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19.9.2018

Viel investiert und viel erreicht
Katrin Rudolph verabschiedet sich aus der Erinnerungskultur

Dr. Katrin Rudolph – Foto: Klaus Böse

Neben ihrem Dienst als Pfarrerin der Markus-Kirchengemeinde war Katrin Rudolph sieben Jahren lang Vorsitzende des Netzwerkes Erinnerungskultur des Kirchenkreises Steglitz und Beauftragte für die Stolpersteinarbeit. Unter ihrer Leitung hat sich viel getan. Menschen von außerhalb und innerhalb der Kirche arbeiten engagiert für die gemeinsame Sache "Erinnerungskultur in Steglitz" zusammen. Zum September wechselt Katrin Rudolph in das Amt der Superintendentin des Kirchenkreises Zossen-Fläming. Ein Gespräch über die Entwicklungen der letzten Jahre.

Frau Rudolph, Sie sind nicht nur Theologin, sondern haben an der Humboldt-Universität im Fach Geschichte promoviert. Was genau war Ihr Thema?

Mein Forschungsthema war ein Helfernetz in Berlin-Dahlem zu Beginn der 1940er Jahre rund um Franz Kaufmann und Helene Jacobs, das vielen Juden und Christen jüdischer Herkunft zur Flucht verhelfen konnte. Bis Anfang der 2000er Jahre gab es nur Zeitzeugenberichte, die sich auf den recht engen "Kaufmann-Kreis" bezogen. Meine Untersuchungen haben aber ergeben, dass ein sehr großes Netz von Helferinnen und Helfern mit einer Reichweite bis in die Schweiz dahintersteckte.

Mit diesem Hintergrund waren Sie vermutlich wie geschaffen für die Leitung des Netzwerkes Erinnerungskultur. Sieben Jahre waren Sie die Vorsitzende. Wie haben Sie es vorgefunden, welche Vorstellungen hatten Sie zur Weiterentwicklung?

Als ich die Beauftragung der Steglitzer Erinnerungskultur von meinem Vorgänger Gottfried Brezger übernommen habe, war das Netzwerk vor allem eine Plattform zum Austausch der an Erinnerungskultur interessierten Gemeinden im Kirchenkreis und einige Vertreter aus Zehlendorf. Ich hatte keine klare Vision davon, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln sollte. Was aber daraus wurde, freut mich sehr.

Erzählen Sie mal.

Das Netzwerk Erinnerungskultur im Kirchenkreis Steglitz ruht inzwischen auf drei starken Säulen: der Stolpersteinarbeit, der Initiative KZ Außenlager Lichterfelde und dem ehemaligen kirchlichen Zwangsarbeiterlager auf dem St. Thomas-Friedhof in Neukölln, das unter anderem von den Lankwitzer Gemeinden mitgetragen wurde. Daraus ergibt sich schon eine gewisse Regionalisierung, die ja den Regionen unseres Kirchenkreises entspricht: In Lankwitz hat sich ein sehr aktiver Kreis herausgebildet, der sich sowohl mit dem Zwangsarbeiterlager als auch mit Stolpersteinen beschäftigt. In der Johannes-Gemeinde wurde 2005 mit der Verlegung von Stolpersteinen begonnen und durch die Initiative KZ Außenlager ist ganz Lichterfelde dabei. In Steglitz-Nord gibt es vor allem in Markus und Matthäus eine engagierte Stolpersteinarbeit. Besonders schön ist die Tatsache, dass die Friedenauer Stolperstein-Initiative in unser Netzwerk integriert ist. Auf diese Weise kommt bürgerschaftliches Engagement mit christlichem zusammen. Das verändert die Arbeit und bereichert sie. Wir sind also schon lange weg von einem Vertreterkreis hin zu einem lebendigen Netzwerk. Aus den wenigen Personen zu Beginn sind es 15–20 geworden, die zu den regelmäßigen Treffen kommen. Eine wirklich erfreuliche Entwicklung, die zeigt, wie wichtig das Thema für Steglitz ist.

Welche Leute arbeiten noch mit?

Es ist eine Generation von Interessierten nachgewachsen, die nicht mehr vorrangig das Gefühl hat, etwas abtragen zu müssen. Es engagieren sich Junge und Alte, die die Erinnerung am Leben halten wollen.

Wie stellt sich die Erinnerungskultur zu ganz aktuellen Problemlagen?

Durch meine Vernetzung mit anderen Historikerinnen und mit der Koordinierungsstelle Stolpersteine bin ich auch mit aktuellen Fragestellungen befasst. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, wo die Koordinierungsstelle sitzt, nimmt man zum Beispiel deutlich den Auftrag wahr, dem Antisemitismus von Geflüchteten zu begegnen.

Man gewinnt den Eindruck, dass die Aufmerksamkeit für den Antisemitismus von Zugewanderten vom eigenen ablenken soll.

So ist es. Außerdem dürfen Menschen mit Fluchterfahrungen nicht retraumatisiert werden, indem ihr Schicksal allzu leichtfertig mit der Opfer des Nationalsozialismus in eins gesetzt wird.

Anders ist es bei Menschen, die schon lange hier leben. Vonseiten der Steglitzer Alewiten gibt es zum Beispiel großes Interesse an deutscher Geschichte und der Stolpersteinarbeit, auch bei Kindern und Jugendlichen. Hierbei stellt sich immer wieder das biographische Arbeiten als guter Ansatz heraus. Die „direkte“ Begegnung bewirkt am Ende einen Lernschritt.

Wie blicken Sie auf Ihren Abschied?

Ähnlich wie auf meinen Abschied von der Markus-Gemeinde, mit Dankbarkeit und Wehmut. Ich freue mich sehr über die Entwicklungen der letzten Jahre. Und ich weiß, dass es genug fähige und engagierte Menschen gibt, die das Netzwerk weitertragen werden. Ich bin sehr dankbar, dass mit Pfarrer Roland Wicher eine kompetente Nachfolge gefunden ist, auch wenn er diese zunächst nur kommissarisch wahrnimmt.

Das Interview führte Ulrike Bott.
Es wurde von der Schlüssel-Redaktion aus Platzgründen und mit Erlaubnis etwas gekürzt. Das vollständige Gespräch finden Sie unter www.kirchenkreis-steglitz.de/was-wir-tun/erinnerungskultur/interview- katrin-rudolph.html. Auch den Flyer: "Projekt Stolpersteine" finden Sie auf dieser Internetseite.