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19.9.2018

Die hohe Kunst der Gastfreundschaft
Zum Monatsspruch

von Björn Sellin-Reschke


Foto: pixabay

Diese Geschichte am Anfang der Bibel atmet Leichtigkeit: Da sitzt der nicht mehr ganz junge Abraham vor seinem Zelt, sieht drei Fremde kommen und nimmt sie als Gäste bei sich auf. Er bewirtet sie, er umsorgt sie – gemeinsam mit Sara, seiner Frau. Am Ende entpuppen sich die drei Fremden als Boten Gottes. Und diese haben die wunderbare Nachricht zu überbringen: "Abraham und Sara, ihr werdet im Laufe des nächsten Jahres ein Kind – einen Sohn – bekommen!" (1. Mose 18,1-15)

Abraham und Sara sind furchtlos! Obwohl sie die drei Männer nicht kennen, nehmen sie sie als Gäste auf. Das klingt nach wunderbaren Zeiten!

Sie fürchten die Fremden nicht: es gibt keine Videoüberwachung am Eingang des Zeltes, es werden keine Fingerabdrücke genommen. Sie haben nicht die Sorge, die Fremden könnten Wirtschaftsflüchtlinge sein, die sich bei ihnen breit machen wollen.

Abraham und Sara leben die hohe Kunst der Gastfreundschaft. Einfach so! Ohne Angst!

An diese Geschichte aus den ersten Kapiteln der Bibel wird auch in den letzten Büchern des Neuen Testamentes noch einmal erinnert. Wie ein Bogen spannt sich somit das Thema "Gastfreundschaft" einmal über die ganze Bibel hinweg, um schließlich am Ende uns Christinnen und Christen zuzurufen:

"Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt." (Hebräer 13,2)

Dieses Wort aus dem Hebräerbrief ist der Monatsspruch für den Juni. Und es fordert uns nicht nur zu Gastfreundschaft auf, sondern erinnert zugleich an das gelebte Beispiel von Abraham und Sara.

Doch während die ursprüngliche Erzählung, die sich um Sara, Abraham und die drei Männer rankt, noch eine reine Familiengeschichte ist, trägt die Erinnerung im Hebräerbrief – unser Monatsspruch – bereits deutlich politischere Züge.

Denn die Aufforderung, Gastfreundschaft zu üben, wird im Hebräerbrief noch weiter ausgeführt: "Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene und an die Misshandelten, weil auch ihr noch in einem verletzlichen Leib lebt!" (Hebräer 13,3) Zwei Ermahnungen, die im Hebräerbrief zusammen stehen: Seid gastfreundlich und erinnert euch zweitens daran, wie viele Menschen gefangen, misshandelt und verfolgt werden!

Als Monatsspruch für den Juni hören wir diese doppelte Aufforderung vor dem Hintergrund des Weltflüchtlingstages, der seit 2001 jedes Jahr am 20. Juni begangen wird.

Gastfreundschaft!? Weltflüchtlingstag!?

Schnell werden bei diesen beiden Worten die Bilder wieder wach, wie sich Deutschland im Sommer vor drei Jahren in Gastfreundschaft geübt hat, als eine große Zahl von Flüchtlingen zu uns kam.

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Das Wort "Willkommenskultur" traut sich heute keiner mehr in den Mund zu nehmen. Stattdessen hat sich Europa in dieser Zeit abgeschottet. Statt eines offenen Zeltes sind wir eine mit Mauern abgeriegelte Festung geworden.

Der Weltflüchtlingstag aber kann uns wieder vor Augen führen, dass hinter diesen Mauern und Zäunen Europas die Katastrophe tagtäglich weitergeht.

65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Allein 12 Millionen von ihnen kommen aus Syrien. Nur ein Bruchteil der Flüchtenden sucht dabei Schutz in anderen Ländern. Zweidrittel von ihnen suchen vielmehr eine neue Heimat in den Grenzen ihres eigenen Landes.

Gastfreundschaft!? Weltflüchtlingstag!? Wenn wir diese beiden Worte zusammen hören, gilt aber auch wahrzunehmen, wie viele Menschen sich nach drei Jahren immer noch in der Flüchtlingsarbeit engagieren – in unserer Gemeinde, unserer Stadt, unserem Land: Frauen und Männer, die mit ihren kontinuierlichen Bemühungen einen Beitrag zur Integration leisten, die nicht aufgehört haben, Sprachkurse zu geben, gemeinsam zu kochen, Begegnungen zu schaffen.

Sie verdienen am Weltflüchtlingstag unseren Dank und Respekt. Sie treten ein für die Gastfreundschaft mit einem langen Atem und ihrem Durchhaltevermögen.

Die Dichterin Hilde Domin, die 1939 aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste, hat in ihren Texten immer wieder beschrieben, wie es sich anfühlt, in der Fremde ein Stück Heimat zu finden. Unschätzbar wertvoll sind dabei Menschen, so beschreibt es Hilde Domin, die in der Fremde die Kleinigkeiten mit einem Teilen: die Katze, das Fahrrad, die Bank.

In ihrem Gedicht "Apfelbaum und Olive" schreibt sie (in Auszügen):

"Ein Trost zu wissen, wo die Tassen stehn und die Teller in dem Haus, in dem du zu Gast bist,
und einen Anteil zu haben an der Zärtlichkeit von Katze und Hund deines Freunds,
und die Tücke des Fahrrads zu kennen als sei es dein eigenes. (…)
Du gehst durch das Gartentor und machst es hinter dir zu, als stehe die Bank für dich vor dem Haus. (…)
Dann fährst du die Straße hinab als glittest du auf einem Schlitten an den Pappeln vorbei in die Abendsonne.
Ein Reh tritt aus dem Wald und eine kleine Kirche auf einem Hügel mit einem einsamen Friedhof winkt dir zu.
Du wägst ihren Gruß wie eine Einladung, die man eines Tages – noch ungewiss wann – vielleicht gerne annehmen möchte.
Und daran erkennst du, dass du hier ein wenig mehr als an anderen Stätten zu Hause bist."

Möge es uns gelingen, in diesem Sinne Gastfreundschaft zu üben und das Kleine und auch unseren Alltag zu teilen – mit denen, die zu uns kommen und ein Zuhause suchen. Ihr

Björn Sellin-Reschke