ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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16.7.2018

Zum Monatsspruch im Juli und August

von Pfarrer Roland Wicher

Gerecht muss es zugehen in der Welt. Das merken wir schon bei Kindern, etwa, wenn Eltern sich bemühen, Geschwistern ähnlich viel Lob zukommen zu lassen, an Geburtstagen oder Weihnachten ähnlich viele, ähnlich wertige Geschenke zukommen zu lassen, oder in anderen Revierfragen fair zu sein. Empfindlich reagieren Menschen, wenn sie sich zurückgesetzt fühlen.

Gerechtigkeit bedeutet im Alten Testament stets Ausgleich, der gerade den Benachteiligten gilt. Nicht also Entlohnung nach Leistung, sondern Solidarität und faire Verteilung. Es geht um die ganze Gruppe, um ihre Moral und ihren Frieden. Die zahlt sich für alle aus. Sie hat ihren Lohn in sich, weil Gott gerechtes Verhalten überreich entlohnen wird. Ernten nach dem Maß der Liebe Gottes werden die, die gerecht handeln. Seine Gerechtigkeit wird dann walten. Wie das aussieht, wird hier nicht gesagt.

Bild: gemeinfrei

Auch Mahnungen spricht der Prophet aus gegen die Ungerechten. Wer die Gerechtigkeit mit Füßen tritt, der nehme sich in Acht.

Zum einen steht eine einfache Erkenntnis im Hintergrund. Gottes Gebote, Regeln einzuhalten, dienen der Gemeinschaft. Das liegt daran, dass jede und jeder Einzelne Anspruch auf Gerechtigkeit hat. Wir wissen, jede und jeder Einzelne hat auch ein tiefes Bedürfnis danach, gesehen zu werden, zu gelten. Das mag im Einzelnen sehr unterschiedlich aussehen. Aber Lob, gerechte Behandlung, Wahrnehmung der Bedürfnisse und Meinungen, das möchte jede und jeder für sich. Und wir wissen, es ist wichtig, dass wir es anderen gönnen und dass wir es anderen zukommen lassen. Aufmerksamkeit für die Menschen, ihre Nöte, ihre Besonderheiten. Viel Elend in unserer Welt hat damit zu tun, dass Menschen an entscheidenden Stellen nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen haben. Entweder sie werden einfach zu Opfern, die wir dann beklagen müssen, denen wir im besten Fall ein kleines Stück weit helfen können. Oder sie versuchen, sich auf verdrehte Art und Weise die Anerkennung zu holen, die sie nicht bekommen haben. Das kann der Sohn wohlhabender Eltern sein, der den Ansprüchen nicht oder nur zum Teil gerecht wird, der einer Haltung der Abschätzigkeit und Kühle begegnet. Was man als junger Mensch erfährt, gibt man womöglich später an andere weiter, im schlimmsten Fall gesteigert. Das Geltungsbedürfnis mancher einflussreicher Menschen lässt sich auf diese Weise verstehen, wie auch Kaltschnäuzigkeit und Hartherzigkeit. Man gönnt es den anderen nicht.

Letzteres kommt auch bei den Benachteiligten vor. Auch sie wollen, notfalls durch Gebrüll, Gepöbel und Gewalt, gesehen werden. Fehlende Anerkennung und Gerechtigkeitsprobleme stehen auch psychologisch an der Wurzel mancher Probleme unserer Tage.

Im Glauben, in der Psychologie, in der Politik, in der Kunst, hat es immer wieder Versuche gegeben, dem entgegenzuwirken. Mal mehr und mal weniger sind sie gelungen, und es lohnt sich sehr, darüber nachzudenken, wo und warum Erfolge eintreten, wenn Ausgleich gesucht wird, wenn Anerkennug stattfindet. Gott liebt die Menschen, vergibt allen, sein Heil gilt der Welt – das ist die Botschaft der Worte und des Lebens Jesu. In der Psychologie gibt es den Gedanken der Allparteilichkeit. Eine Psychologin, ein Psychologe müsste demnach die Positionen aller in einen Konflikt verwickelten Menschen gleich ernst nehmen. Wenn alle sich verstanden fühlten, könnten sie leichter zum Ausgleich und zur Lösung, wenn nicht gar Versöhnung finden. Jeder Mensch ist ein Künstler, Everybody is a Star for fifteen Minutes – Joseph Beuys und Andy Warhol, so unterschiedlich diese Künstler waren, haben beide mit viel Einsatz für die Anerkennung auch von Minderheitenpositionen gearbeitet, dafür, dass alle gesehen und gehört werden können. Dass in der Sozialdemokratie wie im Marxismus das Wohl aller und der Ausgleich im Blick sind, in christlichen Soziallehren und anderen politischen Weltsichten, ist auch nicht neu. Konservative, und im schlimmsten Falle rechtsnationale, Positionen beschränken diese Fürsorge und den Ausgleichsgedanken auf kleinere Gruppen, auf die Bevölkerung eines Staates, wenn nicht gar auf ein "Volk". Auch die Ideologie des freien Marktes hat einen solchen Zug – freier Warenaustausch dient allen. Arbeit erzeugt Wohlstand für die Allgemeinheit. Die politischen Heilslehren nun haben zu viel Elend geführt und tun es noch. Viele gebrochene Versprechen.

Dennoch müssen wir weiter mit Leidenschaft und Augenmaß nach Gerechtigkeit suchen, sie säen, sie tun. Das gilt im politischen Bereich. Die Lösung weltweiter Gerechtigkeitsfragen muss Ziel sein. Es gilt aber auch bei mir, bei uns hier vor Ort. Nimm die anderen wahr und ernst, ihre Anliegen. Nimm sie wahr, auch wenn sie dich einmal ärgern. Nimm wahr, wo Unrecht geschieht, wo Du auch Unrecht übst. Dann entspricht Dein Handeln der Liebe Gottes. Das hat seinen Lohn in sich. Einen göttlichen Lohn.

Monatsspruch im August

Ihr

Roland Wicher