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19.6.2019

Mémorial de la Shoah
ASF-Bericht einer Freiwilligen aus Paris

von Mara Ferrier

Am 9. September 2018 wurden im Gottesdienst drei Jugendliche zu ihrem "Freiwilligen Jahr" bei ASF (Aktion Sühnezeichen Friedensdienste) verabschiedet. Mara Ferrier gehörte auch dazu. Hier ist nun ein Bericht ihrer Arbeit bei Mémorial de la Shoah in Paris.

Viele haben von Paris diese Bilder im Kopf: Eine wunderschöne Stadt ..., die Stadt mit bekannten Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm, der Basilika Sacré-Cœur de Montmartre oder der Kathedrale Notre-Dame.

Mit meiner Freiwilligen Antonia auf der Rue de Rosiers

Ich heiße Mara Ferrier, bin 19 Jahre alt und komme aus Leipzig. Ich wusste, dass mein (französischer) Vater über eine Organisation nach Deutschland gekommen war, die sich mit der Aufarbeitung der Verbrechen im zweiten Weltkrieg auseinandersetzt. 1996 kam er über den Verein Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. (ASF) für einen Freiwilligendienst in die Gedenkstätte Buchenwald. So war es dann auch mein Vater, der mich auf die Arbeit der ASF aufmerksam machte. Die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Shoah beschäftigten mich schon länger.

Die ASF war somit die ideale Organisation, die meinen Jugendwunsch und mein Interesse für die Geschichte der Verfolgung der Juden vereinte. Das Auswahlseminar in Werthpfuhl bestätigte mir nur nochmal, dass ASF die richtige Wahl für einen Freiwilligendienst ist. Als dann Mitte Februar die Zusage kam, war ich sehr glücklich, und dass es als Einrichtung dann auch noch das Mémorial de la Shoah in Paris geworden war, machte es geradezu perfekt.

Inzwischen hat sich meine Arbeit eingespielt. Ich arbeite in drei Bereichen: Entweder bin ich in der Fotothek, in der Bibliothek oder im Archiv.

Die Arbeit in der Fotothek finde ich mit Abstand am interessantesten, aber auch am aufwendigsten. Meine Tätigkeit besteht zum größten Teil aus dem Heraussuchen, Scannen und dem Bearbeiten von Bildern mit den Grafikprogrammen Photoshop und Lightroom. Dabei müssen Fotos so bearbeitet werden, dass sie dem historischen Original möglichst ähnlich sind. Das Spannende ist, dass meine Arbeit neben manchen recht monotonen Tätigkeiten auch eine Ausbildung im Bereich Fotografie und Dokumentation umfasst. So lerne ich neben dem Bedienen von Bildbearbeitungsprogrammen auch den Umgang mit der Kamera und andere praktische Dinge aus dem Bereich der Fotografie. Am ersten Arbeitstag gab Lior, die Leiterin der Fotothek, uns einen Koffer mit Dokumenten, den sie gerade bekommen hatte. Es war ein alter Koffer mit Wertsachen einer jüdisch-deutschen Familie, die während des zweiten Weltkrieges nach Paris emigrierte und später, nach der Okkupation, in die Nähe von Lyon floh. Der Koffer war voller Bilder, Zeichnungen, Dokumente und Briefe. Unsere Aufgabe war es, so viel wie möglich über die Familie herauszufinden und den Kofferinhalt zu ordnen. Wir verbrachten die ersten Tage damit, die Briefe und Dokumente der Familie zu entziffern. Zum Teil waren Urkunden und Notizbücher aus dem 19. Jahrhundert darunter.

Die Dienstagnachmittage sind meine Lieblingszeiten: An diesen Nachmittagen kommen Menschen aus ganz Frankreich ins Mémorial, um Unterlagen und Dokumente, die für das Mémorial relevant sein könnten, abzugeben. Es sind meist Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben, oder deren Angehörige. Sie kommen und erzählen ihre Geschichte und die der Bilder.

Mit mir zusammen arbeiten Ehrenamtliche, sie sind alle sogenannte "enfants cachés", die als Kinder während des Krieges versteckt und so gerettet wurden.

An drei Tagen der Woche arbeite ich im Archiv: Die Leute im Archiv sind total lieb und witzig. Marie, die für mich zuständig ist, ist stets hilfsbereit zur Seite, wenn ich einmal nicht weiterkomme. Meine Aufgaben im Archiv sind tageweise festgelegt: dienstags scanne ich, mittwochs helfe ich bei der Modernisierung bzw. Digitalisierung des Archivs mit und donnerstags übersetze ich ein für das Archiv relevantes Buch aus dem Deutschen ins Französische. Es beinhaltet den Briefwechsel einer deutsch-jüdischen Familie, deren Tochter nur dadurch überlebte, dass sie von ihrer Mutter nach Großbritannien geschickt wurde. Die Sätze sind auch im Deutschen für mich nicht immer ganz eindeutig und oft voller unbekannter Wörter, die mir nicht einmal der Duden erklären kann. Dadurch komme ich häufig ins Gespräch mit meinen netten Kollegen Yael und Maialen, die mir oft und gerne helfen. Beim Erörtern der Unterschiede zwischen den verschiedenen Sprachen entspinnt sich dann auch schnell mal ein Gespräch über Politik und die Welt.

