ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > November 2018

21.11.2018

Jürgen Bischof erhielt das Bundesverdienstkreuz

von E-Mail

Mit einem ausgedienten Büchereibus als mobile Anlaufstelle für die Jugendarbeit begann Jürgen Bischof 1998 seine Arbeit in der Thermometersiedlung. Der Name BUS-STOP hat dort seinen Ursprung.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Jürgen Bischof durch Aleksander Dzembritzki (Staatssekretär bei der Senatsverwaltung für Inneres und Sport) – Foto: Michael Busch

Als gelernter Sozialpädagoge mit Erfahrungen als Streetworker in der Gropiusstadt kam er nach Lichterfelde-Süd und nahm in der Thermometersiedlung ein Wohngebiet wahr, das seit dem Mauerfall sein Gesicht stark verändert hatte. Die Wohnungen waren in den 70er- und 80er-Jahren durchaus begehrt. Sie waren modern, gut geschnitten und finanzierbar. Als Mitte der 90er-Jahre die Fehlbelegungsabgabe auf Sozialbauwohnungen erhöht wurde und das Umland nach dem Mauerfall neue Wohnmöglichkeiten eröffnete, verließen viele besser verdienende Familien das Wohngebiet. Sozial schwache Familien " oft mit einem Migrationshintergrund " zogen zu. Für viele der neuen Bewohner war die Thermometersiedlung ein Sozialraum, in dem sie sich nicht ausgegrenzt fühlten, da sie sich in einer multikulturellen Umwelt mit oft vielfältiger religiöser Orientierung unauffällig einrichten konnten.

Die Entwicklung von Parallelgesellschaften schritt stark voran. Eine hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere bei Jugendlichen, Gewalt in den Familien und auf der Straße, Vandalismus, Drogenkonsum, ein geringer Grad an Integration und insgesamt eine perspektivlose Zukunft waren die Rahmenbedingungen, die Jürgen Bischof als Sozialarbeiter in der Thermometersiedlung an vielen Stellen vorfand. Aber statt larmoyant die Verhältnisse zu beklagen, entwickelte er Ideen und Programme, um die Situation zu verbessern. Die Vorstellung von einem friedlichen und toleranten Zusammenleben in Lichterfelde-Süd war federführend für seine Arbeit und die seiner oftmals ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Vieles wurde ausprobiert, einiges bewährte sich, anderes wurde verworfen.

Erfolgreich entwickelte er in den folgenden Jahren ein Kiezmentoren-Programm, in dem bis heute viele Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung durch ein spezielles Programm geschult und ausgebildet werden. Nach erfolgreicher Absolvierung sind die Mentoren dann als Betreuer in den Einrichtungen der Siedlung und auf der Straße unterwegs. Sie kommen selber aus der Siedlung, bringen den "Stallgeruch" mit, der für eine notwendige Akzeptanz wichtige Voraussetzung ist. Sie übernehmen eine Vorbildfunktion, gewinnen Kinder und Jugendliche aus der Siedlung, um mit ihnen gemeinsam soziale Kompetenzen zu trainieren, ihnen Normen und Werte zu vermitteln, sie für eine sinnvolle Zukunftsgestaltung anzuleiten und zu begleiten.

Die Arbeit begann auf den Straßen und sie hat im Gemeindezentrum der Kirchengemeinde vor nun fast zwanzig Jahren einen festen Stützpunkt gefunden. Es entstand das, was wir heute neudeutsch eine "Win- Win-Situation" nennen. Der Verein Bus-Stop hatte ein festes Dach über dem Kopf und einen Ort für seine Arbeit und Jürgen Bischof rettete mit Jugendlichen aus der Siedlung das marode Haus vor dem Zerfall.

Das Kiezmentoren-Programm wurde 2007 als vorbildlich anerkannt und mit einem Preis ausgezeichnet. Und es geht weiter. Heute nehmen auch Flüchtlinge aus der Unterkunft am Ostpreußendamm an diesem Projekt teil. Der Kopf und Initiator hinter all dieser Arbeit war und ist Jürgen Bischof. Unermüdlich knüpfte er Netzwerke, führte Gespräche, warb um Finanzmittel, scheute auch vor Auseinandersetzungen nicht zurück.

Wichtige Gesprächspartner in all den Jahren waren auch Vertreter der örtlichen Polizeidienststelle. Jürgen Bischof ist auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich ein partnerschaftliches Vertrauensverhältnis zwischen Bewohnern und der Polizei aufgebaut hat.

Als Kirchengemeinde danken wir ihm für die enge Zusammenarbeit in all den Jahren. Wir freuen uns sehr, dass er am 24. Oktober 2018 mit dem "Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" für sein besonderes Engagement im Sozialraum Lichterfelde-Süd ausgezeichnet wurde. Die Verleihung war ein feierlicher und bewegender Augenblick, an dem einige der Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter teilgenommen haben.

Pfarrer Michael Busch