ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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11.12.2018

Vom Seufzen und Sehnen ...

von Pfarrer Björn Sellin-Reschke


Bild: pixabay.com

Wie oft seufzen Sie? Leise vor sich hin? Oder laut, so dass es andere hören können?
Wenn es an der Kasse zu lange dauert! Wenn andere mit dem Auto fahren, als wären sie allein auf der Welt!
Wenn in der Familie mal wieder die gleiche Diskussion aufflammt, wie schon seit Wochen!
Wenn die Nachrichten berichten von Gewalt in der Ferne oder in der Nähe!

Wie oft ist mir danach zu seufzen!?

Ein lauter Seufzer kann durchaus befreiend wirken!

Ich lasse etwas los. Ich "fresse es nicht in mich hinein". Beim lauten Seufzen hole ich tiefer Luft – und der Sauerstoff belebt mich, was mir gut tut.

Wenn ich Glück habe, reagiert sogar jemand um mich herum mit Verständnis.

In den Psalmen des 1. Testaments der Bibel wird viel geseufzt. Es gibt unter den Psalmgebeten zwar auch Jubelrufe und Dankesworte. Dennoch machen die sogenannten "Klagepsalmen" den größten Teil in dieser biblischen Gebetssammlung aus. Menschen beschreiben, was sie belastet. Und sie bringen es vor Gott in dem Vertrauen, dass er das Seufzen hört.

"Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen", so betet der Psalmist, in dem Vers, der unser Monatsspruch im Oktober ist (Ps. 38,10).

Wer den gesamten Psalm 38 liest, wird schockiert sein von dem Leid, das diesem Psalm zugrunde liegt. Der Beter beschreibt mit kräftigen Worten seine Situation: Sein verfehltes Leben hat ihn gezeichnet. Körperlich ist er ein Wrack. Und die meisten Menschen freuen sich mehr daran, wie schlecht es ihm geht, als dass sie Mitleid hätten!

Ein durch-und-durch verzweifelter Mensch meldet sich hier zu Wort. Und was ihm bleibt ist eben nur diese eine Hoffnung:

"Gott! Mein Seufzen ist dir nicht verborgen. Du hörst mich!"

Es ist bemerkenswert, wie viel Gottvertrauen dieser Leidgeplagte mitbringt – wo andere sich einfach von Gott abwenden würden!

Aber so sind sie – die Beter in den Klagepsalmen. Sie beschönigen nichts von dem Leid, das sie durchmachen! Sie schreien es zum Himmel. Und seufzen.

Und doch richten sie sich an dem Strohhalm ihres Glaubens auf, dass Gott sie nicht verlassen hat und nicht verlassen wird. Unglaublich, wie viel Kraft die Betenden aus dem Vertrauen auf Gottes Gegenwart gewinnen. Und nicht selten stimmen sie schon ein paar Verse später ein Lob und Dank für diesen treuen Gott an.

Auch in dem Monatsspruch für den Oktober schwingt – bei aller Klage – schon etwas von neuer Zuversicht mit! Denn der Betende seufzt nicht nur vor Gott, sondern er beschreibt daneben auch seine Sehnsucht!

"Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen."

Während das Seufzen noch ganz aus dem Leid geboren wird – so geht Sehnsucht schon einen Schritt weiter. Es ist nur eine Nuance, die das "Sehnen" vom "Seufzen" unterscheidet. Die Nuance aber liegt darin, dass unsere Sehnsucht schon eine Idee davon hat, wie es besser werden könnte.

Sehnsucht sieht die Welt schon, wie sie verwandelt vor uns liegen sollte.

In der Sehnsucht liegt Zuversicht, dass das Seufzen nicht das Ende ist.

Beides gehört in der Klage vor Gott zueinander. Wer vor Gott seufzt, der nimmt die Tiefe seiner eigenen Niedergeschlagenheit wahr. Er bleibt nicht mit ihr allein, sondern gibt ihr in Gott eine Adresse.

Zugleich aber erweitert das Sehnen unseren Horizont: da sprechen wir vor Gott aus, was wir brauchen. Und dadurch entwickeln wir ein neues Ziel, zu dem wir aufbrechen wollen.

Wie oft seufze ich? Laut oder leise vor mich hin? Wie oft seufze ich vor Gott und gebe meiner Klage eine Adresse bei ihm?

Und wie oft nehme ich mir dann auf der anderen Seite auch noch die Zeit, um nach meinem Seufzen eine Sehnsucht zu formulieren, die meiner Klage einen neuen Horizont schenkt?

Vielleicht entwerfe ich dann mit Gott gemeinsam ein Bild von dem, wie diese Welt oder mein Leben werden könnte!?

Björn Sellin-Reschke