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25.6.2018

Unten wird es enger
Laib und Seele

von E-Mail


Foto: epd (GEP)

Die Essener Tafel hat angekündigt, ab sofort keine weiteren Flüchtlinge für die Lebensmittelausgabe zuzulassen. Neu aufgenommen werden bis auf weiteres nur Menschen mit deutschem Pass. Diese Maßnahme hat eine Welle der Empörung durch das Land geschickt. Die Reaktionen sind hitzig und heftig: Diskriminierung, Rassismus, Gegeneinander-Ausspielen von Bedürftigen – so lauten die Vorwürfe.

Es mag ungeschickt gewesen sein, wie die Verantwortlichen in Essen gehandelt haben. Aber es ist auch nicht hilfreich nun mit der großen Kritikkeule auf sie einzuschlagen, denn ihr Handeln scheint eher ein Zeichen der Hilflosigkeit zu sein und nicht so sehr von ausländerfeindlichen und diskriminierenden Motiven. Der eigentliche Skandal liegt ganz woanders. Das schnelle Wachstum der Tafel ist keine Erfolgsgeschichte – das Gegenteil ist der Fall. Die Tafel ist eine taktische, keine strategische Antwort auf die Armut. Sie lindert einen Mangel, behebt ihn aber nicht. Sie springt ein und damit einem Staat zur Seite, der sich zusehends aus seiner Verantwortung für die Schwächsten in der Gesellschaft zurückzieht. Der Konflikt in Essen wird seit seinem Bekanntwerden stark politisch instrumentalisiert. Das war zu befürchten, denn er bietet auf simple Weise eine reale Anschauung für die politischen Debatten, die das Land seit 2015 führt. Debatten über die Willkommenskultur und Überforderung, über Fremdenangst, über Rangfolgen der Hilfsbedürftigkeit und über Verdrängung am sozialen Rand. Je nach Lager wird zum einen oder anderen Totschlagargument gegriffen.

Auch die Berliner Tafel hat zu den Maßnahmen in Essen sehr viele Anfragen erhalten und Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafel, hat dazu Stellung genommen. Sie wies auf die Grundsätze des Bundesverbandes der Tafeln in Deutschland hin, in denen sich u.a. auch dieser Satz findet: "Die Tafeln helfen allen Menschen, die der Hilfe bedürfen."

Seit über zehn Jahren unterstützt LAIB und SEELE, eine Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des rbb, Bedürftige in dieser Stadt mit Lebensmitteln. Mittlerweile kommen rund 50.000 Menschen pro Monat in alle Ausgabestellen von LAIB und SEELE, rund 4.000 von ihnen sind Flüchtlinge. Bei der Aufnahme der Kund*innen wird lediglich die Bedürftigkeit der Menschen überprüft, nicht deren Nationalität. Eine Unterscheidung nach Nationalitäten würde den christlichen Werten widersprechen, die der Arbeit in den Kirchengemeinden zugrunde liegen.

Die Bedürftigkeit kann unter anderem anhand von ALG II-, Renten-, Grundsicherungs-, BAFöG- oder auch Asylbewerberleistungsbescheiden belegt werden. Das ist in unserer Ausgabestelle im Gemeindezentrum in der Celsiusstraße 71-73, die seit 2006 existiert, nicht anders. Zurzeit werden dort ca. 300 Personen wöchentlich neben ihrer staatlichen Unterstützung zusätzlich mit Lebensmittel versorgt. Auch in unsere Ausgabestelle kommen Menschen, die geflohen sind. Ihr Anteil ist in den letzten Jahren angestiegen. Aber es existieren in unserer Ausgabestelle zurzeit keine Lebensmittelengpässe, die einen Aufnahmestopp notwendig machen. Einen Rechtsanspruch auf diese Lebensmittelausgabe gibt es nicht, weder für diejenigen mit deutschem Pass noch für diejenigen mit einem Fluchthintergrund. Das muss bei Verärgerungen und überdrehten Anspruchshaltungen beiden Seiten immer wieder auch deutlich gemacht werden.

Trotz aller Anforderungen bringen die Ehrenamtlichen Höchstleistungen, sie reagieren flexibel und hochmotiviert. Bei der Ausgabe von Lebensmitteln orientieren sie sich ausschließlich an der Bedürftigkeit der LAIB und SEELE-Kunden, die anhand amtlicher Bescheide belegt wird. Niemand wird aufgrund seiner Herkunft bevorzugt oder benachteiligt. Für die bessere Verständigung untereinander gibt es mittlerweile ein Informationsblatt, das die Regeln in den Ausgabestellen zusammenfasst, auch in Arabisch und Englisch.

Die Dinge haben sich verändert in den letzten Jahren und hier und da waren der Weg und das Miteinander verschiedener Kulturen und Nationalitäten auch holprig. Die Menschen, die hier anstehen, um über die "Runden zu kommen" haben alle eine eigene Lebensgeschichte. Und nun sind noch Menschen mit Fluchtgeschichten dazugekommen. Sie alle bilden keine homogene Gruppe von "denen da unten." Soziale Not ist nicht gleich gesellschaftlicher Kitt. "Ganz unten" findet man gewiss nicht den einzigen Nährboden für Ressentiments und Rassismus. Es ist aber auch der Ort, an dem die Starken einer Gesellschaft traditionell ihre Probleme abladen. Denn "ganz unten" konnten die Schwächsten schon immer am besten gegeneinander ausgespielt werden. Es gibt viele Gründe, sich nicht darauf einzulassen. Für uns als Kirchengemeinde ist es das christliche Menschenbild, das uns daran hindert.

Pfarrer Michael Busch

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