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16.7.2018

Schachbrettsteine in altem Feldsteinmauerwerk
Kirchenmusik

Von Michael Zagorni


Schachbrettstein an der Gerswalder Kirche – Foto: Michael Zagorni

Meine letzte Kirchenrundfahrt brachte mich auf ein interessantes Thema:

Bei der Vorbereitung meiner letzten Kirchenrundfahrt habe ich mir zahlreiche alte Kirchen im Umland angesehen. Besonders inspiriert mich dabei immer wieder das alte Feldsteinmauerwerk vieler Kirchen: diese alten Mauern haben viel zu erzählen, wir blicken auf eine jahrhundertealte Geschichte. Mal mag ein Teil des Gebäudes zerstört worden sein und mußte ersetzt werden, an anderer Stelle wurde das Gebäude vergrößert, Fenster und Türen wurden neu geschaffen oder verschlossen.

Ein ganz besonderes Phänomen hatte ich aber bisher nie beachtet: die Schachbrettsteine. Es handelt sich um alte, große Feldsteine an Kirchen aus dem 13. Jahrhundert, in deren Oberfläche ein Schachbrettmuster hineingemeißelt wurde. Zuerst gesehen habe ich einen solchen Stein in Hardenbeck, wo der Stein recht unscheinbar ist, das Muster ist dort eigentlich nur in der Abendsonne deutlich zu sehen. In Gerswalde beispielsweise gibt es aber einen Stein, wo das Schachbrettmuster ganz deutlich zu sehen ist.

Wir vermuten, dass diese Muster ursprünglich farblich besonders gestaltet waren, dann waren diese Steine ursprünglich sehr viel auffälliger als heute.

Fast immer besitzt eine Kirche nur einen Schachbrettstein, es gibt ganz wenige Beispiele, wo mehrere Schachbrettsteine bei einer Kirche auftauchen. Die ältesten Schachbrettsteine befinden sich an alten Dorfkirchen aus dem 12. Jahrhundert in Dänemark, hier wurden ca. 50 derartige Steine entdeckt. In Deutschland und Polen tauchen Schachbrettsteine bei alten Feldsteinkirchen aus dem 13. Jahrhundert auf, und zwar in einem ca. 100 km breiten Streifen links und rechts der Oder von der Ostsee bis zur Lausitz: in diesem Gebiet wurden ca. 70 Schachbrettsteine entdeckt.

Der Schachbrettstein ist meistens gut sichtbar recht hoch angebracht in der Nähe des Turmes oder neben der Priesterpforte, er kann aber auch ganz woanders im Mauerwerk sein.

Die Bedeutung dieser Steine ist nicht eindeutig geklärt, es gibt verschiedene Theorien. Ich persönlich finde diese Erklärung am plausibelsten:

Im 12. Jahrhundert hatte das Schachspiel eine große Bedeutung. Am Hof wurde viel Schach gespielt, Schachspiel gehörte zu den sieben ritterlichen Tugenden. Das Spiel der Schachfiguren wurde häufig verglichen mit dem Lebensschicksal der einzelnen Menschen: wenn das Spiel zu Ende ist, wandern alle Figuren zurück in den Beutel, dem König ergeht es nicht besser als den Bauern. In der Malerei symbolisieren die weißen und schwarzen Spielfelder Leben und Tod, bzw. Anfang und Ende. In Dänemark existiert eine Sage, nach der Gott mit dem Teufel Schach spielt, der Einsatz besteht – je nach Überlieferung – aus dem Kirchengebäude oder auch aus den Seelen der Gläubigen. Gott gewinnt im Spiel gegen den Teufel. So könnte der Schachbrettstein eine Art Schutzstein der Gläubigen sein.

Im 13. Jahrhundert beherrschten die Dänen die Ostsee und zogen entlang der Oder in heute deutsch-polnische Gebiete. Sie errichteten Feldsteinkirchen, wo es vorher bereits Kapellen aus Holz gab. So könnten die Dänen die Schachbrettsteine nach Deutschland gebracht haben.

Sowohl in Hardenbeck als auch in Gerswalde befindet sich der Schachbrettstein an einer Stelle im Mauerwerk, die ganz offensichtlich nicht ursprünglich ist, sondern von Reparaturen oder Umbauten aus deutlich späterer Zeit stammt. Lange Zeit war es üblich, bei Umbauten die alten Steine einer Kirche wieder zu verwenden, damit sie weiter ihren Zweck erfüllen. Es scheint so, dass man beim Wiederaufbau der Kirchen nach dem dreißigjährigen Krieg – in Hardenbeck war das erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts – den alten Schachbrettstein fand und ihn extra wieder an einer gut sichtbaren Stelle ins Mauerwerk einfügte. Anscheinend hatte der Stein auch zu dieser Zeit noch eine ganz besondere Bedeutung für die Menschen.

Die Schachbrettsteine könnten allerdings auch ein Zeichen der Askanier oder der Zisterzienser sein, die sich zu dieser Zeit ebenfalls in der Region ausbreiteten.

Es gibt auch die Vermutung, dass die Schachbrettsteine Zeichen einer Bauhütte seien, dies ist aber eher unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, in welch einem großen Gebiet diese Steine zu finden sind. Gegen diese Theorie spricht auch, dass keine anderen vergleichbaren Zeichen bekannt sind, die dann die Zeichen anderer Bauhütten sein könnten.

Interessante Informationen bietet die Seite www.schachbrettsteine.de, die Frau Brigitte Dittmar aus Berlin betreibt. Sie hat probiert, eine Übersicht über alle entdeckten Schachbrettsteine zu schaffen.

Die Geschichte der Schachbrettsteine ist nicht vollständig erforscht, es ist gut denkbar, dass es noch weitere Steine zu entdecken gibt: wenn Sie also in den kommenden Wochen unterwegs sind, schauen Sie sich doch die alten Kirchen einmal genau an, vielleicht entdecken Sie ja noch einen interessanten Stein im Mauerwerk! Falls dieser noch nicht auf der Internetseite von Frau Dittmar erwähnt ist, so freut sie sich sicher über eine Mitteilung!

Michael Zagorni