Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.11.2019

Stürme im November
Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer Björn Sellin-Reschke


Foto: pixabay.com

Manchen Herbststurm bringt der November mit sich. Dann werfen die Bäume ihre letzten Blätter ab. Kahl bleiben sie stehen ... kahl, und manchmal wirken die leeren Äste trostlos.

In den November gehören aber auch Stürme anderer Art: Seelen-Stürme!

Für manche Menschen reicht schon die Tristesse des abnehmenden Lichtes aus, dass ihre Seele einem der kahlen Bäume gleicht.

Ja, es kann helfen: eine Kerze anzuzünden, sich einen heißen Tee zu kochen und sich auf der Couch einzumümmeln. Aber nicht immer reicht das meiner Seele aus!

Hinzu kommt im November die geballte Zahl von Gedenktagen. Abgesehen vom St. Martinsfest, das fröhlich in unseren Kitas gefeiert wird, sind die Fest- und Gedenktage eher von tiefreichender Schwere geprägt:

Am 9. November feiern wir nicht nur den Mauerfall vor 30 Jahren, sondern wir sollten auch der Reichspogrome gegen jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Synagogen im Jahr 1938 gedenken – dies noch einmal im besonderen Maße nach den Ereignissen am 9. Oktober dieses Jahres in Halle. Es folgt in der Reihe der Gedenktage der Volkstrauertag, der an die beiden Weltkriege erinnert und zugleich die aktuellen Unruhen in dieser Welt ins Bewusstsein rückt. Der Buß- und Bettag schließlich fragt mich ganz persönlich an, wie es mit meinem Fußabdruck (nicht nur dem ökologischen) in unserer Gesellschaft aussieht. Und schließlich kommt dann noch der Toten- und Ewigkeitssonntag: das Erinnern an die Verstorbenen, die vor uns gegangen sind.

November ... für viele ist dieser Monat einer, der irgendwie durchgehalten und ausgehalten werden muss.

Und in diesem Jahr schafft es nicht einmal der 1. Advent in den November hinein – er kommt erst Anfang des nächsten Monats.

Mitten hinein in diese Mischung aus Fragen, Gedenken und manchmal auch schmerzhaften Erinnerungen bringt der Monatsspruch frischen Wind:

"Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt ..." (Hiob 19,25)

Das klingt wie ein Einspruch gegen das, was uns in diesen Wochen die Seele beschwert: Da ist im Monatsspruch von Erlösung die Rede! Und vom Leben! Nicht aber von Dunkelheit – und keineswegs von Aussichtslosigkeit.

Wem dieses Reden von Erlösung zu einfach klingt, für den ist es gut zu wissen, dass Hiob, von dem der Satz stammt, nicht auf der Sonnenseite des Lebens stand. Ganz im Gegenteil! Die Bibel erzählt, wie er seinen ganzen Besitz verlor. Und: viel schlimmer: seine Töchter und Söhne auf tragische Weise ums Leben kamen.

Wenn Hiob versucht, seinen Blick auf Gott zu richten und von ihm Erlösung zu erhoffen, dann ist das nicht so dahingesagt!

Er selbst hat es seinem Glauben abgerungen: "Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt ..."

Gerne hätte ich gewusst, wie Hiob diesen Satz genau betont hat.

Betont er das erste Wort "ABER" und hat er es voll Trotz ausgesprochen – gegen sein Leid gerichtet?

Oder betonte Hiob eher die Worte: "ICH WEIß ..."? Dann hätte der Satz den Charakter eines Bekenntnisses. Oder – auch möglich – dass Hiob sich ganz auf das Wort "ERLÖSER" konzentrierte und es voll Sehnsucht aussprach.

Und schließlich frage ich mich auch: ist dieser Satz aus Hiobs Munde wie ein Schrei gegen den Sturm gewesen oder war es sein Mantra, das sich Hiob schon vorher immer und immer wieder sagen musste, um es selbst glauben zu können?

Wir wissen es nicht und sind daher frei, den Satz so zu betonen und so zu verwenden und zu wiederholen, wie er für uns passt: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

In jedem Fall aber beschreibt die Bibel sehr genau die Situation, in der Hiob diese Hoffnung auf seinen Erlöser ausdrückt. Denn: Hiob ist in seiner eigenen Trauer nicht allein. Seine Freunde umgeben ihn. Länger als eine Woche teilen sie den Schmerz mit ihm. Sie teilen das Schweigen, als die Trauer unaussprechlich groß ist. Und sie bewegen auch gemeinsam die Frage: "Warum, Gott, musste das passieren?" – (Auch, wenn die Freunde auf der einen Seite und Hiob auf der anderen dabei zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen.)

Für viele Menschen unter uns ist der Monat November einer, in dem ähnliche Fragen an der Oberfläche liegen, wie sie Hiob durchmachte. Für viele ist daher jetzt eine Zeit, die irgendwie durchgehalten und ausgehalten werden muss. Manche Herbststürme kehren wieder – auch in der Seele.

Da kann es helfen, wenn andere – wie die Freunde von Hiob – einfach da sind! Die Fragen mit aushalten. Das Klagen vor Gott begleiten. In der Trauer ein Stück des Weges mitgehen.

In diesem Sinne bieten auch unsere Gottesdienste an den Feier- und Gedenktagen des Novembers eine Gelegenheit, sich nicht allein mit den Stürmen in der Seele beschäftigen zu müssen, sondern sie in Gemeinschaft zu teilen: die Fragen und Klagen!

Und schließlich den Versuch zu wagen: den Blick wieder neu auf Gott zu richten. So, wie es Hiob tat – in seinem Leid.

Pfarrer Björn Sellin-Reschke

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