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22.5.2018

Die Muttersprache des Glaubens lernen

von Pfarrer Sellin-Reschke


Foto: Lehmann (GEP)

In unserer Gesellschaft zählt die Selbsterfahrung! Für gut und richtig wird das befunden, was sich im eigenen Leben bewahrheitet hat. Warum unkritisch übernehmen, was andere behaupten? Warum bei dem bleiben, was noch die Generation vor mir geprägt hat?

Da schaue ich lieber auf meine Erfahrungen und mache mir mein ganz eigenes Bild.

Diese Tendenz, von der unsere Gesellschaft heute geprägt wird, macht auch vor dem Glauben nicht halt. Auf der einen Seite ist zu beobachten, dass Religion und Spiritualität an vielen Stellen wieder zunehmend gefragt sind. Auf der anderen Seite geht auch hier der Trend dahin, dass Menschen auf der Suche nach ganz eigenen religiösen Erfahrungen und Erlebnissen sind. Oft heißt es dann: "Ich will Gott spüren können in meinem Leben!" oder: "Ich will es fühlen, dass er da ist!"

Nun hat Gott allerdings die Angewohnheit, dass er sich selten nach dem richtet, was wir Menschen gerade wollen. Vielmehr hält Gott – Gott sei Dank – an seiner Souveränität fest, selbst zu entscheiden, wann und wie er sich zeigt. Und so ist die Zahl derjenigen, die Gott direkt in einem Traum oder einer Vision gehört oder gesehen haben, am Ende dann doch eher gering.

Der Monatsspruch für den Februar aber eröffnet uns einen Blick dafür, wie Gott den Menschen schon immer nahe gekommen ist:

"Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.", so heißt es im 5. Buch Mose (30,14).

Denn schon lange vor uns hat Gott in seiner Souveränität diese Möglichkeit geschenkt, dass wir ihm begegnen können. In seinem Wort und in seinen Weisungen drückt sich auch Gottes Sehnsucht aus, dass er uns begegnen will – ganz konkret in unser Leben hinein.

Vielleicht schätzen wir diese Begegnungsmöglichkeit heute viel zu gering?

Wie oft lasse ich das Wort Gottes und seine Weisungen denn "ganz nahe bei mir sein", wie es der Monatsspruch sagt – lese die Bibel oder lasse ein Bibelwort in der Stille in mir wirken?

Grafik: GEP | Foto: Hero Images/plainpicture

Vielleicht ist ja der Monatsspruch für den Februar (oder auch die Passionszeit ab dem Aschermittwoch) ein neuer Impuls für mich, dass ich mir solche Zeiten nehme – Zeiten, in denen ich Gottes Wort nahe bei mir sein lasse!?

Aber auch für solche Zeiten ist eine gewisse Nüchternheit angebracht. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat diese Nüchternheit einmal so beschrieben:

"Keiner erwarte vom Schweigen etwas anderes als schlichte Begegnung mit dem Wort Gottes. Der Christ stelle keine Bedingungen, wie er diese Begegnung erwartet oder erhofft, sondern er nehme sie hin, wie sie kommt (...) es ist nicht nötig, dass wir irgendwelche außergewöhnlichen Erfahrungen machen."

Auf der anderen Seite – neben aller Nüchternheit – kann uns aber die Beschäftigung mit dem Wort der Bibel dahin bringen, dass wir zunehmend die "Muttersprache des Glaubens" lernen (Tina Willms).

Es ist in dieser Hinsicht wie bei einem Kind, dass das Sprechen lernt: Zunächst hört es nur die Worte der Eltern. Schon die Ansprache an sich bedeutet für das Kind Geborgenheit. Nach und nach merkt es, dass sich manche Worte immer wiederholen und dass sie von unterschiedlicher Bedeutung sind. Und irgendwann versucht es, diese Worte selbst mit den eigenen Lippen und der Zunge zu bilden.

Auf diesen Weg können wir uns auch mit dem Wort Gottes machen. Genau den gleichen Prozess können wir durchlaufen, wenn wir immer wieder auf das Wort Gottes hören. Es wird für uns Geborgenheit und doch auch Anstoß, über seine Bedeutung nachzudenken. Es wird für uns zur Muttersprache unseres Glaubens, wenn wir merken, wie diese Worte in mein Leben hinein sprechen. Und wenn das Wort Gottes schließlich mein Herz und meinen Mund erreicht, dann werde ich nicht nur beginnen, in der Muttersprache des Glaubens selbst zu denken und zu sprechen, sondern dann wird diese Sprache auch zu einem ganz konkreten Tun und Handeln.

Björn Sellin-Reschke