Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.11.2019

Vikariat in der Petrusgemeinde
Erinnerungen an Carola Enke-Langner und Joachim Zehner

von Pfarrer i. R. Lutz Poetter

Im Spätsommer erreichten uns zwei Todesanzeigen: Carola Enke-Langner, Pfarrerin der Kirchengemeinde Marienfelde, erlag Ende August einem Krebsleiden, sie starb im Alter von 64 Jahren. Und Pfarrer Dr. Joachim Zehner, zuletzt Superintendent in Potsdam, starb mit 62 Jahren im Hospiz an einem inoperablen Hirntumor.

So unterschiedlich ihre Lebenswege und Wirkungsorte als Pfarrerin und als Pfarrer unserer Kirche auch waren, eins haben sie gemeinsam: Beide hatten ihre kirchliche Heimat eine Zeit lang in Lichterfelde Ost. Denn sie waren Vikarin und Vikar in der Petrusgemeinde.

Das Vikariat schließt sich an das Studium der Theologie an, in der Theorie und Wissenschaft dominieren. Evangelische Theologie hat ihren Ursprung in den reformatorischen Lehren, allen voran Martin Luther und seine Auseinandersetzungen mit katholischer Kirche und Papsttum. Im Vikariat folgt die Begegnung mit der realen kirchlichen Praxis, die konkreten Erfahrungen mit allen Facetten der Gemeindearbeit, an einer Schule oder kirchlichen Werken. Dabei zeigt sich dann auch, ob der Umgang mit Gemeindegliedern in ihren unterschiedlichsten Lebenssituationen und Gruppen, mit haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterrunden und die Leitungsgremienarbeit und damit der Weg zum Pfarrer und zur Pfarrerin wirklich der richtige ist. Denn am Ende steht die Ordination und der Eintritt in den Entsendungsdienst.

Carola Enke kam 1986 als Vikarin in die Petrusgemeinde. Ihr Mentor war Pfarrer Rolf Reisert. Carola interessierte sich besonders für die multifunktionale Nutzung der Petruskirche, die damals als Erstling in West-Berlin noch frisch und ungewöhnlich war. Nach dem Umbau der Kirche begann 1982 die Kulturarbeit mit Konzerten, Kunstausstellungen und dem Kirchencafé in der Winterkirche. Das Projekt "Offene Kirche für Lichterfelde" vereinigte die Gottesdienstkirche der Gemeinde mit einem lebendigen Kulturangebot und der Begegnungsmöglichkeit im Lichterfelder Kiez. Carola Enke nutzte ihre Zeit als Vikarin, um dieses Projekt zu beschreiben und die Auswirkungen auf die Gemeinde zu untersuchen. So entstand ihre Examensarbeit zum 2. Examen und die enge Verbindung zum Kirchenkreis Steglitz. Nach dem Gemeindevikariat in Lichterfelde unterbrach Carola ihre kirchliche Ausbildung und war vier Jahre lang wissenschaftliche Assistentin an der Kirchlichen Hochschule bei Prof. Peter von der Osten Sacken. Während dieser Zeit nahm sie einen Predigtauftrag wahr und hielt Gottesdienst in der Petruskirche. So blieb sie uns lange verbunden. Aber auch ein weiterer Interessenbereich von Carola führte für einige Frauen aus unserer Gemeinde zu langjähriger Verbindung mit ihr. Die feministische Theologie, Frauen in Bibel und Kirche bis hin zu Dorothea Sölle. Ein in Petrus begonnener Frauengesprächskreis folgte ihr in die Paulusgemeinde und dann nach Königswusterhausen, einige auch noch nach Marienfelde. Es waren immer intensive und nachhaltige Gespräche mit ihr.

In der Petrusgemeinde hat Carola übrigens Christian Langner kennengelernt, ihren späteren Ehemann. Sie gründeten eine Familie, und er begleitete sie bei ihrem Pfarrdienst in Königswusterhausen und zuletzt in Marienfelde.

