Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.11.2019

Die Wende
Aus der Sicht der Seniorenarbeit

von Gisela Meyer

Was hat sich für unsere Seniorenarbeit in den 30 Jahren geändert?

Schon lange bevor ich 1981 als Gemeindeschwester in Giesensdorf angestellt wurde, gab es in unserer Gemeinde in jedem Jahr eine 14-tägige Seniorenreise und natürlich kamen damals nur Ziele in Westdeutschland mit Transit durch die DDR infrage. Mit dem Mauerfall hätten wir nun auch in den neuen Bundesländern Urlaub machen können, aber die Unterbringungsmöglichkeiten entsprachen anfangs nicht unseren Vorstellungen oder sie waren viel zu teuer. Dann hatten wir aber 1998 das große Glück, in Zinnowitz auf Usedom ein Hotel direkt an der Strandpromenade zu finden, das gerade neu eröffnet werden sollte. Der Hotelier, der noch unsicher war, ob sein Haus auf Anhieb ausgelastet werden könnte, hatte uns ein Jahr im Voraus einen moderaten Preis angeboten, und wir residierten wie die Fürsten. So ein Schnäppchen fanden wir nicht wieder. Aber dann wurden wir 2005 zufällig auf das barocke Wasserschloss Oppurg in Thüringen aufmerksam und haben dort 12 Mal herrliche Seniorenfreizeiten verbracht. Gerne wären wir noch öfter nach Oppurg gefahren, aber das Haus wurde 2018 ganz überraschend geschlossen, und wir fanden für dieses Jahr keinen Ersatz. Jetzt sind wir froh, in Herrnhut in der Oberlausitz/Sachsen ein neues Urlaubsdomizil gefunden zu haben und hoffen, dort in den kommenden Jahren die Tradition fortsetzen zu können.

Auch unsere Tagesfahrten und Gemeindeausflüge haben eine lange Tradition. Plötzlich konnten wir nun unser Umland, zuerst die Mark Brandenburg und dann auch entferntere Ziele "erfahren", um all das kennen zu lernen, was uns als Westberlinern seit 1952 kaum möglich war.

Stadtgrenze Ostpreußendamm ca. 1988 – Bild: Slg. www.lichterfelde-süd.de

Zählkarte vom 24. Dezember 1989 – Bild: Slg. www.lichterfelde-süd.de

Ich erinnere mich, dass wir gleich im Frühjahr 1990 eine Fahrt mit dem Reisebus nach Potsdam über den neuen Grenzübergang Ostpreußendamm/Philipp-Müller-Allee (heute: Lichterfelder Allee) unternehmen wollten. Es war geplant, im "Deutschen Haus" in Ahrensdorf bei Ludwigsfelde Kaffee zu trinken und dann sollten wir in Potsdam von einer Stadtführerin erwartet werden. Doch im Überschwang meiner Begeisterung war mir völlig entgangen, dass hier der Grenzübergang nur PKWs gestattet war. Was nun? Da ich unmittelbar an dem Grenzübergang wohne, kannte ich inzwischen die "Grenzer", die uns bei jedem Spaziergang nach Teltow kontrollierten, recht gut. Ich ging also zu ihrem Schichtleiter und schilderte ihm unsere missliche Lage und bat, für uns eine Ausnahme zu machen. Er reagierte menschlich – und mit dem Versprechen, dass wir abends, ehe seine Schicht zu Ende ginge, wieder zurück sein werden, ließ er unseren Bus passieren.

Die nun eigentlich sinnlos gewordenen Grenzkontrollen gab es noch bis zum Sommer 1990, dann waren unseren Tagesfahrten keine Grenzen mehr gesetzt. Seitdem haben wir bei unzähligen Ausflügen mit den "Öffentlichen" und mit dem Reisebus Ostberlin, Brandenburg und weitere Ziele erkundet. Städte, Kirchen, Klöster, Museen, Gedenkstätten und Gartenschauen standen auf unserem Programm, und die Ideen werden uns auch zukünftig nicht ausgehen. In manchen Orten waren wir schon mehr als einmal und konnten sehen, wie sie sich im Verlauf der Jahre verändert haben.

Warum schildere ich das so ausführlich? Weil wir den 30. Jahrestag des Mauerfalls feiern, uns an dieses unglaubliche Ereignis erinnern, an die Begeisterung und Freude über ein vereintes Deutschland!

Dass diese Euphorie nicht andauern konnte, war allen klar, doch leider hört man auch nach so langer Zeit immer noch Vorurteile, egal ob von West oder Ost. Sie kennen die Sprüche sicher auch: "typisch Ossi" oder "typisch Wessi". Um die aus den Köpfen zu bekommen, braucht es Begegnungen mit Menschen und ihren Schicksalen, bei denen wir etwas erfahren über die manchmal nicht nur positiven Folgen der Wiedervereinigung, über Verletzungen oder enttäuschte Hoffnungen. Wir vergessen zu leicht, welche Herausforderungen auf viele ehemalige DDR-Bürger nach der Wende zukamen. Gerne wird auch vergessen, mit welcher Überheblichkeit sie sich oft von uns belehren lassen mussten. Nicht wenige haben erlebt, wie sie z. B. Von Versicherungen und Autoverkäufern buchstäblich über den Tisch gezogen wurden. Direkt vor Ort von Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit, dem Wegzug der jungen Generation oder dem Verlust des Häuschens zu hören, erreicht uns anders als wenn wir das nur im Fernsehen sehen.

Durch unsere Ausflüge lernen wir Land und Leute besser kennen (und sie uns) und verstehen; das sollte uns helfen, keine vorschnellen Urteile zu fällen und für bestimmte Verhaltensweisen und Reaktionen mehr Verständnis aufzubringen. Dabei fallen mir gerade beispielhaft unsere Fahrten nach Eisenhüttenstadt ein, auf denen wir erfuhren, wie die Menschen unter schwierigsten Umständen dort nach dem Krieg eine Stadt und ein Eisenhüttenwerk gebaut haben, worauf sie mit Recht stolz waren und sind. Sie haben es sogar erreicht, dass in dieser "sozialistischen Stadt" (1953-61 Stalinstadt!) ein Kirchengebäude errichtet wurde. Dass das Leben für engagierte Christen in der DDR kein Zuckerschlecken war, ist allgemein bekannt; wieviel schwieriger war es dort, Kirchen und Gemeindehäuser vor dem Verfall zu retten oder sogar neu zu bauen – auch das gab es!

So wollen wir auch im 30. Jahr nach dem Mauerfall unsere Exkursionen fortsetzen, um Neues kennenzulernen, die Natur und die Gemeinschaft zu genießen und eventuell noch vorhandene Klischees abzubauen!

Gisela Meyer
für das Seniorenarbeitsteam

Übrigens: Wer Lust hat, auf den Mauerfall anzustoßen , kann sich am 9. November um 10:00 Uhr an der Stadtgrenze Ostpreußendamm / Lichterfelder Allee einfinden!
Bitte ein Glas und etwas zu trinken und evtl. Fotos mitbringen.


Stadtgrenze Ostpreußendamm im Herbst 2019 – Bild: Slg. www.lichterfelde-süd.de

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