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13.12.2018

Das Bildnis
Die Weihnachtsgeschichte

von Torsten Lüdtke

Das fahle Mondlicht gab der verschneiten Flusslandschaft ein bleiches, gespenstisches Aussehen. Auf den Wellen des breiten Stromes, der hier eine scharfe Biegung machte, glitzerte das Licht. Dicht am Flussufer führte die von Leipzig kommende Straße vorbei, auf der an diesem sternklaren und frostkalten Dezemberabend nur einzelne Fuhrwerke und ein einsamer Wanderer zu sehen waren. In seinen Reitstiefeln kam der Wanderer im hohen Schnee nur mit langsamen Schritten voran. Als auf dem anderen Ufer des Flusses die Umrisse der alten Residenzstadt deutlicher sichtbar wurden, blieb der in einen eleganten dunklen Reisemantel gehüllte Reisende stehen. Der junge Mann blickte kummervoll auf die mächtige Kuppel der Frauenkirche und die anderen Türme der Stadt Dresden, die sich im Licht des Vollmondes deutlich vom dunklen Himmel abhoben. In diesem Moment hätte niemand in dem einsamen Wanderer den erfolgreichen und ausgezeichneten Bildhauer August Hohenstein vermutet, denn bei näherer Betrachtung zeigten sich sowohl am Mantel als auch an den Stiefeln Löcher und schadhafte Stellen. Mehrere Augenblicke stand der Reisende so schweigend am Ufer, dann verfinsterte sich das bleiche Antlitz des einsamen Wanderers, und er begann die Melodie von "O du lieber Augustin, alles ist hin ..." zu summen.

Von Raffael – Google Art Project: Home - pic Maximum resolution., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org

August Hohenstein konnte heute die Schönheit und Harmonie des Stadtpanoramas nicht würdigen, obgleich er als Bildhauer den Reiz Dresdens und seiner Bauten kannte und schätzte; schon seit seiner Kindheit bewunderte er die Werke des Goldschmieds Dinglinger und des Bildhauers Permoser. Oft hatte er als Knabe seinen Vater, der vor den Toren Dresdens ein einträgliches Gut besaß, bei Fahrten in die Stadt begleitet und dieser hatte ihm dort auch das verwilderte Nymphenbad im Zwinger oder im Grünen Gewölbe des Schlosses die Mohrenfigur mit der Smaragdstufe gezeigt.

Ein grimmiges Lächeln umspielte die Lippen des jungen Mannes; er überdachte seine schier ausweglose Lage: Vor wenigen Wochen war sein Vater gestorben, in der letzten Herberge hatte man ihm seine Börse mit 50 Talern, dazu alle anderen Wertsachen sowie sein Pferd gestohlen. Am allerschwersten wog für ihn jedoch der Verlust seiner Braut. Bereits im Sommer hatte Sophie die Verbindung mit ihm gelöst und war als Frau eines preußischen Offiziers nach Schlesien gegangen. Neben diesem Kummer machten ihm auch die Gedanken an den Auftrag des rheinischen Industriellen zu schaffen, der sich für seine Privatkapelle eine Marienstatue aus Marmor wünschte.

August Hohenstein fror. Er musste weiter, wollte er nicht noch eine Nacht auf der Landstraße verbringen; auch hoffte er, noch vor Toresschluss Dresden zu erreichen. Nach einem ungefähr halbstündigen Fußmarsch erreichte der Bildhauer frierend und erschöpft den Palais-Platz in der Dresdner Neustadt. Auf dem japanisch anmutenden Kupferdach des Palais lag eine dicke Schneedecke. August Hohenstein war in der Stadt angekommen, doch wusste er noch immer nicht, wo er in dieser Nacht unterkommen würde. Zwar lebten von den alten Freunden seines Vaters noch einige in Dresden oder in der Dresdner Neustadt, doch getraute er sich nicht, zu der späten Stunde in seinem elenden Zustand um ein Nachtquartier zu bitten.

