Kulturpfarrer. Die Pfarrstelle dafür war allerdings gestrichen. In der Petrusgemeinde gab es nur noch zwei: Dr. Scherer und Poetter. Seine Aufgaben als Kulturpfarrer mit dem Kunstbeirat und mit Gisela Kürschner und der Kulturgruppe kamen zu Jugend- und Altenarbeit einfach obendrauf. Zum Glück ist das für Roland Wicher in Petrus-Giesensdorf nicht mehr so.

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