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14.10.2019

Bericht von der Gedenkfeier am 8. Mai an der an der Säule der Gefangenen
Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde

Neben Frau Marion Gardei, Beauftragte der EKBO für Erinnerungskultur, und Frau Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, sprach auch wieder ein Vertreter der jüngeren Generation.

Imanuel Nüchter-Jost ist Schüler der Gymnasialen Oberstufe der Louise-Schröder-Schule. Er besucht den Leistungskurs Politikwissenschaft. Sein jüdischer Großvater ist vor wenigen Wochen gestorben.

Die Initiative KZ Außenlager-Lichterfelde plant übrigens alle Schüler-Reden der vergangenen Jahre in einer Broschüre herauszugeben.

Thomas Schleissing-Niggemann


Imanuel Nüchter-Jost, Schüler der Louise-Schröder-Schule – Foto: Bernd Meyer

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind heute hier versammelt um zu gedenken: Dem 8. Mai des Jahres 1945. Um zu gedenken dem Ende des 2. Weltkrieges. Um zu gedenken den Abermillionen Opfer, die dieser Krieg gefordert hat.

Millionen Lebensgeschichten, die unter dem tosenden Lärm der Bomber und Artilleriegeschütze in den zerstörten Städten endeten. Millionen Geschichten, die auf den verbrannten Feldern und den zu Asche gemachten Dörfern und Metropolen endeten und einhergingen mit dem qualvollen Gefühl des Hungers und der Kälte. Millionen Geschichten, die in den Gaskammern endeten mit Panik, Geschrei und der zerreißenden Gewissheit des baldigen Todes.

55 Millionen Tote verursacht durch einen Krieg, der am 1. September 1939 von deutschem Boden ausging und wie ein Sturm über die Welt hereinbrach. 55 Millionen Menschen, die wie du und ich Träume und Ziele hatten. 55 Millionen einzelne Tragödien, die heute nur noch eine unbegreifliche Zahl in Statistiken bilden.

Zu gedenken gilt es auch und vor allem der sechs Millionen ermordeter Juden. Ein barbarischer und fabrikmäßig betriebener Völkermord, der weder Säuglinge und Kinder noch Alte und Kranke verschonte.

Säule der Gefangenen in der Wismarer Straße – Foto: Bernd Meyer

Die Konzentrationslager wurden am Reißbrett entworfen, es wurde über alles Buch geführt, es gab einen eng getakteten Zeitplan und alles wurde so organisiert, dass das Morden mit höchster Effizienz wie am Fließband laufen konnte. Was bei dem Millionenheer der Zwangsarbeiter billigend in Kauf genommen wurde, wurde bei den Juden zum absichtsvollen Programm. Für diejenigen, die noch für kräftig genug und damit ausbeutbar erachtet wurden, ersannen die Nazis den perversen Plan einer "Vernichtung durch Arbeit."

Ein weiterer Beleg für den Hass, der die komplette Auslöschung des Judentums zum Ziel hatte. Ein Hass, der beispiellos in der Geschichte war und ist und nicht umsonst als Völkermord in die Geschichtsschreibung einging. Ein Völkermord, der in der jüdischen Geschichte als Shoa bezeichnet wird, was sinngemäß übersetzt so viel bedeutet wie existenzbedrohende große Katastrophe eines oder mehrerer Völker, und der auf ewig in der deutschen Geschichte seinen Platz finden wird als größter Zivilisationsbruch.

Zeiten wie diese gibt es nur selten in der Geschichte. [...]

So verwundert es nicht, dass die Menschen, die diese Zeit durchmachten, nicht nur begriffen haben, warum es so wichtig ist zu gedenken, sondern viele sogar aktiv hineingegangen sind in die Schulen, in die Universitäten oder in die Parlamente, um die Erinnerung an das grausame Geschehen wach zu halten. Um das Gedenken aufrecht zu erhalten, erzählten sie ihre Lebensgeschichten, damit auch die Jüngeren, die diese Zeit nicht mitgemacht haben, eben jene Zweifler am Ende verstanden, warum es so wichtig ist nicht zu vergessen. [...]

Ich hoffe, nicht überheblich zu wirken, wenn ich mich unter dieser Voraussetzung als junger Mensch, selbst abstammend von Juden und Deutschen, zum Sprecher der Stunde mache.

74 Jahre Kriegsende bedeutet 74 Jahre Verantwortung zu gedenken. Meine Generation trifft keine persönliche Schuld, aber wir würden uns schuldig machen, wenn wir durch das Nicht-mehr-Gedenken-Wollen, durch das Vergessen, ein Tor für eine mögliche Wiederholung der Geschichte aufstoßen würden. Diese Verantwortung zu gedenken, betrifft alle Bürger dieses Landes gleichermaßen, sie betrifft den Farbigen, den Weißen, Mann und Frau, sie betrifft alle deutschen Staatsbürger. Das Gedenken ist eine gesellschaftliche Aufgabe. [...]