Langsam und missmutig zog der junge Mann weiter. Die große, goldene Reiterstatue des Kurfürsten und Polenkönigs würdigte August heute keines Blickes; unbeirrt schritt er voran. Bald war er auf der breiten, alten Brücke, die über die Elbe führte. Hier, direkt über dem Strom, war es besonders kalt; ein eisiger Wind blies August direkt ins Gesicht. Er fror schrecklich. In der Mitte der Brücke, beim großen Kruzifix, blieb August stehen. Im hellen Mondlicht betrachtete er den bizarr geformten Steinsockel und das kunstvoll aus Bronze gegossene Kreuz, dabei musste er wieder an seine unangenehme Lage und den Auftrag der Marmor-Madonna denken.

Rasch überquerte August die Brücke und lief weiter. Vor einem neuen, festlich beleuchteten königlichen Schauspielhaus blieb er staunend stehen. Das prächtige Gebäude des Baumeisters Semper war neu, daher kannte es August nicht. Interessiert betrachtete August die Fassade in den Formen der florentinischen Frührenaissance. Sie erschien ihm als äußerst gelungen, in den Verhältnissen als ausgewogen und wohlproportioniert. Ein prachtvoller Pferdeschlitten mit einem reich gekleideten Paar fuhr vorbei. Die Glöckchen des Schlittens klingelten lustig, doch August hörte wieder einmal nur die Melodie "O du lieber Augustin, alles ist hin ..."

Verstört und ziellos lief August durch die ihm seit Kindertagen bekannten Gassen. August versuchte nachzudenken: Seine Tante Wilhelmine, die Schwester seiner Mutter, lebte am Altmarkt. Vielleicht hatte er Glück, und er würde heute dort Hilfe finden. August machte sich auf zum nahegelegenen Altmarkt. Auf dem weitläufigen Platz standen die Buden des Strietzelmarktes. Viele waren bereits geschlossen und dunkel, doch in einigen brannte noch Licht. Hier waren die Händler damit beschäftigt, die angebotenen Waren in der Auslage zu ordnen: August sah schrumpelige Pflaumentoffel und Pulsnitzer Pfefferkuchen, Holztiere aus dem Erzgebirge und irdenes Geschirr.

Die Fenster des Wohnhauses seiner Tante waren heute dunkel. August musste lange warten, ehe sich ein Fenster öffnete und der Kopf eines Dienstmädchens sichtbar wurde.

"Bettlern und Hausierern geben wir nichts. Verschwinde!" kam es mit einem schnippischen Unterton von oben herab, "Ich muss aber die gnädige Frau unbedingt sprechen", entgegnete August. "Die gnädige Frau ist nicht da, aber du kannst gerne die Bekanntschaft mit der Peitsche des Kutschers machen!" schrie das Dienstmädchen ärgerlich und schloss klirrend das Fenster.

Es nützte August Hohenstein nichts, soviel er auch klopfte und polterte, die Tür blieb verschlossen. Als jedoch im Innern des Hauses schwere Schritte und eine laute Männerstimme hörbar wurden, ergriff er die Flucht. August rannte so schnell er es in den kaputten Stiefeln vermochte. Als er sicher war, dass ihn der grobschlächtige Kutscher nicht weiter verfolgte, blieb er keuchend stehen. Verwundert stellte August fest, dass er den Altmarkt weit hinter sich gelassen hatte und er sich an der Südostecke des Residenzschlosses befand. Erschöpft setzte er sich unter einem nahe gelegenen Vorsprung des Schloss auf eine Treppenstufe und schlief ein. Es waren wirre Träume, die August träumte: August sah sich am Fuße eines riesigen, verschneiten Berges stehen. Ein steiler Weg führte auf dessen Gipfel hinauf und auf der Spitze stand eine riesige Madonna aus Pfefferkuchenteig. August hörte hinter sich das wilde Rufen und schrille Lachen einer ganzen Meute von gewalttätigen Kutschern und entsetzlichen Dienstmädchen, die ihn verfolgten. So schnell August in seinem Traum auch rannte, er kam nicht von der Stelle. Augusts Vorsprung schwand – und der Berg wurde immer höher. Fast hatten ihn die Verfolger eingeholt, als er von Ferne seinen Namen rufen hörte: "August? August!"

