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21.11.2018

Bericht von der Gedenkfeier an der "Säule der Gefangenen"
Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde

Vorwort von Thomas Schleissing-Niggemann, Vorsitzender IKZ: Außenlager Lichterfelde e.V.:

Wir wollen und werden die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus wach halten. Wir wollen aber nicht nur an das Leiden erinnern, sondern auch an den Widerstand, hier in seiner einfachsten Form. Dem politischen Häftling Rudi Wunderlich, gefangen in Lichterfelde, gelang am 10. Juni 1944 mit dem Fahrrad eines SS-Mannes die Flucht quer durch Berlin – von Steglitz zum Prenzlauer Berg, wo er ein Versteck organisieren konnte.

Im Gedenken an diese Flucht organisieren wir auch in diesem Jahr erneut die "Rudi-Wunderlich-Gedenkfahrt" mit dem Fahrrad auf derselben Route am historischen Datum.

An vielen Stellen steht die Erinnerungskultur noch am Anfang. Die Erforschung der Leiden der Kriegsgefangenen beginnt gerade erst.

Viele Vorgänge sind in unserer Gesellschaft noch unbekannt.

So hat es wenige hundert Meter von hier, im Süden von Lichterfelde von 1939-1945 ein Kriegsgefangenenlager, das STALAG III D gegeben.

Wir setzen uns zusammen mit anderen dafür ein, dass dort, wo sich das Lager befand, historische Gebäude denkmalgeschützt und vor dem Abriss bewahrt werden, damit an dieser Stelle ein historischer Lernort entstehen kann.

Zur Zeit wird dort über ein Neubau-Projekt für 2700 Wohneinheiten verhandelt.

Hier ist die Unterstützung durch die Politik gefragt.

Es spricht nun Nedim Suljovic, er ist 23 Jahre alt. Er ist Auszubildender im 2. Ausbildungsjahr zum Verwaltungsfachangestellten im Bundeskanzleramt.

Als solcher ist er Berufsschüler der Louise-Schroeder-Schule.

Bitte, Nedim!


Foto: Bernd Meyer

Sehr geehrte Damen und Herren,

als am 8. Mai 1945 endlich die Waffen geschwiegen haben, waren mehr als 60 Millionen Menschen tot.

Darunter über 13 Millionen tote Zivilisten, die dem deutschen Massenverbrechen zum Opfer fielen. Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Zwangsarbeiter, Homosexuelle, Obdachlose und Behinderte. Ermordet in Konzentrationslagern, verbrannt im Bombenfeuer, gestorben an Hunger, Kälte und Gewalt.

Wir gedenken heute der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und damit dem Ende des 2. Weltkrieges in Europa sowie der Befreiung vom deutschen Nationalsozialismus.

An die Nachgeborenen gewandt, betont Ester Bejarano – eine Holocaust-Überlebende:

"Ihr tragt keine Schuld für das, was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert."

73 Jahre Kriegsende bedeuten auch 73 Jahre Verantwortung. Verantwortung für die Verbrechen, die von Deutschen, in deutschem Namen, von Nationalsozialisten und ihren willigen Helfershelfern, nicht nur in Konzentrationslagern, verübt wurden.

Doch wie sieht es mit der Erinnerungskultur heute aus? Wie kann das Erinnern funktionieren, wenn uns bald keine Zeitzeugen mehr zur Verfügung stehen werden? Es bleibt möglich, aber es wird schwieriger.

Wie wichtig Erinnern und Gedenken an das schlimmste Kapitel deutscher Geschichte sind, zeigen leider aktuelle Übergriffe auf Jüdinnen und Juden. Angriffe auf Flüchtlingsheime. Angriffe auf Moscheen und Synagogen. Der Mob tobt und erneut müssen Menschen wegen Herkunft, Hautfarbe oder Religion um Leib und Leben fürchten.

Vorurteile, Ausgrenzung, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus drohen immer mehr salon- und gesellschaftsfähig zu werden. Unsägliches wird anscheinend wieder sagbar:

So bezeichnet ein AfD-Funktionär das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande". Ein anderer phantasiert vom "Entsorgen" einer deutschen Politikerin in Anatolien. Und "Du Jude" wird günstigstenfalls gedankenlos als Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen gebraucht.

Unter dem Deckmantel der Kunst und profitgetrieben werden antisemitische, rassistische, frauen-, schwulenfeindliche und gewaltverherrlichende Ressentiments sogar als preiswürdig erachtet. Gerade zu erleben bei der Echo-Preisverleihung an zwei Rapper.

Die Politik, die Lehrenden, die Justiz und die Zivilgesellschaft begegneten dem immer größer werdenden Antisemitismus viel zu lange mit Gleichgültigkeit und Tatenarmut.

Der Antisemitismus hat keinen Migrationshintergrund. Die zahlreichen von der Polizei seit vielen Jahren geschützten jüdischen Einrichtungen zeigen vor allem: Der Antisemitismus ist in Deutschland historisch verankert. Er ist das Problem der Gesellschaft, in der er herrscht und verbreitet wird.

Sich mit der Geschichte des Landes auseinanderzusetzen, in dem man geboren und aufgewachsen ist, dem man sich verbunden fühlt, ist immer auch ein Auseinandersetzen mit der eigenen Identität. Wer bin ich? Und wer will ich sein?

