Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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9.12.2019

Herbstgedanken

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Bild: (GEP)

Es fängt wieder an kühl zu werden, die Strickjacken werden aus dem Schrank geholt, die Socken werden wieder dicker. Heiße Tees und Bücher werden wieder begehrter. Der Griff ins Regal folgt, Rilke, Gedichte: "Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los..." Der Klassiker zum Thema "Herbst". Wie viele Artikel und Herbstgedanken fingen eigentlich schon mit diesem Gedicht an?

In diesem Jahr legt sich bei mir auf die poetischen Zeilen aber doch eine bedrohliche Folie. Der Sommer war groß, wohl zu groß. Die Folgen sind bei einem Spaziergang durch Wald, Flur, Parks und Straßen deutlich zu erkennen. Verdorrtes und Vertrocknetes an jeder Ecke, die Felder staubtrocken. Das zweite Jahr hintereinander zu wenig Regen, Hitzerekorde allenthalben. Ist das noch Wetter oder schon Klima? Im Oktober 2019 mischt sich das Braun des Herbstes mit dem Braun des Vertrockneten.

Ach, wird schon nicht so schlimm sein. Es ist aber schlimm, wenn man es sehen will! Vielleicht noch schlimmer als wir dachten und vor allem schneller als wir annahmen.

Es steht nicht gut um unsere natürlichen Lebensgrundlagen und wir alle haben dazu beigetragen. Keiner kann mit dem Finger auf die anderen weisen und auch "die da oben" sind nicht allein verantwortlich.

Dennoch möchte ich mich nicht dem Defätismus hingeben. Ich muss an die alte Geschichte mit Noah denken. Als er heraustritt aus diesem schwimmenden Kasten, der ihn und die Seinen hat überleben lassen. Und wie sie das tun, was sie schon immer getan haben: Sie errichten einen Altar und bringen Opfer dar. In der Hoffnung darauf, dass da ein Gott ist, der sich noch freuen kann. Am lieblichen Duft, daran, dass seine Menschen wieder da sind, auch für ihn.

Und Gott freut sich, so wird uns in dieser alten Geschichte erzählt. Aber nur verhalten. Schweigend tritt er den Menschen gegenüber. Gott spricht nur im Herzen zu sich selbst, so heißt es da. Er spricht nicht direkt zu uns wie vor der Flut. Gott hat sich verborgen in seinem Herzen. Er erinnert sich selbst daran, dass er die Menschen nicht noch einmal vernichten will, und hängt seinen Bogen in die Wolken, spricht zu sich selbst: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (1. Mose 8, 21-22)

Die Welt hat sich verändert. Wir können nicht mehr leben, als sei nichts geschehen. Wir müssen leben, weil etwas geschehen ist. Das Paradies ist endgültig vergangen. Das "Siehe, es war sehr gut" aus der Schöpfungsgeschichte ist Vergangenheit.

Der Bogen der Erinnerung erhebt sich seit Noahs Zeiten über einer beschädigten Welt, auf der wir immer wieder von vorne beginnen müssen. Immer wieder neu hinaustreten und uns der Gegenwart stellen. Eine Gegenwart, die manchmal kaum zu ertragen ist. Aus der wir uns zurücksehnen in die paradiesische Welt, in den Schutzraum der Nähe Gottes. Als Gott von uns noch nicht dachte, dass unser Trachten böse ist von Jugend auf. Die Menschen sind erwachsen geworden in dem Moment, in dem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Gereut hat es Gott erst, uns geschaffen zu haben. Reuen tut es ihn nun, uns vernichten zu wollen. Mitten in unsere gebrochene Realität hinein erneuert Gott in der Noaherzählung seinen Bund, den er doch nie gebrochen hat.

Was uns mit Gott verbindet ist keine naive Liebesbeziehung. Klarer Realismus prägt Gottes Beziehung zu uns. Ich liebe euch – trotzdem. Gott ist Realist geworden, aber nicht Zyniker. Der realistische Gott ist ein Liebender. Einer, der um uns wirbt. Nicht weil, sondern trotzdem.

Damit wir mit der Realität im Blick nicht zu Zynikern werden, sondern zu Liebenden. Uns selbst lieben, die anderen, diese Erde, Gott.

Wir haben seit diesen Zeiten des Noah die Pflicht zu handeln, mitten in der Realität. Und: trotz allem zu vertrauen, obwohl wir zweifeln. Zu hoffen, weil Gott selbst sich in seinem Wort an uns gebunden hat. Wir leben noch, obwohl so viel geschehen ist. Wir leben weiter, weil noch viel geschehen wird und so viel geschehen muss.

Pfarrer Michael Busch

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