Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

Zu Weihnachten vereint
Die Weihnachtsgeschichte

von Torsten Lüdtke

Bild:pixabay.com

Peter legte den in braunes Leder gebundenen Kalender in die Aktentasche und verschloss sorgfältig den soeben aufgeräumten Schreibtisch. Er rückte die Stifte zurecht und schaute dabei aus dem großen Fenster auf die vergoldeten Zeiger der gegenüberliegenden Kirchturmuhr, die in diesem Moment auf halb vier zeigten. Es war ein traumhaft schöner Dezembernachmittag. Durch die leeren Äste der hohen Lindenbäume, die die Kirche umstanden, fiel das goldene Licht der Abenddämmerung auf die Dächer, den Gehweg und die Straße. Bei diesem malerischen Anblick kamen Peter verschiedene Gedanken in den Sinn: Er dachte daran, dass vor mehr als dreißig Jahren in der mächtigen Backsteinkirche früher Schallplatten aufgenommen wurden ... – Er dachte auch daran, dass er in Oberschöneweide arbeitete ... – Oberschöneweide, das er früher höchstens über die altberliner Verballhornung "Oberschweineöde" kannte ... –

Bei diesen Gedanken musste Peter still lächeln. Er erinnerte sich gut an seine Erlebnisse in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1989, an unbeschwerte Jugend- und Schultage ... Je mehr er über die Zeit nachsann, desto tiefer versank er mit jedem neuen Gedanken in der Geschichte, in seiner Geschichte ...

"Ja, die Adventszeit 1989", dachte Peter lächelnd, "an die kann ich mich so gut erinnern, als wäre sie erst gestern gewesen. Doch begann alles schon am 9. November und dem Tag danach. Ich war 16, und es war ein angenehm warmer und sonniger Nachmittag. Ich trödelte besonders auf dem Heimweg. Weder der helle Sonnenschein, noch das goldgelbe Laub, das zu meinen Füßen raschelte, vermochten mich aus meinen düsteren Gedanken zu wecken. An keinem Tag bisher hatte ich mich so schlecht und so einsam gefühlt, wie an diesem Tag. Es war nicht der platte Reifen des Rennrades, der mich ärgerte; es war auch nicht die Fünf in der Französischarbeit, oder die fehlende Einladung zur Party meiner Freundin Vera, die mich traurig stimmten. Ich wusste es selbst nicht, was mich an diesem Novembertag wirklich niederdrückte. – Meine melancholische Stimmung konnte ich mir nicht erklären: die Fünf in der Arbeit war verdient, das Rad würde in Kürze repariert sein und die Party bei Vera – die konnte mir eigentlich egal sein. Schließlich war Alexa viel netter ...

Vom Fall der Mauer hatte ich an diesem Tage nichts mitbekommen, denn trotz meiner miesen Laune verlief der Donnerstagnachmittag ziemlich unspektakulär; die Hausaufgaben waren schnell erledigt, der Reifen im Handumdrehen geflickt und meine Eltern hatten nur leise geseufzt, als sie die Französischarbeit unterschrieben. Unmittelbar nach dem gemeinsamen Abendessen war ich in meinem Zimmer verschwunden, wo ich die Stereoanlage weit aufdrehte und laut meine Lieblingsmusik hörte.

Erst am nächsten Morgen, um sieben Uhr, hörte ich schlaftrunken im Radiowecker die verwirrende Meldung, wonach Autos der Marken "Wartburg" und "Trabant" die ganze Nacht auf dem Ku’damm und in Westberlin unterwegs gewesen seien. Damals konnte ich mir diese Nachricht nicht erklären. Ich machte mich rasch fertig und fuhr eilig mit dem Rad in die Schule. Als ich den Klassenraum erreichte, staunte ich nicht schlecht: An den Tischen im Klassenraum saßen nur vier meiner Mitschüler. Wir beschlossen, im Sekretariat nachzufragen, was denn los sei. Hier erfuhren wir, dass in Berlin heute schulfrei sei, denn schließlich wären wir Zeugen eines wahrhaft historischen Moments. Jetzt erklärte sich auch die Radiomeldung von vorhin. Es war kein Traum gewesen; die Bürger der DDR konnten endlich frei reisen.

Meinen Mitschülern und mir war sofort klar, dass wir diesen "Augenblick der Weltgeschichte" selbst an der Invalidenstraße sehen und miterleben wollten. Dort trauten wir unseren Augen und Ohren kaum, so ungewöhnlich war das Bild, das sich bot: Auf der Straße reihte sich Trabant an Trabant. Am Straßenrand standen unzählige Menschen, die jeden Trabbi, der die Grenzlinie passierte, begeistert begrüßten. In der Menschenmenge erblickte ich plötzlich eine junge Frau, die ich gut kannte, die ich aber nicht in Berlin vermutet hätte: meine Cousine Friederike aus Pirna. Rieke hatte auch mich gesehen, und sie lief freudestrahlend auf mich zu. Rieke war drei Jahre älter als ich, und rief mir von Weitem zu: "Hallo Peter. Schön, dass ich dich heute hier sehe!" Nur einen Augenblick später lagen wir uns in den Armen.

"Mensch, wie kommst du denn hierher?", fragte ich sie erstaunt.

"Mit der Straßenbahn!" antwortete Rieke lachend. Ich muss wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn Rieke erklärte mir, dass sie seit acht Wochen in Berlin lebe, weil sie an der Humboldt-Universität studiere. Sie erklärte mir, dass sie gestern in der Tagesschau erfahren habe, dass die Grenzen geöffnet wären. "Was hast du jetzt vor?", fragte ich Rieke. "Komische Frage, ich will endlich den Westen kennenlernen!", antwortete Rieke freudestrahlend.