Joachim Zehner kam als Vikar 1990 nach Lichterfelde, sein Mentor wurde Pfarrer Dr. Eberhard Scherer. Nach dem Abitur am Arndt-Gymnasium und einer Buchhändlerlehre hatte Joachim 1980 sein Theologiestudium begonnen, zuerst an der Kirchlichen Hochschule Berlin. Er wechselte bald an die Theologische Fakultät der Universität Tübingen. Dort lehrte der von seiner Kirche verfemte katholische Professor Hans Küng, Joachim Zehner wurde nach Studienabschluss sein wissenschaftlicher Mitarbeiter an Küngs Ökumenischem Institut. Er promovierte zum Doktor der Theologie und hielt neben seinem Beruf als Schulpfarrer, Gemeindepfarrer und schließlich Superintendent immer Kontakt zur akademischen Theologie: Lehrauftrag an der Viadrina Frankfurt/Oder, Habilitation zum Privatdozenten und Lehrauftrag als Systematischer Theologe an der Humboldt-Universität.

Als Vikar Anfang Dreißig hatte Dr. Joachim Zehner sehr genaue Vorstellungen von pastoraler Gemeindearbeit und missionarischem Gemeindeaufbau. Joachim war mit Leidenschaft Pfarrer in Verkündigung, Seelsorge und Unterricht. Für ihn war aber der Weg der Gemeindeglieder zu Kirche und Gemeindehaus, zu Pfarrern und Mitarbeitern in unseren kirchlichen Einrichtungen keine Einbahnstraße. Gerade die Pfarrer müssten sich selbst auf den Weg machen zu ihren Gemeindegliedern.

Joachim engagierte sich im Besuchsdienst, besonders die neu Zugezogenen suchte er auf und begrüßte sie persönlich. Dabei zog er selbst mit seiner Familie in die Mariannenstraße und blieb der Petrusgemeinde über sein Vikariat hinaus eng verbunden.

Vielleicht lag es auch an der Konkurrenz der beiden doctores theologiae, aber das Verhältnis zwischen Vikar und Mentor war höchst angespannt. Pfarrer Dr. Scherer teilte die meisten Ideen seines promovierten Vikars nicht, schließlich legte er das Mentorat ganz nieder. Als zweiter Pfarrer bot ich mich als Ersatz an bis zum Ende von Joachim Zehners Vikariat, denn wir beide verstanden uns gut.

Zum Abschied schrieb er im Herbst 1990 im "Schlüssel": "Eine spannende, inspirierende Zeit in der Petrusgemeinde geht zu Ende: Ich danke meinem Mentor, Pfarrer Dr. Eberhard Scherer, für das, was ich in der Diskussion mit ihm habe lernen dürfen; Pfarrer Lutz Poetter für sein Vorbild als Vermittler; Frau Stark für die Freude, in vielem mit ihr einer Meinung zu sein; Renate Zarneckow für Beistand und beschwingte Orgelmusik; der Kulturgruppe für eine herzliche Aufnahme und die Erweiterung meines Horizontes; Pfarrer Rolf Reisert für das, was ich von seinem Verständnis von "Predigt als Kontaktgeschehen" lernen konnte; Herrn Bramböck für die Impulse, die ich von ihm als engagiertem Gemeindeglied bekam; Carola Enke-Langner dafür, dass sie mir zuriet, in diese Gemeinde zu gehen und für solidarische Gespräche; den vielen freundlichen und mir als Anfänger wohlgesonnenen Gottesdienstbesuchern; den Brautpaaren, die mich zu ihren Festen einluden. Eines steht fest: eine liebenswerte Gemeinde (in der ich natürlich weiter Gemeindeglied bin). Der "Fels" liegt am Oberhofer Platz!"

Sicherlich gibt es auch drei Jahrzehnte später noch Gemeindeglieder, die sich an die beiden Berufsanfänger erinnern können: Vikarin Carola Enke und Vikar Joachim Zehner. Sie haben in Lichterfelde ihre Spuren hinterlassen.

Pfarrer i. R. Lutz Poetter

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