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16.10.2018

Über Glauben und Zweifel

von Roland Wicher


Casper David Friedrich: Frau vor untergehender Sonne (um 1818) (Ausschnitt)

Blicke ich auf die Natur, die Weite des Weltalls, die Schönheit der Gestirne und Galaxien, staune ich und stelle mir einen Geist vor, der alles durchwirkt und auf den alles zurückgeht. Das war für Menschen vor wenigen Jahrhunderten noch weit selbstverständlicher als heute. Moderne physikalische und naturwissenschaftliche Theorie kommt ohne die Annahme Gottes aus. Der glaubende Blick auf die Welt fügt etwas hinzu, das nicht innerhalb der Wissenschaft vorkommt, sondern im Blick und im Gefühl des Menschen liegt.

Heute ist das nun nicht mehr in derselben Weise zwingend. Im Gegenteil. Aus dem Verzicht auf die Annahme Gottes in der wissenschaftlichen Betrachtung wird bei einigen die Ablehnung dieser Annahme – die sich auf alle Bereiche ausweitet. Sie meinen, es lasse sich freier und besser leben, wenn wir uns bescheidener nur auf das Menschliche beziehen. In manchen Fällen wird gar nach Theorien gesucht, die die Annahme eines Schöpfers geradezu ausschließen.

"Gott denken" heißt ein Buch des Berliner Philosophen Holm Tetens. Ich habe gelegentlich schon darauf hingewiesen. Er verteidigt nun die Möglichkeit des Glaubens aus Sicht des Denkens. Zugleich bekennt er sich so zu seiner christlichen Weltsicht. Er weiß, der Glaube ist nicht zwingend. Wir wählen ihn, und wir zweifeln eben auch. Das Denken ermöglicht uns, uns auch anderes vorzustellen. Wir Modernen leben in einer einzigartigen Situation. Vor allem das 19. und 20. Jahrhundert haben die Möglichkeit eröffnet, auch bewusst und grundsätzlich eine atheistische Haltung einzunehmen. Es gibt jetzt auch die Lehre des Nicht-an-einen-Gott-Glaubens. Nicht-Glauben kann selbst Weltanschauung werden.

Schon immer gehörte für das Christentum der Zweifel zum Glauben dazu. Das verdoppelt sich jetzt aber. Viele, auch in der Kirche, fühlen sich davon beeinflusst. Mal bedrängt uns das, mal eröffnet es auch eine neue, moderne Freiheit. Wir Evangelischen haben in besonderer Weise zu der Haltung gefunden, dass wir nicht einfach alles glauben müssen. Auch dann nicht, wenn es in der Bibel steht. Wir machen uns auf die Suche nach dem Zentrum des Glaubens und diskutieren miteinander, was das sein könnte. Die Liebe, Jesus Christus, Gott in unseren Herzen, Gott in der Gemeinschaft, die Urkraft, die Leben und Weltall durchwirkt. Das können Antworten sein, die Menschen hier geben. Ja, die Theologie bringt da Ordnung und System rein und sucht den Anschluss an die Glaubenssätze und -bekenntnisse der Alten, wie sie Bibel und frühe Traditionen des Christentums festhalten. Aber genau das irritiert auch viele Zeitgenossen in der Kirche.

Die Monatslosung legt die Latte offenbar recht hoch.

Es lohnt sich, das ganze Kapitel im Hebräerbrief langsam zu lesen. Die abenteuerliche, große Geschichte des Glaubens, die von der Schöpfung an erzählt wird, über die frühesten Glaubenden, Abel, Abraham, Mose und viele mehr bis zu den ersten Christinnen und Christen, die Gewalt erlitten haben auf Grund ihres Glaubens. Diese alle sind unsere Vorgängerinnen und Vorgänger – seinen Leserinnen und Lesern sagt der Autor des Briefs das. Für uns haben sie geglaubt, gleichsam auf uns zu, auf uns hat der Glaube noch gewartet.

"Gott denken" ist das eine. Es ist wichtig und ehrenwert, den Herausforderungen des Glaubens in unserer Zeit gedanklich, philosophisch zu begegnen. Glaube aber ist eine Herzensangelegenheit. Auf eine Art kommt das Denken da immer zu spät, hinterher, übersetzt in Sprache, was ohne Worte ist. Auch der Zweifel hat so eine innerliche, sprachlose Seite, die Spannung, die zum Glauben dazugehört, wie das Ausatmen zum Einatmen. Das Denken lässt vielfach verschiedene Möglichkeiten zu. Der Glaube aber ist eine Haltung, die sich entschieden hat. Ich hole tief Luft, atme ein. Auch wenn Zweifel da sind, ich bleibe dabei nicht stehen. Ich halte mich an den Glauben, das Vertrauen. Er ist das Eigentliche.

Der Glaube, den die Bibel bezeugt, der Glaube, den Menschen auch heute noch empfinden, den kluge Köpfe gut begründen, er ist auf eine Weise schon da, will wahrgenommen und zugelassen werden. Er will gepflegt und inhaltlich bestimmt werden. Glauben können wir an alles mögliche. Der Glaube, den der Hebräerbrief aber meint, ist der Glaube Christi. Eine milde, freundliche, helfende Haltung zur Welt und zu den Anderen beinhaltet er. Er ist nicht nur für mich. Er ist auch nicht nur von mir. Er ist ein Geschenk – weitergereicht durch Jahrtausende, in unsere Herzen ausgegossen durch den Gott der Welt selbst, der ein milder, menschenfreundlicher, weltzugewandter Gott ist.

Roland Wicher