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21.11.2018

Auf der Suche nach der Zeit ...
Gedanken zum Monatsspruch

von E-Mail

Nun neigt sich der Sommer langsam seinem Ende zu. Wir hatten in diesen zurückliegenden (Ferien-)Wochen Zeit, Dinge durchzuführen, zu denen wir sonst nicht kommen, weil wir eingeklemmt sind zwischen Terminen und Verpflichtungen. Die Uhr gibt uns die Termine vor: 8 Uhr Schulbeginn, 15 Uhr Zahnarzt, 20 Uhr Tagesschau. Die Zeit misst die Dauer, die uns jeweils zur Verfügung steht, und die Geschwindigkeit, mit der wir etwas bewältigen.

Daneben gibt es aber eine Zeiterfahrung, die viel ursprünglicher ist. Es ist die erlebte und erlittene Zeit, die jeweils durch bestimmte Erfahrungen ausgefüllt ist. An Kindern kann man besonders gut beobachten, was das bedeutet. Ein Kind verliert sich an die Zeit, die es gerade erlebt. Es weint – und alles Elend dieser Welt stürzt über ihm zusammen. Doch im nächsten Augenblick kann es wieder unbeschwert lachen. Auch wenn uns Erwachsenen diese Erfahrung weitestgehend abhandengekommen ist, so ist sie uns dennoch nicht gänzlich fremd. Wo immer wir mit Leib und Seele dabei sind, da vergessen wir die Uhr: in einem intensiven Gespräch, beim Spielen, beim Lesen. Ganz unterschiedlich erleben wir dieselben 15 Minuten, wenn man auf einen lieben Menschen wartet oder auf den Bohrer des Zahnarztes.

Der Prediger, ein Weiser des Alten Testamentes, hat das Leben beobachtet. Er sieht sich um und prüft, wie wir Menschen Zeit erleben und erfahren. In einer langen Kette zählt er die unterschiedlichsten Handlungen und Erfahrungen auf, in denen wir bald Täter, bald Opfer sind, bald handeln, bald ohnmächtig erleiden. Wichtiges steht unverbunden neben höchst alltäglichen Dingen: Krieg und Frieden, Pflanzen und Ausreißen, Sammeln und Wegwerfen. Er wertet nicht, er beobachtet nur. Immer aber sind es einander ausschließende Gegensätze, die er aufzählt. Er weist damit auf eine eigentümliche Grenze hin, die uns Menschen in der Zeit gesetzt ist. In jedem Augenblick unseres Lebens ist nur das eine oder das andere möglich: Schweigen oder Reden, Lieben oder Hassen, Weinen oder Lachen. Entweder – oder. Wer das eine tut, muss das andere ausschließen.

Foto: Wodicka (GEP)

Und wir können die widersprüchlichen Erfahrungen unseres Lebens niemals in eine plausible Ordnung bringen, denn wir sind nicht die Herren unserer Zeit! Wir sind es viel weniger als wir uns gerne einreden. Die Geschichte, die wir erleben, die Zeit, die wir erfahren, hat etwas Rätselhaftes an sich. Warum es uns so oder so trifft, das bleibt uns verborgen. Gern würden wir uns einstellen auf das, was kommt. Wir möchten wissen, was gerade an der Zeit ist, um sie nicht zu verfehlen und das Richtige zu tun. Aber es geht nicht. Wir sind der Zeit preisgegeben und wissen auch, dass es so ist. Das macht die Mühsal des Lebens aus. Man kann daran verzweifeln oder man kommt zu dem Schluss, den der Prediger Salomo findet: "Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende." (Prediger 3,11)

Es ist schön und richtig, was Gott tut – aber der Mensch kann es nicht fassen. Er hat eine Ahnung von der Ewigkeit Gottes, in der alle Dinge ihren Ort und ihren Sinn bekommen. Aber es ist eben nur eine Ahnung. Wenn man dem Prediger Salomo folgt, dann kann man zu dem Schluss kommen, zu dem Menschen beim Nachdenken über das Genannte oft gekommen sind: "Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!" Wir wissen nicht, was morgen kommt. Also lasst uns mit vollen Händen zugreifen, solange es noch geht! "Nach uns die Sintflut" – wenn wir unseren vermüllten Planeten betrachten, dann war das offensichtlich immer schon das Lebensmotto der Menschen.

Ein wenig anders hat es der Prediger schon gemeint. Das fröhliche Genießen macht er keineswegs zum einzigen Lebensinhalt. Auch hier gilt: Alles hat seine Zeit!

Es kommt der Augenblick, an dem ich gefordert werde. Es kommt der Moment, an dem ein anderer Mensch sein Recht verlangt, in dem mein Handeln, meine Aufmerksamkeit, meine Zeit und mein Können gefordert sind, um Not zu wenden. Ich kann mir diesen Augenblick nicht aussuchen. Aber der Prediger erinnert uns daran, dass unser Leben nicht allein aus Dienst und Arbeit besteht. Es gibt auch den Augenblick des unbelasteten Spiels, der zweckfreien Freude, der Liebe, der Geselligkeit, der Musik, des Theaters. Es gibt den Sommertag und die Blumen, den blühenden Apfelbaum und das Lachen der Kinder.

Das Rätsel der Zeit werden wir nicht lösen können, auch nicht als Menschen, die im Glauben verwurzelt sind. Aber es macht einen Unterschied, wie wir dem Rätsel der Zeit begegnen: Ob wir damit rechnen, dass uns Zeit und Stunde von Gott zugemessen werden – oder ob wir sie einem namenlosen Zufall zuschreiben. Alles hat seine Zeit. Alle Zeit aber steht in Gottes Händen. Und sie steht in guten Händen. Darum können wir gelassen und zuversichtlich unseren Weg gehen.

Pfarrer Michael Busch