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26.4.2019

Damals war's!
Erinnerungen an die Giesensdorfer Straße

von Eva Klesse

Es ist schon einige Zeit her, dass dieser Brief unsere Gemeinde erreichte: Eva Klesse hat noch vor ihrem Tod Erinnerungen an ihre Kindheit, die sie in der Giesensdorfer Straße verlebte, aufgeschrieben.


Schokoladenfabrik Karl Hamann, Giesensdorfer Straße 15, 30er-Jahre


Eckhaus Schiller-Giesensdorfer Straße, mit Rolle, 1939 – Bild: Fritsch


Eckhaus Schiller-Giesensdorfer Straße, Gaststätte Goldener Anker, 1939 – Bild: Fritsch

Lebensmittel- und Gemüsegeschäft Ickert, ca. 30er-Jahre, Giesensdorfer Straße 32a – Bild: Sammlung Meyer

Seit 1929 wohnte ich, jüngste Tochter von Erika und Karl Hamann, mit meinen Brüdern in der Giesensdorfer Straße 15. Meine Eltern kauften damals das Grundstück, um für uns Kinder einen großen Garten zu haben. Außerdem standen dort Fabrikgebäude, die für die Firma "Karl Hamann's Bittre Schokolade" noch zu erweitern und zu renovieren waren. Denn bis dahin gab es nur das Hauptgeschäft der Firma am Bayerischen Platz in Wilmersdorf.

Als Kind hörte ich davon, dass der hintere Teil des Gartens von der Gasanstalt zu gegebener Zeit beansprucht werden würde. Heute – Jahrzehnte später – steht das große Kraftwerk darauf. Ich habe noch unseren wunderschönen großen Garten erlebt mit alten Obstbäumen, der an das Tümpelgelände grenzte, zum Hafen hin mit hohem Schilf und quakenden Fröschen! Im Hintergrund große Bäume, wie ein kleines Wäldchen. Mit Nachbarkindern und meinen Brüdern spielten wir dort "Indianer", bauten Zelte aus Schilf und unser großer Hund "Harras" war unser zahmer Löwe.

Jahre später kamen pausenlos große Lastkraftwagen und schütteten das für uns so herrliche Gelände zu. Es wurden Holzbaracken darauf gesetzt. Am Abend hörte ich nun keine Frösche mehr – aber oft schwermütige russisch klingende Lieder von Männerstimmen. Der Weg von der Giesensdorfer Straße zum Hafen blieb uns noch als Gelände zum Spielen und Spazierweg.

Im Garten stand noch ein sog. "Büro-Haus". Da gab es einen Hintereingang zur Waschküche, mit großem Kupferkessel, gemauerter Feuerstelle und Badewanne zum Einweichen und Spülen der Wäsche sowie Waschbretter etc. Das nötige Wasser schöpften wir meist aus den großen Regentonnen, die jeweils unter den Dachrinnen standen. Lange Hanfleinen spannten wir zwischen den hohen Birkenbäumen. Zur "Rolle" – ein Raum unter der Drogerie Ziolkowsky Ecke Schillerstraße – ging es mit dem Handwagen, nachdem die großen Wäschestücke tüchtig gespannt waren.

In der Giesensdorfer Straße gab es ein stattliches Gebäude – die Villa Unverdorben – aus dem am Tage klappernde Geräusche drangen. Hier erschien der "Lichterfelder Anzeiger", der um die Nachmittagszeit von vielen Leuten dort direkt abgeholt wurde. In der NS-Zeit fanden dort unterm Dach jeweils die Heimabende vom BDM statt, die ich auch später als "Jungmädel" öfter besuchte. Das Singen machte mir Spaß, nur mit den Texten konnte ich nichts anfangen: "Es zittern die morschen Knochen ..."und "Heilig Vaterland ..." Als dann einmal gesagt wurde: "Ihr müsst immer daran denken – in Entscheidungssituationen: Was würde wohl der "Führer" jetzt dazu sagen?" verstand ich gar nichts mehr! Als wir dann zum BDM feierlich vereidigt werden sollten, erfuhr ich von meinem großen Bruder, dass man, wenn man die rechte Hand zum Schwur hebt, mit der linken Hand hinter dem Rücken gleichzeitig abschwören konnte! Diesem Rat bin ich gern gefolgt und fühlte mich sehr erleichtert. Für mich nicht einsehbar war, dass wir aus unseren Bücherschränken "jüdische Bücher" herausholen sollten, die auf den Scheiterhaufen feierlich verbrannt werden sollten.

Strengstens verboten war damals auch das Abhören von Auslandssendern im Radio! Noch heute erlebe ich die Schrecken des Todes als ich den "Londoner Rundfunk" eingestellt hatte und es stürmisch neben mir ans Fenster klopfte und ich mich "ertappt" fühlte. Meine Panik-Reaktion: Sofort alles abstreiten! Aber der Schreck war nicht nötig: Mein Vater wollte zur Tür herein und hatte sich vorher bemerkbar machen wollen! Es geht mir sogar heute noch so, wenn ich etwas Politisches, Kritisierendes sage – öffentlich auf der Straße – schaue ich mich über die Schulter um, ob mir jemand zuhört!