August erwachte und blickte benommen und schläfrig in ein freundliches, bärtiges Gesicht. Vor ihm stand ein Mann, der in einen schönen roten Mantel gekleidet war. Hatte dieser Mann seinen Namen gerufen? August wusste es nicht. Der Mann war ihm fremd, und doch kam er ihm irgendwie bekannt vor. War er der alte Nikolaus?

Bevor sich August richtig besinnen konnte, woher er den Mann kannte, sagte dieser: "Kennst du mich nicht mehr, August? Aber es ist ja auch lange her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Ich bin Nikolaus Loschwitz, ein alter Freund deines Vaters. Früher habt ihr mich und Marie gern und oft besucht."

Langsam dämmerte es in Augusts Erinnerung. Vor ihm stand der ‚alte Nikolaus‘, wie sein Vater den Jugendfreund immer genannt hatte. Er erinnerte sich gern an die zahlreichen Besuche beim ‚alten Nikolaus‘ und seiner Tochter Marie. Nikolaus Loschwitz wohnte in der Nähe des Neumarkts und der Frauenkirche im Johanneum. In diesem Gebäude befand sich seit der Zeit August des Starken die Gemäldegalerie der sächsisch-polnischen Könige. Als Kastellan oblag dem ?alten Nikolaus‘ die Verwaltung und Pflege der berühmten Gemäldesammlung. Aus alter Verbundenheit lud der Kastellan August ein, sein Gast zu sein. August schätzte sich glücklich, dass er mit dem ‚alten Nikolaus‘ einen Freund seines Vaters gefunden hatte, bei dem er für ein paar Tage bleiben könnte. Nun würde alles gut werden und sich regeln lassen, dachte August. Die Turmuhr der Frauenkirche schlug neun, als sie am Johanneum anlangten. Kaum waren der Kastellan und August eingetreten, kam ihnen schon Marie, die Tochter des Kastellans entgegen.

"Guten Abend, Vater! Wer ist der Mann, den du zu so später Stunde als Besuch mitbringst?" fragte Marie, und sie spürte, wie sie dabei rot wurde.

August traute seinen Augen kaum; die hübsche junge Frau, die vor ihm stand, war seine Spielgefährtin aus Kindertagen. Er hatte einen Kloß im Hals, und er war froh, als der alte Kastellan das Wort ergriff und sagte: " Stell dir vor, Marie, dieser junge Mann ist August Hohenstein. Erinnerst du dich, du hast als Kind oft mit ihm gespielt, wenn er und sein Vater bei uns zu Gast waren. Er bleibt einige Tage bei uns."

Marie gab dem Mädchen einige kurze Anweisungen; schließlich sollte sich ihr alter Jugendfreund recht wohl bei ihnen fühlen. Das Gästezimmer war rasch hergerichtet, und August begab sich mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit zu Bett. Erschöpft, aber glücklich, schlief August bald ein.

Am nächsten Morgen erwachte August früh. Rasch stand er auf, wusch sich und kleidete sich an. Im Salon der Kastellanswohnung traf August auf Marie, die bereits mit dem Frühstück auf ihn wartete. Nach dem Frühstück bot Marie August an, ihm die berühmte Gemäldesammlung zu zeigen. Scherzend und lachend schlenderten die beiden jungen Menschen durch die lichtdurchfluteten Säle, doch auf einmal blieb Marie vor einem Bild stehen und wurde sehr ernst.

"Sieh dir dieses Bild an, August. Es ist mein Lieblingsbild", sagte sie, und leise setzte sie hinzu: " Es war das Lieblingsbild meiner früh verstorbenen Mutter. Deshalb heiße ich auch Marie."

August betrachtete das großformatige Gemälde im aufwendigen Goldrahmen; Raffaels Marienbildnis, die Sixtinische Madonna, war ihm wohlbekannt, aber an diesem Morgen nahm ihn ein anderes Bild besonders ein: Er sah neben Raffaels engelsschöner Maria mit dem Jesusknaben die irdische Marie ...

August spürte, dass er Marie liebte. Marie umarmte ihn und gab ihm einen Kuss. Nun wusste August, wie er den Aufrag für die Marmor-Madonna ausführen würde, und er wusste auch, dass er ihr mit seiner Marmorstatue ein Denkmal setzen würde ...

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