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16.10.2018

Kurt Hansen – ein "stiller Held"
Der Flensburger half Verfolgten und geriet selbst ins Visier des NS-Unterdrückungsapparats

Der Flensburger Journalist Bernd Philipsen hat zu dem dritten Stolperstein vor dem Haus Schöppinger Straße 2, der Kurt Hansen gewidmet ist, neue Erkenntnisse gewonnen, die am 26. Januar 2018 im "Flensburger Tageblatt" veröffentlicht wurden. Es gelang ihm aber nicht, ein Foto von ihm zu finden, ihm "ein Gesicht zu geben". Es mag naiv klingen: Aber vielleicht erinnert sich doch noch ein Gemeindemitglied und kann mit zusätzlichem Wissen oder gar einem Bild weiterhelfen?

Bernd Meyer


Foto: Bernd Philipsen

Die Gedenkstätte Stille Helden in Berlin würdigt jene Menschen, die während des nationalsozialistischen Terrors verfolgten Juden beistanden. Ein solcher "stiller Held" war der Flensburger Kurt Hansen, der durch sein couragiertes Eintreten für Verfolgte selbst ins Visier des gnadenlosen NS-Unterdrückungsapparats geriet und in der von ihm empfundenen Ausweglosigkeit den Weg in den Suizid wählte.

An ihn soll anlässlich des internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 27. Januar erinnert werden. Dieser Termin wurde als offizieller Gedenktag deshalb gewählt, weil am 27. Januar 1945 das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch die Soldaten der Roten Armee befreit wurde.

Kurt Hansen war Spross einer alten Seefahrerfamilie. Sein Großvater Hans Andreasen Diehmann Hansen war Schiffsführer auf Röm, sein in Kongsmark auf der nordschleswigschen Insel geborener Vater Hans Marius Hansen ließ sich zum Steuermann ausbilden. Hans Marius Hansen siedelte nach Flensburg über und gründete hier zusammen mit Anna Maria Fabian eine eigene Familie.

Am 4. November 1915 wurde ihr Sohn Kurt geboren. Der Junior brach mit der Familientradition und wandte sich beruflich dem öffentlichen Dienst zu. Bei der Provinzialregierung in Schleswig war er als Regierungsinspektor tätig, als ihn 1939 die Einberufung zum Militär erreichte. Eingesetzt wurde er in verschiedenen Einheiten. An der Ostfront wurde er wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion durch Granatsplitter schwer verwundet. Nach einem zweimonatigen Aufenthalt in einem Luftwaffenlazarett wurde Kurt Hansen – inzwischen im Dienstgrade eines Obergefreiten – einem Luftnachrichten-Versorgungsregiment in Berlin zugeteilt. Dort bekam er Kontakt zu einem kleinen Widerstandskreis um Hans und Susanne Ellstaetter, die versuchten, untergetauchten und von der Deportation bedrohten Juden zu helfen. Hans Ellstaetter nutzte seine militärisch-dienstlichen Kontakte nach Paris, um Dokumente und Kassiber außer Landes zu schmuggeln, oft eingenäht in Militärmäntel. Diese Widerstandsaktivitäten flogen auf. "Vermutlich ist Hans Ellstaetter denunziert worden", so seine Tochter Jutta von Pochhammer heute. Ihr Vater wurde an die Ostfront strafversetzt. Dort ist er bei Smolensk gefallen.

Kurt Hansen, die junge Witwe und zweifache Mutter Susanne Ellstaetter und weitere Unterstützer setzten ihr Hilfswerk für Verfolgte mutig fort. Als konspirativer Treffpunkt diente eine leerstehende Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Schöppinger Straße im Berliner Stadtteil Lichterfelde, nicht weit vom südlichen Stadtrand entfernt. Ein Vorteil dieser Wohnung war, dass sie über einen Telefonanschluss verfügte. Die Akteure gingen ein hohes Risiko ein, denn Berlin war von einem Netz von Gestapo und Spitzeln überzogen – bis hinein in jüdische Kreise.

Dokumente über ihre geheimen Aktivitäten gibt es naturgemäß nicht, sieht man von einem handschriftlichen Brief ab, den Kurt Hansen an seine vertraute Mitstreiterin Susanne Ellstaetter schickte. Zwischen den Zeilen lassen sich Hinweise auf die zunehmend gefährlicher werdende Situation herauslesen. In dem Schriftstück heißt es unter anderem: "Übrigens scheint da irgendetwas gegen mich zusammen gebraut zu sein, denn heute soll ich zu irgendetwas vernommen werden, zu was, weiss ich noch nicht." Sollte "irgendetwas passieren", werde er (Hansen) sie bitten, zu kommen. "Vielleicht tust Du es dann, nicht? Es könnte ja immerhin die Möglichkeit bestehen, dass ich Dich doch ernstlich brauche", endet der Brief von Hansen, der versuchte, in "unnormalen Zeiten" ein möglichst "normales Leben" zu führen, um keinen unnötigen Verdacht aufkommen zu lassen. So heiratete er in Schleswig die aus Thüringen stammende und in Schaalby wohnhafte Kontoristin Hildegard Anke und gab diese – wie er schrieb – "Kriegstrauung" via Zeitungsanzeige der Öffentlichkeit bekannt.

In Berlin aber nahm der Verfolgungsdruck auf den Widerstandskreis weiter zu. Die Folge waren Angst vor der Entdeckung, Ausweglosigkeit und schließlich Ohnmacht. Für den 4. Oktober 1943 verabredeten sich Susanne Ellstaetter und Kurt Hansen zu einer Verzweiflungstat in dem Versteck in der Schöppinger Straße – zum gemeinsamen Selbstmord.

Hansen erschoss erst seine Bekannte und richtete die Waffe dann gegen sich selbst. Wie Jutta von Pochhammer berichtet, war unmittelbar nach den Schüssen die Gestapo vor Ort, um die Wohnungstür zu versiegeln – ein Hinweis darauf, dass die NS-Häscher den beiden Widerständlern dicht auf den Fersen waren.

Die Leiche von Susanne Ellstaetter wurde nach Angaben der Familie auf einem Friedhof in Berlin-Gesundbrunnen an der Kirchhofmauer verscharrt, die von Kurt Hansen eingeäschert und die Urne in Berlin-Wilmersdorf bestattet.

Am 22. September 2013 wurden auf Initiative von Jutta von Pochhammer und in Abstimmung mit der Gedenkstätte Stille Helden vor dem Haus Schöppinger Straße 2 in Berlin drei Stolpersteine gesetzt. Sie erinnern an das beherzte, von Mitmenschlichkeit bestimmte Handeln in dunkler Zeit und das tragische Ende von Hans und Susanne Ellstaetter sowie Kurt Hansen.

Bernd Philipsen

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