Es kam der Krieg – mit Verdunkelung, FLAK-Abwehr, riesigen Scheinwerfern am Himmel, Fliegeralarm.

Mit meiner Freundin Anneliese, aus dem Nachbarhaus Giesensdorfer Straße 16, ging ich ins Gemeindehaus Berliner Straße (später Ostpreußendamm, Anm. d. Red.) gegenüber der alten Dorfkirche zur Bibelstunde und zum Singen zu "Fräulein Köhne". Ganz fest hielten wir uns am Arm, wenn wir am Abend in den verdunkelten Straßen den Heimweg antraten. Ich erinnere mich, dass wir versuchten uns mit ganz tiefer Stimme zu unterhalten, damit jemand, der uns begegnete, denken sollte, wir seien erwachsene Männer.

Mit dem Jugendkreis der Gemeinde machten wir öfters Radtouren, von der Osdorfer Straße über die Dörfer vorbei an den Rieselfeldern, Korn- und Sonnenblumenfeldern. An einem Kriegsweihnachten führten wir ein Krippenspiel in einer noch nicht zerstörten Dorfkirche auf, zu der wir durch den weißen Schnee stapften. Jugendkreise der Gemeinde haben uns in der Kriegs- und Nachkriegszeit viel seelische Kraft und Geborgenheit gegeben.

Vom Teltowkanal will ich noch erzählen und von der Straße "Am Hafen" – parallel zur Giesensdorfer Straße – wo es immer so schön nach Gewürzen roch – und die großen Kähne im Wasser lagen. An den Ufern des Kanals fuhren noch die alten Treidelbahnen, die die Lastkähne zogen. Da mussten wir aufpassen, wenn wir uns an der Böschung am Wasser aufhielten!

Unsere ausgedehnten Spaziergänge mit der Familie gingen auf den Wegen am Kanal entlang vorbei an den Schrebergärten bis zur "Süd-Brücke" (Eugen-Kleine-Brücke, Anm. d. Red.). Oder in die andere Richtung – Drakestraße, Giesensdorfer Straße, vor der Brücke zum "Lilienthal-Denkmal". Da gab es auch ein kleines Café (das heutige Tomasa, Anm. d. Red.). Auf der anderen Uferseite war die Schwimmanstalt mit zwei Becken, das hintere nur für Frauen und Mädchen. Kinder wurden mit Korken um den Bauch vom Bademeister an der Angel immer ringsum geführt: "Eins – zwei – drei!" Am Ende des Krieges lagen alle Brücken vom Teltowkanal zerstört im Wasser, die großen Weidenbäume waren schwer beschädigt.

Als 1942 die Bombenangriffe immer heftiger wurden, kam mein großer Bruder von der russischen Front als Soldat auf Urlaub. Es waren nur wenige Tage. Er empfand es unerträglich, in unserem Hauskeller schutzlos dem Bombenhagel ausgeliefert zu werden, evtl. das Haus über sich einbrechen zu lassen und entschloss sich, auf unserem Grundstück einen Splittergraben im Zick-Zack, jeweils etwa einen Meter breit, zwei Meter hoch, zu bauen. Den suchten wir dann bei Alarm auf. Einmal hatte es zuvor heftig geregnet. Da war das Sickerwasser von der naheliegenden Grube eingedrungen, so dass wir den Splittergraben nicht aufsuchen konnten. Just in dieser Nacht fiel eine Brandbombe an die Stelle, wo mein Vater jeweils auf seinem kleinen runden Hocker saß, die ihn unweigerlich getroffen hätte! Seit dieser Zeit gingen wir bei Alarm über die Straße in den Keller unter der Gasanstalt, wohin auch viele unserer Nachbarn flüchteten.

Daneben schlug wenig später eine "Luftmine" ein, die die umliegenden Häuser sehr zerstörte, unser Haus im Besonderen: Mauerwerk, tragende Balken im Erdgeschoß, ... Putz der Wände und Decken, so dass das Stroh hervorkam. Fensterscheiben gab es schon länger nicht mehr. Mein geschickter Vater war stets so tüchtig, dass er immer gleich am Hämmern war, mit Brettern und Pappe die Fenster vernagelte – aus den Bildern das Glas herausnahm und als kleine Scheiben einsetzte.

Ich könnte noch vieles aus der Kindheit und Jugend in der Giesensdorfer Straße erzählen, vom Einholen beim Bäcker um die Ecke, vom Kaufmann-Tante-Emma-Laden, wo es für 10 Pfennig Suppengrün gab, von dem Kuhstall, wo wir unsere Milch im Kännchen holten, … Aber nun muss ich endgültig aufhören, sonst finde ich kein Ende – und Sie haben zu viel zu lesen!

Eva Klesse

(von der Redaktion für den Druck gekürzt)

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