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21.11.2018

Der steinige Weg von Frauen ins Pfarramt
Frauen im geistlichen Amt – eine Seltenheit

von Dr. Raja Scheepers

Ilse Härter (1912-2012) – die erste ordinierte Theologin in Deutschland (1943) – Foto: Ilse Härter / Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland

Inzwischen stehen Mädchen und Frauen nahezu alle Türen offen. Es gibt zahlreiche Frauenförderprogramme, Quoten und in fast jeder Ausschreibung für eine Stelle ist der Satz zu lesen, dass "Frauen und Behinderte bevorzugt" werden.

Dennoch: Vielleicht gibt es weltweit inzwischen nur noch einen Beruf, der Frauen gesetzlich verboten ist, jedenfalls in vielen Ländern – der Beruf der Geistlichen. Blickt man sich in deutschen, evangelischen Pfarrämtern um, scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Pfarrerinnen, wohin man blickt. Doch tatsächlich ist es erst seit kurzem statistisch so, dass das evangelische Pfarramt kein männlich dominierter Beruf mehr ist und weltweit sind die Kirchen deutlich in der Überzahl, die Frauen den Zugang zum geistlichen Amt verwehren.

Und dies betrifft nicht katholische oder orthodoxe Kirchen, sondern auch lutherische Kirchen. In Lettland zum Beispiel wurde vor kurzem die Möglichkeit der Ordination von Frauen wieder abgeschafft, in Polen werden Frauen von der lutherischen Kirche überhaupt nicht ordiniert und in Deutschland galt bis vor 44 Jahren für Pfarrerinnen die Zölibatsklausel. Das heißt, eine Pfarrerin, die heiratete, erhielt mit ihrer Heiratsurkunde zugleich ihre Entlassungsurkunde aus dem Dienst, war also plötzlich nicht mehr in der Lage, ihren erlernten Beruf auszuüben, durfte nicht mehr in der Dienstwohnung wohnen bleiben und erhielt keine Bezüge mehr. Bis zu einer Scheidung oder zum Tod des Ehemannes.

Dies ist umso überraschender, als der Reformator Martin Luther selber vor 500 Jahren schrieb: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht einem jeglichen ziemt, solch Amt auszuüben.“ Und so gab es auch zahlreiche Frauen, die in der Reformationszeit predigten, Flugschriften und theologische Abhandlungen verfassten, geistliche Lieder dichteten, mithin als Theologinnen tätig waren. Doch das Amt einer Pfarrerin sollte Frauen noch über 400 Jahre lang verwehrt bleiben.

Die Theologinnenfrage

Erst die Zulassung von Frauen zum Studium in Preußen im Jahr 1908 brachte die Frage auf die Tagesordnung, wie denn mit den Studentinnen der Theologie zu verfahren sei. Kirchliche Examina wie ihre männlichen Kommilitonen abzulegen wurde ihnen verwehrt und so wurde ihnen schließlich gestattet, staatliche Prüfungen zu absolvieren. Doch was dann? Für die evangelischen Kirchen in Deutschland war es selbstverständlich, dass eine Frau nicht das geistliche Amt innehaben könne. Und auch die Theologinnen waren sich untereinander uneins – sollten sie ein spezielles "Frauen-Pfarramt" fordern, das sich um Frauen und Kinder kümmern könne oder sollten sie das gleiche Pfarramt wie ihre Brüder in Christo anstreben? Ende der 1930er Jahre ging man dann vereinzelt dazu über, Theologinnen wie Diakonissen einzusegnen, also ihnen für einen sehr begrenzten Aufgabenbereich innerhalb einer Gemeinde unter einem Pfarrer Aufgaben zu übertragen.

Ilse Härter (1912–2012) – Die erste ordinierte Theologin in Deutschland (1943)

Ilse Härter wurde am 12. Januar 2012 100 Jahre alt. Sie starb am 28. Dezember 2012. Das Bild entstand 2006 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Kirchliche Hochschule Wuppertal.

Als man dies 1939 der Theologin Ilse Härter vorschlug, sagte sie den mutigen und bis dato wohl noch von keiner Frau geäußerten Satz: "Sagen Sie dem Presbyterium: Zu meiner Einsegnung werde ich nicht anwesend sein." Die evangelische Kirche war zur damaligen Zeit gespalten, in die Deutschen Christen, die der NSDAP nahe standen, und in die oppositionelle Bekennende Kirche, die sich gegen die oktroyierte Gleichschaltung bemühte, dem Bekenntnis zu Jesus Christus im Nationalsozialismus Gehör zu verschaffen. Doch auch die Bekennende Kirche hatte sich bis dahin geweigert, Frauen zu ordinieren.

Dank Ilse Härters Beharrlichkeit und Standfestigkeit kam es vor 75 Jahren, im Jahr 1943, zur Trendwende hinsichtlich der Frage der Ordination von Frauen – und zwar hier in Berlin-Brandenburg! 1937 waren zwar hier durch die Bekennende Kirche bereits Theologinnen eingesegnet worden, aber erst 1943 wurden die ersten Theologinnen ordiniert: Am 12.1.1943 ordinierte Präses Kurt Scharf aus Protest gegen die Bestimmungen der übrigen Bekennenden Kirche, Theologinnen nur einzusegnen, zwei Frauen in Sachsenhausen in das volle Pfarramt, im Talar – das hatte es bis dato deutschlandweit noch nicht gegeben. Es handelte sich um Ilse Härter und Hannelotte Reiffen.

Die Details dieser Ordination im Jahr 1943 sind beinahe tragikomisch. Der nachmalige Berliner Bischof Otto Dibelius erhob am Tag vor der Ordination Einspruch – allerdings nicht gegen die Ordination, sondern dagegen, dass die Ordinandinnen im Talar ordiniert würden. Daraufhin ließen ihm die beiden zu ordinierenden Frauen mitteilen, sie müssten dann leider höchst unliturgisch in einem roten und einem grünen Kleid erscheinen. Da es aufgrund der Notsituation des Krieges unmöglich war, binnen 24 Stunden noch zwei schwarze Kleider zu besorgen, musste Dibelius sein Placet geben und so wurden die ersten Pfarrerinnen tatsächlich im Talar ordiniert.

Diese volle Ordination ins Pfarramt geschah zunächst als Akt des Widerstandes im Widerstand, da die Synode der Bekennenden Kirche im Oktober 1942 sich noch gegen die Ordination von Frauen ausgesprochen hatte. Erst im Oktober 1943 gab der Bruderrat der Bekennenden Kirche in Preußen die Ordination von Frauen frei, woraufhin am 16.10.1943 in Berlin-Lichterfelde Lore Schlunk, Annemarie Grosch, Sieghild Jungklaus, Margarete Saar, Ruth Wendland und Gisela von Witzleben ordiniert wurden.

Diese waren die ersten und für lange Zeit die einzigen vollgültigen Ordinationen von Frauen in Deutschland. 1974 erst erfolgte die Gleichstellung, die den Wegfall der Zo¨libatsklausel beinhaltete. Die Jubiläen im Jahr 2018 – 75 Jahre Ordination – und im Jahr 2019 – 45 Jahre Gleichberechtigung im Pfarramt – sind eine gute Möglichkeit, damit zu beginnen, diese Lücke in der Geschichte unserer Landeskirche zu schließen und das Ergebnis der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dr. Raja Scheepers
Pfarrerin in der ev. Matthäus-Gemeinde Berlin-Steglitz