Foto: Bernd Meyer

Ich weiß noch ganz genau, wie ich in der 7. Klasse im Klassenzimmer saß, mein Buch mit dem Titel "Damals war es Friedrich" aufgeschlagen, ein Jugendbuch zum Thema Nationalsozialismus. Das erste Mal überhaupt für mich, dass ich etwas von dem Thema bewusst wahrgenommen habe. Der Lehrer ging mit uns von Kapitel zu Kapitel das Buch durch. Letztendlich kamen wir bei der Schuldfrage an. Wer trägt die Verantwortung für die NS-Verbrechen? Waren vielleicht unsere Ur-Großeltern, Großeltern an den Verbrechen beteiligt?

Einige Hände gingen hoch. Meine auch. Sofort kamen Kommentare: "Warum meldest du dich?" "Du bist doch kein Deutscher?"

Aber was bedeutet es denn ein Deutscher zu sein? Ist es nur das Teilen der eigenen Geschichte? Das Besitzen der deutschen Staatsangehörigkeit? Oder sind es nicht vielmehr die demokratischen Werte, die man teilt? Wonach bemisst sich das Deutsch-Sein? Wenn es nach der AfD und einigen Anderen gehen würde, sind es Blut und Abstammung. Aber Moment mal: Hat genau dieses nationalistisch-völkische Denken nicht zu den Gräueltaten geführt, derer wir heute gedenken?

Ich bin ein Kind einer muslimischen Migrantin und eines muslimischen Migranten aus Bosnien. Ich kann nachempfinden, wie es sich angefühlt haben muss wegen seiner Religion verfolgt zu werden. Teile meiner Familie mussten auf Grund dessen, dass sie Muslime waren, ihre Heimat verlassen und flüchten. Viele andere Menschen wurden gejagt, eingesperrt, deportiert oder ermordet. Vor nicht mal 25 Jahren. Vor Europas Haustür. Haben wir wirklich aus der Geschichte gelernt?

Ich sehe mich selbst als Teil dieses Landes. Deutschland ist meine Heimat. Und zu Deutschlands Geschichte gehört der deutsche Nationalsozialismus.

Mich trifft als Nachgeborener keine Schuld an Verbrechen, die vor meiner Geburt begangen wurden und in die nicht einmal meine Vorfahren verwickelt waren. Aber ich fühle mich verantwortlich.

Eine junge Frau aus einer Einwandererfamilie hat es in einem privaten Brief an Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., so formuliert: "Ich habe keine deutschen Vorfahren, aber ich werde deutsche Nachfahren haben. Und die werden mich zur Rechenschaft ziehen, wenn heute Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten auf unserem Boden ausgeübt werden."

Wir sind frei von Schuld, aber das macht uns nicht frei von einer Verpflichtung. Wir müssen immer wieder solche Gedenktage als Anlass nutzen, der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu gedenken. Wir müssen diesen Tag als Mahnung sehen, dass so etwas nie wieder in unserer Geschichte vorkommen darf. Nicht hier, nicht woanders. Wir müssen die Erinnerung wachhalten. Denn sie ist ein Teil unserer Identität. Und wir müssen kämpfen. Kämpfen um die historische Wahrheit.

Wie wichtig der Kampf um die historische Wahrheit ist, sieht man an der AfD.

AfD-Vertreter fordern eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, ein Ende des Schuldkultes und ihr Fraktionsvorsitzender hält den Stolz auf die Leistungen der Wehrmachtsoldaten für völlig normal und kann daran nichts anstößig finden. Ein Fall beispielloser Geschichtsvergessenheit!

Der Krieg war das NS-Hauptverbrechen. Er bildete den Rahmen für den industriell betriebenen Massen- und Völkermord.

Ralph Giordano schrieb vor fast 20 Jahren sinngemäß: Kein Holocaust, keine Massaker an Kriegsgefangenen, wäre ohne die Territorialgewinne der Wehrmacht möglich gewesen. Erst ihre Siege schufen die Voraussetzungen für die ungeheuerliche Ausweitung des Mordens.

Wir alle müssen in eine Verantwortungsgemeinschaft eintreten, die heute nicht bei allen Deutschen aus einer Erfahrungsgemeinschaft herrührt. Der Wille zum Gedenken und der Kampf gegen jede Form von Rassismus und Antisemitismus ist das, was uns verbindet.

Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass der 8. Mai 1945 den Grundstein für unsere Demokratie und unser freies Leben gelegt hat. Wir müssen dankbar sein. Dankbar für unser Leben in Frieden und Freiheit. Aber dieses Geschenk der Freiheit kann auch verspielt werden, wenn es nicht auch als Auftrag und Verpflichtung verstanden wird.

Menschenfeindlichem Hass in Wort und Tat, der Ausgrenzung von Minderheiten sollten jede und jeder einzelne in seinem Alltag entschieden entgegentreten und die Gesellschaft als Ganze sollte sie ächten, damit bei allen Unterschieden ein friedliches Miteinander möglich bleibt.

Zwei Lehren aus der Geschichte, derer wir heute gedenken, sollten unstrittig sein:

Die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar und es darf keine Toleranz für Inakzeptanz geben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Nedim Suljovic,
Berufsschüler der Louise-Schroeder-Schule

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