Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.9.2019

Christinnen und Christen vor der Europawahl

von Björn Sellin-Reschke

Schon oft ist eine Europawahl "als historische Richtungswahl" bezeichnet worden. Als die Menschen der Europäischen Union in den Jahren 2014, 2009 und 2004 zum Wahlgang aufgefordert wurden, gab es ähnliche Beschreibungen, die die Bedeutung der Europawahlen unterstreichen sollten.

In diesem Jahr aber könnte sich das Gewicht der Europawahl in besonderer Weise zuspitzen. Denn Beobachter rechnen damit, dass rechtspopulistische und rechtextreme Parteien um die 20% der Wählerstimmen erhalten könnten.

Mit dieser politischen Tendenz könnte ein Bruch einhergehen, der die gesamte bisherige Grundlage der EU erschüttert.

Denn eigentlich ist die EU als Gemeinschaft gedacht, die sich dem Frieden und der Versöhnung unter den Völkern verpflichtet weiß.

Nun allerdings könnte mit dem Aufkommen von neuem Nationalismus diese Selbstverpflichtung empfindlich gestört werden, unter der sich die EU ursprünglich gegründet hat.

An dieser Stelle zeigt es sich einmal mehr, dass Selbstverpflichtungen nur dann von Belang sind, wenn es Menschen gibt, die diese Verpflichtungen tragen und verteidigen.

Wir als Christinnen und Christen sind in dieser Weise besonders aufgefordert, wachsam zu sein. Wir können dies u.a., indem wir auf Bekenntnisse und bekenntnisähnliche Schriften schauen, die für uns als Christen in Europa und in Deutschland maßgeblich sein sollten.

Unterzeichnung der Charta Oecumenica 2001 in Straßburg

Zu diesen bekenntnisähnlichen Schriften ist zum einen die "Charta Oecumenica" aus dem Jahr 2001 zu zählen. Sie bildet eine gemeinsame Verpflichtung, die von den meisten Kirchen in Europa unterschrieben wurde (von orthodoxen, reformatorischen, anglikanischen, freikirchlichen, altkatholischen Kirchen sowie der europäischen Bischofskonferenz der römisch-katholischen Kirche).

In Deutschland wurde sie anlässlich des 1. Ökumenischen Kirchentages in Berlin 2003 in Kraft gesetzt.

Schon in ihrer Präambel wird betont, dass wir als Kirchen eine besondere Verpflichtung haben, zur Versöhnung unter den Völkern beizutragen. Es heißt in der Charta Oecumenica an dieser Stelle:

"Auf unserem europäischen Kontinent zwischen Atlantik und Ural, zwischen Nordkap und Mittelmeer, der heute mehr denn je durch eine plurale Kultur geprägt wird, wollen wir mit dem Evangelium für die Würde der menschlichen Person als Gottes Ebenbild eintreten und als Kirchen gemeinsam dazu beitragen, Völker und Kulturen zu versöhnen. In diesem Sinn nehmen wir diese Charta als gemeinsame Verpflichtung zum Dialog und zur Zusammenarbeit an."

Mit diesem Satz aus der Präambel wird die Versöhnungskultur als eine feste Aufgabe von Kirche in Europa – und damit von uns Christinnen und Christen – beschrieben.

In einem späteren Abschnitt der Charta wird diese andauernde Versöhnungsaufgabe mit der Erinnerung an eine leidvoll-unfriedliche europäische Geschichte verbunden. Es heißt hier (Abschnitt III / 7):

"Unser Glaube hilft uns, aus der Vergangenheit zu lernen und uns dafür einzusetzen, dass der christliche Glaube und die Nächstenliebe Hoffnung ausstrahlen für Moral und Ethik, für Bildung und Kultur, für Politik und Wirtschaft in Europa und in der ganzen Welt."

Diese beiden genannten Schlagworte von "Versöhnungskultur" und "Erinnerungskultur" werden damit als Aufgaben beschrieben, die es zu achten, zu wahren und weiter auszubauen gilt.

Genau an diese Stelle gehört deshalb unser Einspruch, wenn rechtspopulistische Kräfte diese Kultur stören, Vergangenheit marginalisieren oder schönreden.

Auch völkisches Gedankengut, wie es sich inzwischen wieder verbreitet, steht der Versöhnung unter den europäischen Nachbarn diametral entgegen. Auch hier bedarf es unseres Widerspruches und unseres Eintretens, dass wir uns "für ein humanes und soziales Europa ein(setzen), in dem die Menschenrechte und Grundwerte des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Toleranz, der Partizipation und der Solidarität zur Geltung kommen." (Charta Oecumenica Abschnitt III-7)

Neben der genannten "Charta Oecumenica" sollten wir uns darüber hinaus als Christinnen und Christen in Deutschland an die "Barmer Theologische Erklärung" erinnern. Nur wenige Tage nach der Europawahl wird diese bekenntnisähnliche Schrift 85 Jahre alt.

Sie ist die zentrale theologische Erklärung der Bekennenden Kirche in der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus aus dem Jahr 1934.

In unseren derzeitigen politischen Zusammenhängen gilt es besonders, sich die 3. These aus Barmen wieder neu ins Gedächtnis zu rufen.

Sie wird eingeleitet mit dem Bibelwort aus Epheserbrief 4,15f.:

"Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist."

Unter diesem biblischen Wort wird sodann erklärt, dass sich Kirche nicht dem "Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen" darf, sondern allein von Gottes Trost und seinen Weisungen her lebt.

Schon in seinem Ursprung hat die Barmer Theologische Erklärung damit gegen eine Gesellschaft Einspruch erhoben, die sich zunehmend an extrem rechten politischen Überzeugungen und Weltanschauungen orientierte.

Gerade, wenn in diesem Jahr die Wahlen in der Europäischen Union so dicht mit dem Jubiläum der Theologischen Erklärung aus Barmen zusammenfallen, sollten uns ihre Mahnungen wieder bewusst werden. Sie sollten uns als Christinnen und Christen aufzeigen, dass wir als Fundament unseres Glaubens und Handelns Jesus Christus haben und es keine Bereiche gibt, die wir losgelöst von ihm betrachten.

Beide Texte zusammen – die Charta Oecumenica und die Barmer Theologische Erklärung – machen uns unsere besondere Verantwortung für die Erinnerungskultur und für die Versöhnungsarbeit in Europa bewusst.

Björn Sellin-Reschke

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