Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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8.12.2019

Mut zum Film
Ein Interview mit Pfarrer Roland Wicher

von Friederike Höhn


Bild: Dina Clausen

Eigentlich ist Roland Wicher Pfarrer der Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf in Berlin-Lichterfelde. Aber seit vielen Jahren ist er auch als Filmpublizist und Medienpädagoge aktiv. Im Auftrag der protestantischen Filmorganisation Interfilm koordiniert er die Arbeit der ökumenischen Jury bei den Berliner Filmfestspielen (Berlinale). Sie begann in diesem Jahr am 7. Februar. Welchen Auftrag kirchliche Filmarbeit hat, darüber sprach er mit Friederike Höhn.

Herr Wicher, Sie sind Koordinator der Ökumenischen Jury bei der diesjähri-gen Berlinale. Woher rührt Ihr Interesse an Filmen?

Seit meinem Studium interessiere ich mich für Filmkultur und auch für Zusammenhänge zwischen Theologie, Religion und Film. Sehr inspiriert hat mich der damalige Filmbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Leiter des Theologischen Konvikts in Frankfurt/Main, Werner Schneider-Quindeau, der leider vor zwei Jahren verstorben ist.

Auch habe ich bei dem Theologieprofessor Wilhelm Gräb wissenschaftlich zu Film und Theologie gearbeitet, vor allem zum Kino des US-amerikanischen Regisseurs Martin Scorsese. Ich habe eine ganze Reihe von Texten dazu veröffentlicht, Vorträge gehalten und Fortbildungen angeboten, aber auch Jugend- und Gemeindeprojekte gestaltet.

Und wie kamen Sie zur Berlinale?

Preisträger der Ökumenischen Jury

  • Im Wettbewerb: "Gospod postoi, imeto i'e Petrunija (God exists, her Name is Petrunya)" (Regie: Teona Strugar Mitevska)
  • Im Panorama: "Buoyancy” (Regie: Rodd Rathyen) und eine lobende Erwähnung für "Midnight Traveller" (Regie: Hassan Fazili)
  • Im Forum: "Erde" (Regie: Nikolaus Geyrhalter)

Roland Wicher bespricht die Preisträgerfilme in "Die Kirche" 8/2019: www.die-kirche.de/artikel-details/unrechtstrukturen-aufbrechen.

Vor 20 Jahren nahm ich das erste Mal in einer ökumenischen Jury bei den Ober­hausener Kurzfilmtagen teil. Höhepunkt meiner Juryarbeit war die Berlinale-Jury, bei der ich 2013 mitgewirkt habe. Jetzt koordiniere ich als "Jury Delegate" die Arbeit der kirchlichen Jury beim Festival. In diesem Jahr freue ich mich auf eine Jury, die aus drei evangelischen und drei katholischen Mitgliedern besteht, unter Vorsitz der katholischen Jurypräsidentin Anna Grebe, mit weiteren Mitgliedern aus New York, Kanada, Uganda und Deutschland.

Welche Filme werden von Ihnen und Ihren Kollegen ausgewählt?

Die Filme, die die ökumenische Jury sichtet und aus denen sie drei Filme prämiert, müssen drei Kriterien genügen. Zum einen müssen sie filmkünstlerisch gut sein. Dann sollen sie einen Blick auf den Menschen zeigen, der mit der Botschaft des Evangeliums im Einklang ist oder den Dialog mit der biblischen Tradition anregt. Schließlich sollen sie spirituelle und ethische Werte vermitteln. Der Dreiklang ist hier wichtig: Film ist Kunst, das müssen wir ernstnehmen, enthält aber immer auch Werthaltungen und spirituelle Schichten.

Welchen gesellschaftlichen Beitrag kann Kino leisten?

Keine einfache Frage. Die kirchliche Filmarbeit hat auch eine kritische Aufgabe und muss genau hier unterscheiden. Kunst als solche ist Ausdruck von Freiheit, das gilt auch für den Film. Er darf provozieren und irritieren, schafft einen Freiraum und verleiht Menschen und ihren Themen eine Stimme.

Es gibt dann natürlich gesellschaftlich engagiertes Kino, ob dokumentarisch oder im Spielfilm, das Themen wie Flucht und Vertreibung, Krieg und Armut, Unterdrückung von Menschen auf Grund ihrer Herkunft oder etwa ihrer Genderidentität thematisiert und sich mit den Ausgegrenzten solidarisiert. Die Berlinale hat darauf traditionell ein Abo.

Wo sehen Sie die Grenzen?

"Kino kann auch ein Propagandawerkzeug werden. Dem müssen wir uns entgegen­stellen. Manchmal geschieht das subtil und dann diskutieren wir das kontrovers. In vielen Ländern werden Filme­macherinnen und Filmmacher verfolgt und sind in Haft. Auch das ist nicht hinnehmbar. Der Mut vieler Filmkunstschaffender beeindruckt mich."

Dokumentarfilm, Actionkracher oder spannender Krimi: Welche Filme schauen Sie persönlich am liebsten?

Es gäbe so viele Filme: die wunderbaren poetischen Dokumentationen des gerade verstorbenen Jonas Mekas, der Jahrzehnte seiner Familiengeschichte in über vier Stunden Filmimpressionen gepackt hat. Dann auch besonders die frühen Filme des katholischen Filmemachers Martin Scorsese und viele Filme vom Hamburger Fatih Akin.

Sehr schätze ich die Coen-Brüder aus den USA, die unlängst einen Episoden-Western "The Ballad of Buster Scruggs" gedreht haben. Menschlich und mit melancholischem, manchmal sarkastischem Humor blicken sie auf ihre Figuren, wie einen schwerbehinderten Rezitator von Texten, der in einer Art Varieté-Show im Plan­wagen von Dorf zu Dorf gefahren wird, und vor den Cowboys und Landbewohnerinnen poetische Texte mit großem Talent und viel Leidenschaft vorträgt. Perlen vor die Säue, denkt man, und sein Schicksal ist tragisch.

Dieser Film wurde übrigens bei einem kostenpflichtigen Onlinedienst veröffentlicht. Das Kino ist im Wandel, aber es kann weiter begeistern.

Friederike Höhn

Der abgedruckte Beitrag ist aus der Evangelische Wochenzeitung "Die Kirche", zu finden unter www.die-kirche.de/artikel-details/mut-zum-film-3672.
Weitere Informationen zur kirchlichen Filmarbeit unter www.inter-film.org (protestantisch) u. www.signis.net (katholisch).

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