"Lass uns gemeinsam fahren", schlug ich Rieke vor, die den Vorschlag gerne annahm. Unterwegs sprachen wir über verschiedene Dinge, so dass die Fahrzeit rasch verging.

"Wusstest du eigentlich", fragte Rieke, "dass wir in Pirna im 'Tal der Ahnungslosen' lebten?" Ich verstand diese Frage nicht richtig und sagte entrüstet: " Ihr wart die Ahnungslosen? Wir haben euch doch immer Briefe, Bilder und Pakete geschickt!"

Rieke lachte. "So war's freilich nicht gemeint, die Briefe und die Bilder haben wir immer bekommen. Bei den Paketen sah es leider etwas anders aus. Aber ich meinte ja auch nicht die Informationen, die unsere Familie betrafen, sondern die Nachrichte aus dem Westfernsehen. In Pirna konnten wir – anders als an andren Orten in der DDR – kein Westfernsehen empfangen. Wir kamen deshalb nur schwer an andere Informationen als die, die der DDR-Rundfunk und unsere Zeitungen verbreiteten."

Das hatte ich nicht gewusst, doch war es mir bei früheren Besuchen schon aufgefallen, dass das Fernsehen bei Tante Lotte und Onkel Hannes keine große Rolle spielte. Bevor ich etwas sagen konnte, fuhr Rieke ernsthaft fort: "Du glaubst ja auch nicht, wie eure Geburtstagsbriefe oder Weihnachtspakete bei uns ankamen. Viele Westpakete wurden von Mitarbeitern der Staatssicherheit geöffnet, und dann waren die tollsten Weihnachtsgeschenke aus dem Paket schon weg, als dieses bei uns ankam."

"Moment mal", sagte ich entrüstet, "auch in euren Pakete war nicht immer alles drin! Vor zehn Jahren, als Tante Lotte uns das Paket mit der Weihnachtspyramide schicken wollte, kam diese gar nicht an. Ich war damals sehr enttäuscht und habe auch lange geglaubt, ihr hättet sie uns nie geschickt." Während wir noch so sprachen, hatte der Bus den Kurfürstendamm erreicht. Am Café Kranzler stiegen wir aus. Hier lud Rieke auf eine Tasse Kaffee ein. Bald saßen wir vor den großen Scheiben und beobachteten die Passanten an diesem bedeutsamen Tag.

In den folgenden Wochen sahen wir uns häufig. Rieke kam nach Lichterfelde und ich fuhr oft nach Mitte in die Auguststraße, wo Rieke in einer winzigen Altbauwohnung als Untermieterin wohnte. Von dort aus lernte ich den Ostteil der Stadt kennen; ich sah den Märchenbrunnen, das Lenindenkmal und die Karl-Marx-Allee. Ende November hatte Rieke mit der Zimmerwirtin ausgemacht, dass sie die Küche nutzen könnte, denn sie wollte gern mit mir Plätzchen, Lebkuchen und anderes Weihnachtsgebäck backen. Für einen Adventssonnabend hatte sich Rieke etwas anderes ausgedacht; sie erwartete mich an der Haustür. Gemeinsam bummelten wir durch die Straßen Berlins. Als es dunkel wurde, bogen wir in die Sophienstraße ein. Rieke zeigte mir den kleinen Weihnachtsmarkt, der im Schatten der alten Kirche aufgebaut war. Auf diesem Markt boten verschiedene Kunsthandwerker ihre Waren an. Es gab Filzpantoffeln, nostalgisch anmutenden Glasschmuck und auch einen Stand, wo es Pyramiden, Räuchermänner, Engelchen und vieles mehr zu sehen gab. An diesem sagte Rieke feierlich: "Suche dir eine kleine Pyramide aus. Die will ich dir heute schenken, weil du damals so traurig warst." Ich suchte mir eine Pyramide aus, Rieke zahlte und die Pyramide verschwand in einem grauen Karton. Am Abend brachte mich Rieke zum Bahnhof Friedrichstraße, wo wir uns am Tränenpalast verabschiedeten. Dass dieser Name passte, sah ich an den Tränen auf Riekes Gesicht.

Für den 22. Dezember 1989 waren wir fest verabredet. An der Öffnung der Mauer am Brandenburger Tor wollten wir beide teilnehmen. Ich konnte es kaum erwarten, Rieke wiederzusehen. Zur bestimmten Stunde war ich dort, doch nahm ich nur Fernsehteams und Fotoreporter wahr. Rieke konnte ich in den Menschenmassen nicht entdecken. Im leichten Nieselregen wartete ich; Hände und Füße waren schon ganz kalt, als ich den Druck einer Hand auf meiner Schulter spürte. Ich drehte mich um – und sah das Gesicht von Onkel Hannes, hinter ihm standen Tante Lotte und Rieke. Wir freuten uns über das Wiedersehen und fuhren dann zu meinen Eltern. Weihnachten, so beschlossen wir, wollten wir gern gemeinsam verbringen. Am Heiligen Abend besuchten wir gemeinsam die Christvesper in der Sophienkirche und danach feierten wir in Riekes winziger Studentenbude. Es gab das Weihnachtsgebäck, das Rieke und ich gebacken hatten und in einer Ecke stand ein kleines Weihnachtsbäumchen – Es wurde ein wunderschöner Heiliger Abend. Nach langer Zeit war die Familie wieder vereint.

Torsten Lüdtke

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