Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

Zwei Ohren – aber nur ein Mund!
Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer Björn Sellin-Reschke


Bild: Adobe Stock

"Der Mensch hat zwei Ohren aber nur einen Mund – er soll also doppelt so viel zuhören wie reden!"

Dieser Satz hat sich mir eingeprägt. Zu lesen war er im Flur der Telefonseelsorge, bei der ich als Student einige Jahre ehrenamtlich arbeitete.

Eine denkbar einfache Regel – so könnte man glauben: Doppelt so viel zuhören wie reden! Aber wo finde ich einen solchen Zuhörer, wenn ich ihn selbst einmal dringend brauche?

Was für ein Geschenk, wenn ich in Notsituationen jemanden habe, der sich mir nach dieser Regel zuwendet: ein Gegenüber, das aktiv zuhört, ein Gegenüber, das in meine Erfahrungen eintaucht. Wie oft erleben wir es hingegen, dass Gesprächspartner nach Luft japsen, um möglichst nahtlos eine eigene Geschichte zu präsentieren, während ich doch eigentlich noch gerne etwas von mir losgeworden wäre. Beim Zuhören zu bleiben und nicht zu schnell von sich selbst zu reden – Seelsorgerinnen und Seelsorger wissen, dass dies immer wieder eine Herausforderung darstellt und immer wieder überprüft werden muss.

Doch es bedarf gar nicht einer großen seelsorglichen Situation, um sich in diesem Feld zu üben. Jede und jeder von uns weiß: auch in der Familie fällt das Einander-Zuhören manchmal schwer; nicht anders: im Freundeskreis.

Wie wäre es denn, wenn ich mir für die nächsten Wochen vornehme, das zugewandte Zuhören neu zu üben? Wer in diesen Wochen Urlaub hat, bringt vielleicht gerade jetzt die nötige Geduld dafür mit, guckt nicht so schnell auf die Uhr, bleibt noch einen Moment länger sitzen und hört zu.

Ist mein Zuhören im Arbeitsalltag der letzten Wochen auf der Strecke geblieben? Wem könnte ich dann jetzt von meiner Zeit schenken und von meinem Gehör?

Den Wert des Hörens unterstreicht im Juli auch der biblische Monatsspruch: "Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn ..." So heißt es im Jakobusbrief (1,19).

Und wieder: Das Zuhören steht über dem Reden. An dieser Stelle allerdings ist ein besonderes Zuhören gemeint: hier geht es um das Hören auf das Wort Gottes ... um das, was Gott mir sagen will.

Der Jakobusbrief lädt an dieser Stelle ein, dass ich Gottes Wort erst einmal AN mir und IN mir wirken lasse.

Wie oft hingegen zerreden wir es viel zu schnell:

"Das ist ja völlig unrealistisch, was da von Gott steht!" sagen die einen. "Nach der Bibel zu leben, schafft ja kein Mensch", urteilen die anderen. "Ich kann nicht alles glauben, was über Jesus erzählt wird", entrüsten sich dritte.

Schnell ist unser Urteil über biblische Geschichten! Manchmal hart! Und oft: wenig geduldig. Jakobus umschreibt dieses Zerreden von Gottes Wort – dieses ungnädige Zuhören – mit dem Wort "Zorn"! Er rät stattdessen zu mehr Sanftmut im Hören.

Und dann benutzt der Jakobusbrief ein wunderbares Bild: er spricht davon, dass das Wort Gottes in mir "gepflanzt" ist.

Kein Mensch würde sich neben eine frisch gepflanzte Blume stellen und sagen: "Nun blüh doch endlich!" Und keiner würde einen neu gesetzten Baum fragen: "Warum bist du noch nicht weiter gewachsen?"

Gönne ich also auch dem Wort Gottes mehr Zeit, dass es in mir wirkt – dass es in mir wächst: Mit Sanftmut! Nicht mit Zorn!

Und wieder überlege ich: wie wäre es denn, wenn ich in diesen Wochen der Ferien nicht nur meinen Mitmenschen mehr Zeit zum Zuhören gönne – sondern auch Gott?

Mich mit einem Bibelwort in den Liegestuhl lege und es einfach vom Ohr zum Herzen wachsen lasse.

Oder in der Stille ein Stück Weg gehe und mir zuvor einen Abschnitt aus der Bibel mitnehme?

Ist vielleicht auch mein Zuhören Gott gegenüber auf der Strecke geblieben in meinem Alltag? Habe ich jetzt in den Ferien die Chance, dass ich auch ihm mehr Gehör schenke?

In einem meditativen Lied, dessen Text sich auf den Ordensgründer Benedikt von Nursia bezieht (6. Jahrhundert), heißt es: "Schweige und höre, neige deines Herzensohr, suche den Frieden ...".

So schön kann man die Anleitungen und Aufforderung zum Zuhören formulieren!

Pfarrer Björn Sellin-Reschke

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