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19.6.2019

Die Stadt und der Honig
Gedanken zum Monatsspruch

von E-Mail


Bild: pixabay.com

Neulich an der Bushaltestelle: eine junge Frau rennt nach dem Bus. Der Bus fährt ab, sie verpasst ihn. Was folgt, ist ein Derwischtanz erster Güte und darüber hinaus alles, was das Fluchpotential einer Mitte Zwanzigjährigen so hergibt. Nichts Besonderes in einer Stadt wie Berlin. Da wird gemeckert und geflucht, gedrängelt, geschubst und gehupt, was das Zeug hält.

Wer täglich auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen durch die Stadt fährt, kann ein Lied davon singen und wird eine gewisse Ruppigkeit bis hin zur Aggressivität nicht von der Hand weisen können. "Dit is Berlin", das war schon immer so und wird sich wohl auch nicht ändern. "Herz mit Schnauze" wird den Berlinern nachgesagt und bereits Hildegard Knef sang in ihrer musikalischen Hommage an Berlin: "Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen, und dein Mund ist viel zu groß."

Aber, ist Berlin da anders als andere Großstädte? Sind die Erfahrungen in Köln, Frankfurt, Hamburg und München, also überall dort, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, unterschiedlich?

Wenn man der Soziologin und Stadttheoretikerin Martina Löw (Professorin an der Technischen Universität Berlin) folgt, denn unterscheiden sich die Städte. Sie hat für dieses Phänomen die Theorie der "Eigenlogik der Städte" entwickelt. Sie ist überzeugt davon, dass Städte uns prägen, verändern und sich in unsere Köpfe und Körper einschreiben. Der sinnlose Bus-Sprint ist dabei Ausdruck des Tempomythos Berlins der 1920er Jahre, der auch knapp 100 Jahre später sein Eigenleben in den Alltagspraktiken der Berliner führt. Entziehen kann man sich dieser Eigenlogik Berlins nur schwer. "Menschen verändern sich, je nachdem, in welche Stadt sie ziehen", sagt Martina Löw. "Städte sind kleine Universen, die Spezifika entwickeln." Diese Besonderheiten müsse man zwar nicht zwangsläufig übernehmen, "aber wir müssen uns auf sie einstellen, uns mit ihnen auseinandersetzen, uns in ihre Regeln einfügen".

In den vergangenen Jahren ist Berlin pro Jahr um etwa 50.000 Menschen gewachsen und der Trend setzt sich fort. Und die Frage stellt sich: Was macht Berlin mit all diesen Menschen, was macht Berlin mit uns? Berlin beeinflusst unser Denken, Handeln und Fühlen, verändert sogar die Funktionsweise und die Strukturen unseres Gehirns, wie jüngst wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben. Berlin kann stressen und nerven, einsam, traurig und aggressiv machen, uns buchstäblich in den Wahnsinn treiben. Zweifelsohne kann Berlin aber auch glücklich machen und uns helfen, uns zu verwirklichen.

Und der Monatsspruch für den Juni gibt uns einen kleinen Hinweis auf eine simple Grundlage des Zusammenlebens, der uns hier und da in dieser Stadt (und nicht nur hier) abhandengekommen scheint.

"Freundliche Reden sind wie Honig, süß für die Seele und heilsam für die Glieder." (Sprüche 16,24)

Eine Verrohung der Sprache und des Miteinander kann nicht nur im öffentlichen Raum dieser Stadt, sondern auch in vielen anderen Bereichen beobachtet werden. Lehrer informieren Eltern an Elternabenden, dass sie doch immer mal wieder in die Whatsapp-Klassengruppe schauen sollen, um zu überprüfen und zu kontrollieren, welche Worte dort gewählt und mit welchen Ausdrücken sich die Schüler und Schülerinnen gegenseitig beschimpfen. Auch aus anderen Bereichen wird erzählt, dass vor allem durch das Internet die Hemmschwelle deutlich sinke und Menschen immer öfter andere beleidigen. Der freundliche Umgang miteinander hat sich wohl nach und nach verabschiedet.

Wie ich wertschätzend mit einem Menschen und auch mit mir selbst umgehe, das wird in teuren Seminaren wieder gelehrt. Aber, wer sich über ein "danke" freut oder über einen herzlichen Gruß, "einen schönen Tag noch", ist keineswegs ein Spießer, sondern weiß lediglich Bescheid, was für ein friedliches Miteinander hilfreich ist. Das mag angestaubt klingen. Freundlichkeit und lobende Worte scheinen aber Balsam für die Seele zu sein und den Menschen anzuspornen. Das wusste bereits der Weisheitslehrer im alten Israel, der den Monatsspruch vor vielen tausend Jahren notiert hat. Warum also darauf verzichten? Warum also nicht mal einem Menschen für seine Leistung danken, auch wenn dies seine Aufgabe ist? An der Supermarktkasse, beim Bäcker oder im Bus. Es geht runter wie Honig!

Es ist einen Versuch wert, an unterschiedlichen Orten, durch kleine freundliche Gesten und Worte, die DNA Berlins etwas zu verändern und sie süßer zu machen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen freundlichen Sommer in der Stadt

Pfarrer Michael Busch