Wenn ich als jüdisch-stämmiger Bürger dieses Landes auf das Gedenken aufmerksam machen möchte, geht es mir nicht, wie mir manchmal vorgeworfen wird, darum, in eine Opferrolle zu schlüpfen, denn ich bin kein Opfer und Sie sind keine Täter. Wenn ich versuche, Verständnis für die Notwendigkeit des Gedenkens zu wecken, dann habe ich nur den einen Satz meines jüdischen Opas im Kopf: "Nie wieder! Nie wieder Verfolgung, nie wieder Massenmord, nie wieder Diskriminierung, nie wieder Krieg". Er wünschte sich nicht nur Frieden für die Juden, er wünschte sich den Frieden für die gesamte Menschheit. Er wünschte sich ein "Nie wieder!"

So ist für mich persönlich das Gedenken an den Holocaust nicht nur ein Gedenken an diese Zeit! Es sollte auch ein Aufruf sein gegen Hass, Krieg und Verfolgung in der gesamten Welt.

Millionen Hungertote jedes Jahr sind Grund genug, sich für die Menschenrechte eines Jeden einzusetzen. Auch z.B. für mehr Menschlichkeit in Libyen einzutreten, wo Menschen in furchtbaren Lagern gefangen gehalten werden. Zu demonstrieren für die Wiederherstellung des Friedens in der Ukraine und in Syrien. Aufzustehen für mehr Toleranz in unserem eigenen Land für Geflüchtete und Muslime. Aufzustehen und unermüdlich zu kämpfen, damit wir am Ende unseres Lebens einst sagen können: "Wir haben unser Möglichstes getan, damit es nicht wiederkam!"

Das bedeutet für mich auch: "Nie wieder Antisemitismus". Über Antisemitismus wird wieder eine große Debatte geführt. Es gibt eine Zunahme von Übergriffen gegen Juden. "Jude" wird wieder häufiger auf dem Schulhof als Schimpfwort gebraucht. Auch versuchen die extremen Rechten – wie die extremen Linken unter dem Deckmantel der Israelkritik - häufig dumpfen Antisemitismus zu verbreiten, Vorurteile zu schüren und zum Teil durch den Hinweis auf das Verhalten der Israeli rückwirkend die Gräuel gegen die Juden zu verharmlosen. Unerträglich ist dieser wachsende Antisemitismus, auch wenn es sich dabei um eine kleine Minderheit von Akteuren handelt. Was jedoch den Antisemitismus gerade wieder erneut schürt, ist, dass es eine neue Partei gibt, die meint, dass der Kampf gegen die Muslime ein Kampf gegen den Antisemitismus sei. Hier wird auf perverse Weise versucht, eine interreligiöse und ethnische Spannung aufzuladen und Öl ins Feuer zu gießen, anstatt für Dialog und Verständigung einzutreten. Man gefährdet die körperliche Unversehrtheit, die Menschenwürde, ja gar das Recht auf Leben anderer Menschen, um daraus politisches Kapital zu schlagen und zeigt dabei sein wahres Gesicht, denn wer den Judenhass für seine Zwecke politisch instrumentalisieren will, der kann Vieles sein, aber ganz sicher kein Gegner des Antisemitismus.

"Nie wieder" war auch die Grundeinstellung derer, die dereinst unsere Verfassung schrieben.

74 Jahre Frieden, 74 Jahre wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität in Westdeutschland, 30 Jahre Wiedervereinigung mit sukzessiver Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West. [...]

Allen aktuellen Problemen zum Trotz kann man heute sagen, dass es den meisten Menschen in Deutschland nie besser ging. Und mit der Grenzöffnung für Hunderttausende Asylsuchende und Migranten hat Deutschland der Menschlichkeit einen großen Dienst erwiesen. Das alles ist nur möglich gewesen aufgrund einer der besten Verfassungen, die jemals geschrieben wurde, und zwar unserem Grundgesetz. Viele Artikel unseres Grundgesetzes sind die Konsequenz aus dem Scheitern der Weimarer Republik und eine Antwort auf die menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten.

Der ewig lebende Zeitzeuge? Das ist unser Grundgesetz! Und das ist das Entscheidende. Unser Grundgesetz kann ohne Erinnerungskultur ebenso wenig langfristig bestehen wie die Erinnerungskultur ohne Grundgesetz. Und so kann man erahnen, welch Geistes Kind jemand sein muss, wenn er versucht, die Erinnerungskultur in ihren Grundsätzen aktiv anzugreifen.

Die junge Generation wird sich der älteren Generation anschließen, auf dass weitere 74 Jahre die Sonne des inneren Friedens über Deutschland scheinen möge und Deutschland seinen internationalen Beitrag leistet, dass mehr Menschen ein Leben in Würde führen können.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Imanuel Nüchter-Jost


Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Musik des Beethoven-Gymnasiums – Foto: Bernd Meyer

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