Die restliche Zeit der Woche arbeite ich in der Bibliothek bei Ariel. Der Lieblingsatz der häufig gestressten Ariel ist: "Il n´y a jamais rien à faire dans une bibliothèque" – "Es gibt nie nichts zu tun in einer Bibliothek." Ariel spricht auch zum Teil Deutsch und weiß, wie es ist eine Sprache zu lernen. Sie korrigiert oft meine grammatikalischen Fehler, wofür ich sehr dankbar bin. In der Bibliothek liste ich Bücher auf, räume sie ein und schaue ob es Bücher doppelt gibt. Ariel gibt mir oft auch Bücher zum Lesen auf Deutsch, Englisch und Französisch.

Auch wenn mein Alltag sehr festgelegt ist, laufen die Wochen im Mémorial nicht immer gleich ab, und ich lerne immer wieder Neues kennen.

Im November organisierte das Mémorial für sieben Schulklassen eine eintägige Reise zur Gedenkstätte nach Auschwitz. Antonia und ich wurden spontan zwei Tage vorher gefragt, ob wir Interesse hätten, die Klassen zu begleiten. Um sechs Uhr flogen wir von Paris nach Krakau und am Abend kamen wir um 23 Uhr vollgestopft mit Eindrücken und Emotionen nach Paris zurück. Diese nicht gerade umweltfreundliche Aktion soll helfen, den steigenden Antisemitismus unter den jungen Menschen in Frankreich zu reduzieren. Die Schüler im Alter von 17-18 Jahren sahen die Reise als lustigen Schulausflug und verhielten sich teilweise auch so, was mich sehr schockierte. Trotzdem fand ich den Tag sehr interessant.

Mit Camilla und Antonia bei der Konferenz "60 Jahre ASF"

... darauf folgte ein Ereignis für Antonia und mich: Das Mémorial hatte zum Thema "60 Jahre ASF" eine Konferenz organisiert, auf welcher der deutsch-französische Botschafter, ein Historiker, unsere Länderbeauftragte Camilla, Antonia und ich unter dem Titel "Wie die deutsche Jugend die Vergangenheit reparieren möchte" ein Podium bildeten und das Thema diskutierten. Antonia und ich stellten uns vor und sprachen über unsere Arbeit im Museum und unsere Intention. Im Anschluss wurden – hauptsächlich an Camilla – Fragen gestellt, darunter sehr viele spannende und wichtige.

Die Arbeit im Mémorial de la Shoah macht mir viel Spaß. Meine mir zugeteilten Aufgaben passen gut zu mir und meinen Interessen. Die starren Zeiten und die Struktur im Alltag tun meinem wohl doch sehr chaotischen Dasein gut. Unter der Woche bin ich immer bis 17:30 Uhr im Museum – mit Ausnahme des Freitags, wo ich nur halbtags arbeite.

In den ersten Wochen gab es sehr viel zu organisieren und das eine oder andere administrative Problem zu lösen. Der Vertrag mit der Agence du service civique, der französischen Freiwilligenagentur, verzögerte sich, was auch die nächsten Schritte – wie die Eröffnung eines französischen Bankkontos oder eines Telefonvertrages blockierte. Seit drei Wochen ist dieses nun zumindest geregelt.

Die Wochenenden nutze ich immer, um die Stadt weiter zu entdecken oder zu reisen. In Paris gefällt mir das Marais-Viertel sehr gut. Es ist sehr pariserisch und hier liegt auch das Café des Psaumes, ein jüdisches Begegnungscafé, wo zwei meiner Pariser Mitfreiwilligen arbeiten. Ursprünglich war die Arbeit im Café auch als Teil meines Projektes geplant, leider wird aber meine Hilfe im Café nicht wirklich benötigt. So treffe ich mich hier oft mit den anderen Freiwilligen, trinke einen Cappuccino (der hier für Pariser Verhältnisse sehr günstig ist) und lerne – getreu der Philosophie des Cafés - Menschen kennen. Gleich am Anfang besuchten Antonia und ich an einem verlängerten Wochenende Freiwillige in ihrer WG, die in einem ASF-Projekt in Antwerpen arbeiten. An einem Tag fuhren wir nach Brüssel und feierten im Jewish Community Center Sukkot – das jüdische Laubhüttenfest – mit. vAm ersten Advent traf ich mich mit fast allen Frankreichfreiwilligen für ein Wochenende in St. Jean le Blanc, einem kleinen Dorf in der Normandie, wo zwei von uns in einem Landwirtschaftsprojekt der ASF arbeiten. Durch diese Wochenendausflüge merke ich, dass es mir gut tut, auch ab und zu aus dem vollen und hektischen Paris herauszukommen, die anderen Freiwilligen zu treffen und mit ihnen über unsere Erfahrungen in den verschiedensten Städten und Projekten zu reden.

Die ersten drei Monate vergingen wie im Flug. Und ich habe auch das Gefühl, dass das leider so bleibt. Dabei gibt es noch so viel zu entdecken und zu lernen.

Mit meinem Projekt bin ich sehr zufrieden und auch froh, dass ASF mir diese Möglichkeit gibt. Und abgesehen von den Problemen mit meinem Service Civique Vertrag, verlief meine Ankunft ganz gut. Für die neuen Bekanntschaften und Freundschaften, die ich über die ASF gemacht habe, bin ich sehr dankbar.

Und wenn ich schon bei einer Danksagung bin: Insbesondere bin ich meinen Paten sehr dankbar, dass sie mich und ASF so großzügig unterstützen. Die letzten Monate waren sehr aufregend und spannend und ohne die große Unterstützung wäre mein Aufenthalt in Paris nicht möglich. Vielen Dank!

Bearbeitet von S. Habedank-Kolodziej. Leider konnten touristische Teile ihres Berichtes aus Platzgründen nicht gedruckt werden.

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