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25.6.2018

Leid und Hoffnung im Kino
Ein Rückblick auf einige Filme der Berlinale in der Passionszeit

Roland Wicher


Aus dem Film "Teatro de Guerra" von Lola Arias – Foto: Berlinale

Was er tun konnte, hat er getan. Jesus hat den schweren Weg gewählt, den Weg der Hinnahme seines Schicksals, friedlich, ohne Gegenwehr. Sein Weg bestätigt die Botschaft der Liebe. Es gibt keinen Widerspruch in seiner Handlung.

Worte am Kreuz gehören zu den Meditationsversen der Passionszeit. Hart klingt es bei Matthäus und Lukas: "Warum hast Du mich verlassen" schreit Jesus zu Gott. Aber auch in diesem Vers liegt mehr Hoffnung, als man meint. Er stammt aus dem 22. Psalm, der Leiden schildert, aber auch Rettung durch Gott: "Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und da er zu ihm schrie, hörte er's." Lukas läßt Jesus daher auch mit dem 31. Psalm rufen: "Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände!". An der Grenze vertraut er sich Gott an, an der Grenze schlägt Leid in Rettung um. Dabei ist Jesus gerade hier besonders souverän. Jesus geht bewußt in seinen Tod, nicht gezwungen. Beides sagt das Wort des Johannes. Die bewußte Entscheidung, das Vollenden seines Vorhabens liegt darin. Aber auch das Wissen, dass jetzt die Grenze erreicht ist. Ab jetzt handelt allein der Vater. Jesus ruft: "Es ist vollbracht!" (Joh 19,30)

Dieser Ruf markiert einen Umschlagpunkt, eine Erfüllung – im Moment des größten Leids.

Das Leiden Jesu zu betrachten ist eine Schule des Mitgefühls. Wir werden dazu angehalten, nicht wegzusehen, sondern dabeizubleiben. Der Glauben an den Umschlagpunkt, an den tiefen Sinn dieses selbstgewählten Weges, hilft, das auszuhalten. Die Geschichte Jesu ist tragisch, das ist unzweifelhaft so. Aber sie ist keine Tragödie, sondern Heilsgeschichte.

In guten Romanen oder Filmen gibt es diese Perspektive. Vor kurzem ist die Berlinale zu Ende gegangen, und viele Filme haben Perspektiven des Mitgefühls und der – manchmal nur schwachen – Hoffnung auf Heilung, Versöhnung und Liebe eingenommen.

An manchen Stellen konnte einem das beinahe vorkommen wie gefilmte Fürbitten. Mit liebevollem Blick nahmen Filme etwa die Nöte und Hoffnungen von Menschen in den Blick, die in ärmlichen Teilen Ostdeutschlands leben. Hinreißend war da Thomas Stubers Film "In den Gängen", der in einem riesigen Supermarkt spielt und den fürsorglichen Umgang der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander zeigt. Der stille Christian fängt hier neu an, wird von seinem väterlichen Kollegen Bruno in die Kunst des Gabelstaplerfahrens eingeführt und verliebt sich in die kesse Marion. Momente der Aussichtslosigkeit stehen aufkeimender Hoffnung gegenüber. Die Wechselfälle des Lebens sind zwar keine Passion. Aber es gibt auch hier Umschlagpunkte, es gibt auch hier einen Hoffnungsschein, das menschliche Elend hat nicht das letzte Wort.

So gibt auch der Film "Teatro de Guerra" der argentinischen Künstlerin Lola Arias einen eindrücklichen Einblick in das Leiden von Soldaten im Krieg um die Falklandinseln, argentinisch die Malwinas, im Jahr 1982. Jahrzehnte später treffen die Männer aufeinander, Soldaten der britischen und der argentinischen Seite. Sie tragen die tiefen seelischen Verletzungen und Schuldgefühle in sich, und bearbeiten sie in einem Theaterstück, das sie gemeinsam entwickeln. Sie spielen Kampfsituationen nach, gerade auch solche, wo eindeutig schuldhaft und unnötig Menschenleben zerstört wurden. Die Frage, ob der ganze Krieg gerechtfertigt war, ist sowohl in der britischen als auch in der argentinischen Öffentlichkeit noch ein Thema – und Gegenstand der Dispute zwischen den älter gewordenen Männern. Der Film und das Theaterprojekt eröffnen ihnen die Möglichkeit, einander in Frieden zu begegnen und gemeinsam Leiden und Unrecht zu bearbeiten. Auch hier ein Hoffnungsmoment angesichts schlimmen Leidens.

Erwähnen will ich schließlich den Film "Styx" von Wolfgang Fischer. Eine starke junge Frau, die eine hart arbeitende Unfallärztin ist, bricht zur Erholung mit einem Einhandsegler auf eine Atlantikreise auf, Proviant und Wasser an Bord. Nach einiger Zeit stößt sie auf ein havariertes Flüchtlingsboot vor der afrikanischen Küste. Sie kontaktiert die zuständigen Stellen, Küstenwachen, vorbeiziehende Frachter – die sie hinhalten oder Hilfe gleich ganz verweigern mit dem Hinweis auf die Statuten ihrer Schifffahrtsgesellschaft, die die Aufnahme von ertrinkenden Flüchtlingen untersagt. Einen Jungen kann sie retten, der in die Fluten gesprungen ist. Näher heranfahren kann sie aber nicht, da das noch mehr Menschen motivieren würde, in die Fluten zu springen. Der Film lässt uns die tiefe Ratlosigkeit und das Dilemma miterleben, in dem diese Frau sich befindet – gefangen zwischen der Rolle des guten Samariters und der hilflosen Betrachterin. Die Hoffnung in diesem Film ist schwach. Im Blick für das Leiden selbst, im Aufbrechen von Abgestumpftheit, im Impuls an das Publikum liegt wohl das stärkste Hoffnungsmoment des Films. Wir sind gefragt.

Die drei Filme sind die Preisträger der ökumenischen Jury, deren Arbeit ich ab diesem Jahr begleite und koordiniere. Ein christlicher Blick auf das Kino entdeckt dort, wie an vielen Orten, Gleichnisse der Passion und der Auferstehung, Haltungen des Mitgefühls und der Liebe. Der Umschlagpunkt von Leiden zu Hoffnung kann sich dabei in ganz unterschiedlicher Weise zeigen. Wir werden berührt vom Leben anderer und zugleich an unsere eigenen Möglichkeiten, unsere eigenen Traurigkeiten und Hoffnungen erinnert, in einer Weise, die oft gefühlsmäßig tief berührt und zu denken gibt.

Roland Wicher