Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Zwei Ohren – aber nur ein Mund!
Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer Roland Wicher

"Hass schadet der Seele" – mit diesem Slogan stellt sich der evangelische Kirchenkreis Stadtmitte seit vielen Monaten gegen Rassismus und Ausgrenzung. Inzwischen haben ihn viele kirchliche Organisationen aufgegriffen und für ihre Kampagnen verwendet.

Der Seele schaden demzufolge viele, die in diesen Zeiten nach der Macht greifen, oder auch nur ihr kleines bisschen Macht ausweiten wollen, auf Kosten von Gruppen, die sie angreifen und ausgrenzen. Oft genug verbindet sich das mit dem simplen Wunsch, sich zu bereichern. Gerade dort, wo sich das mit aggressiver Leugnung der ökologischen Probleme verbindet, wird das überaus greifbar. In den USA sind dem Präsidenten Pipelines wichtiger als Naturschutzgebiete. Den Klimawandel leugnen er und seine Anhänger. Der Spruch "America first" wertet die Welt zum Selbstbedienungsladen ab. Auch der brasilianische Präsident Bolsonaro ignoriert alle Umweltprobleme, und lässt zu, dass der Amazonas massiv zerstört wird. Gewaltige Brände, aus dem All zu sehen, zerstören die Lunge der Erde. Raubtierhaft machen sich diese Kräfte über die Erde her. Sie nehmen Schaden an ihrer Seele, richten Schaden in der Seele vieler Menschen an, die ihnen nachlaufen, bereichern sich und lassen den Geist des schnellen Profits aufleben.

Mehr Bescheidenheit, Demut, Verzicht fordern dagegen seit Jahren viele, auch Konservative. Dabei sollten es die Wohlhabenden und Privilegierten sein, die zuerst verzichten. Sonst wird auch das wieder zur Formel, die die Bereicherung einiger auf Kosten anderer deckt. Es gibt Figuren, die für eine solche Haltung stehen, Vorbildgestalten. Der frühere Präsident von Uruguay etwa, José "Pepe" Mujica fuhr und fährt einen alten VW-Käfer statt einer gepanzerten Limousine, spendete 90% seines Präsidentengehalts wohltätigen Organisationen und verzichtete auf jeden Luxus. Heute züchtet er Blumen. Auch Papst Franziskus – bei aller Kritik an manchen Entscheidungen und Verlautbarungen des Vatikan, die auch ihn in Misskredit gebracht haben – steht für eine andere Haltung. Nicht Prunk und Protz, sondern die Zuwendung zu den Armen, den Geflüchteten und der Schutz der Umwelt sind ihm wichtig. Das hat er vielfach bekräftigt.

Die Gallionsfigur des Kampfs gegen die Klimakatastrophe, Greta Thunberg, brachte erstaunlicherweise viele gegen sich auf, weil sie klimaschonend mit einem Sportsegelboot den Atlantik überqueren wollte. Eine höchst unbequeme Art zu reisen. Eine Satiresendung wies darauf hin, dass zeitgleich tausende Fußballfans zu einem wichtigen Spiel nach England flogen, und kein Mensch das diskutierte, während bei Thunbergs Reise in Frage gestellt wurde, ob das denn wirklich ökologisch sei. Das Boot sei aus Karbon, einige Crewmitglieder flögen nach der Ankunft in den USA weiter. Klar ist, die Argumente sollen Thunberg diskreditieren, nicht aber das eigentliche Problem, die Bedrohung des Klimas durch CO2 ernsthaft angehen.

Zur Zeit scheint es zwei mögliche Wege zu geben. Raubbau an der Welt und Ausbeutung der Menschen nach dem Prinzip "nach uns die Sintflut" – wobei "nach uns" heute nicht mehr gilt. Die schlimmen Folgen der Klimaveränderung sind schon massiv spürbar. Dennoch, ein Teil der Menschheit scheint sich für rücksichtslose Bereicherung ohne jede Scham entscheiden zu wollen. Dafür stehen rechtspopulistische Bewegungen und Führungsgestalten. Ein anderer Teil ist alarmiert und will Klimagerechtigkeit.

Unser Lebensstil schadet Seele und Umwelt, das wissen wir schon lange, aber jetzt spitzt es sich zu. Die, die sich ein Vorbild an Jesus nehmen, wissen, die Zuwendung zu den Menschen und zur Schöpfung ist es, die er gezeigt, gelebt und gepredigt hat. Wenn wir so zugewandt leben, den Menschen und dem Schöpfer verbunden, kann unsere Seele heilen.

Roland Wicher

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