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19.9.2018

Erinnerungen an Coco Schumann und sein Quartett in der Petruskirche

von Lutz Poetter

Foto: Reiner Kolodziej

Coco Schumann ist tot, er starb am 28. Januar. 1924 geboren, wäre er im Mai 94 Jahre alt geworden. Wir verlieren mit ihm einen prominenten Berliner Musiker, einen Meister der Swinggitarre, einen Auschwitz-Überlebenden und Zeitzeugen der Judenverfolgung des Dritten Reichs. Heinz Jakob "Coco" Schumann ist seiner Geburtsstadt Berlin sein Leben lang treu geblieben, unterbrochen nur durch die Zeit der Deportation in den Vierzigern und ein paar Jahre in Australien in den Fünfzigern . Und er ist seiner Gitarre und dem Swing treu geblieben. In der Petruskirche Lichterfelde konnte man ihn regelmäßig erleben

Coco Schumann gründete sein Swing-Quartett in den Neunziger Jahren. Zu den Jazz- und Bluestagen im März 2000 trat das Quartett zum ersten Mal in der Petruskirche auf. Und Coco kam bis 2013 mit seinen Musikern regelmäßig zweimal im Jahr, im Mai um seinen Geburtstag herum und dann noch einmal im Herbst.

Seine Konzerte hatten etwas Besonderes und Einmaliges für seine Gäste, gerade in ihrer präzisen Wiederholung: Sie waren immer an einem Donnerstag und immer ausverkauft. In der Petruskirche saß dann dicht gedrängt ein großes Publikum, viele Ältere, die Coco seit langem kannten und verehrten, aber auch Jüngere, die den ältesten Berliner Swinggitarristen endlich einmal live erleben wollten. Coco Schumann war Musiker der alten Schule und reiner Perfektionist. Er überließ nichts dem Zufall, seine Konzerte folgten einer genauen Choreografie. Die Abfolge der Musikstücke, die Ansagen zwischen den Stücken, die Verteilung der Soli auf seine Musiker – alles hatte seine feste, eingespielte Ordnung. Coco mochte die kleine Bühne in der Winterkirche, er wollte nie im großen Kirchensaal spielen – "wegen der Akustik". Zuerst kam der Aufbau der Instrumente auf der Bühne – Schlagzeug und Kontrabass hinten, vorne der Stuhl für Coco mit seiner Gitarre, daneben das Mikrofon für Gesang, Saxofon und Querflöte. Dann stimmte sich das Quartett atmosphärisch vor dem Auftritt in der Sakristei ein. Ich war jedes Mal fasziniert vom Anblick der vier Musiker: Alle im feinen Anzug mit gebügeltem Oberhemd und bunter Krawatte – zu einem festlichen Swingkonzert gehörte für Coco immer auch ein edler Zwirn. Und diesen noblen Dress würde die Band auch den ganzen Abend über anbehalten. Nur ein einziges Mal, bei wirklich tropischer Hitze, erlaubte Coco sich und seinen Musikern, die Jacketts nach einer Stunde abzulegen ...

Coco empfing mich als Hausherrn in der Sakristei gerne mit einem Witz: "Treffen sich ein Rabbi, ein Priester und ein Pfarrer ..." oder "Eine Blondine wird von ihrer Freundin gefragt: Sag mal ..." oder "Ein Chirurg soll einen Musiker am Kopf operieren ..." Ernste Themen lagen ihm nicht vor dem Auftritt. Coco durfte wohl nicht mehr rauchen, aber einen Zug aus der Zigarette seiner Mitmusiker bekam er immer ab.

Erst die Ansage im Namen der Kulturgruppe, dann kamen die vier Musiker gemeinsam auf die Bühne. Coco genoss sichtlich das große Publikum, die gespitzten Ohren und die vielen erwartungsfrohen Blicke, aber er hielt nie eine lange Begrüßungsrede: "Es hat sich wohl herumgesprochen, dass das Coco Schumann Quartett heute Abend hier auftritt." Und schon spielte er die Töne des ersten Stücks, "Take the A- Train" von Ellington, gefolgt von "Georgia on my Mind" von Carmichael. Mit Coco tauchten seine Gäste ein in die Fülle US-amerikanischer Swing- und Jazzstandards, die wir durch berühmte Interpreten aus etlichen Jahrzehnten im Ohr haben. Coco wählte auch südamerikanische Kompositionen, die zu Ohrwürmern der Jazzliebhaber wurden: "One Note Samba" und "Girl from Ipanema" von Jobim, "Samba de Orfeu" von Bonfá.

Die Vorstellung der Bandmitglieder durch den Bandleader geriet denkbar knapp: "Sven Kalis am Schlagzeug, Westberlin. Thomas Koch am Bass, Ostberlin." Am Bass konnte allerdings auch HD Lorenz stehen, als Lichterfelder ebenfalls aus Westberlin. Nur bei Karl Heinz Böhm wich Coco von der knappen Vorstellung ab: Der Saxofonist, Querflötist und Sänger ist heller Nordberliner, sollte aber angeblich schwarz werden und dann sogar aus Schwarzafrika stammen? So ganz verstanden habe ich diesen Gag nie.

Das Coco Schumann Quartett spielte das Gros seiner Stücke instrumental, entfaltete Melodie und Rhythmen in komplexen Kompositionen. Mal übernahmen Saxofon oder Querflöte die Melodieführung, mal war die Gitarre tonangebend. Gerne begann Coco mit seiner großen halbakustischen Jazzgitarre die Stücke solistisch, bevor dann die anderen Instrumente einsetzten. Die Musik des Coco Schumann Quartetts verbreitete eine leichte, helle Stimmung, ausgenommen das melancholische "Autumn Leaves" von Kosma. Zwei Stücke gab es auch mit Gesang: "Day by day" von Stordahl und Weston haben wir in der Version von Doris oder Frankieboy im Ohr, Kalle Böhm sang es ebenso gut. Im zweiten Gesangsstück erfand er eine spezielle Textversion der langbeinigen braunen Schönheit aus Ipanema, die angeblich nur Augen hat für – Coco ...

Bei den Eigenkompositionen kam Schumanns Kreativität zum Vorschein: "Exotique" ist ein rhythmisch hochkomplexes Stück, das den versierten Schlagzeuger Coco zum Vorschein brachte – an der Gitarre. Und da war dann noch der "Stripper Blues", den Coco immer etwas ausführlicher einleitete: Früher spielte er oft in Nightclubs mit Varietéprogramm. Dazu gehörte auch ein Striptease. Meistens hatten die Damen ihre eigenen Noten dabei, manchmal hieß es aber auch: "Coco, spiel mir doch einen Blues!" Dieser sei dann immer verschieden ausgefallen, je nach Sympathie, der Name blieb aber immer derselbe ...

Eine Episode durfte nie fehlen: Coco sei - mit seiner Filmgesellschaft "Tesa-Film" – einmal zufällig in die Nähe des Dirigenten Herbert von Karajan gekommen. Dem wurde berichtet, dass der Swingmusiker anwesend sei. "Coco Schumann – wer ist das denn?" Der große Maestro der Philharmoniker kannte ihn nicht, das amüsierte unseren Swing-Gitarristen.

Coco Schumann mit seiner großen Gitarre auf der Bühne in der Winterkirche – so werde ich ihn dankbar in Erinnerung behalten. Und sein unvergessliches Gesicht, für einen Augenblick mit dem roten Plektron zwischen den Lippen, das dann aussah wie eine kleine Zunge – wunderbar!