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25.2.2018

ASF-Projektbericht: Die Arche in Paris
ASF – Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste

von Rose Sondermann, Freiwillige aus Dresden, verfasst in der Weihnachtszeit [Auszüge, zusammengestellt von Stephanie Habedank-Kolodziej]

Durch den Cousin meiner Mutter bin ich nach dem Abitur im Sommer auf Aktion Sühnezeichen gestoßen. Ich habe mich belesen und mit der Arbeit von Aktion Sühnezeichen auseinandergesetzt. Ich fand den Gedanken, einen Friedensdienst zu leisten, also nicht nur ein Freiwilliges Soziales Jahr, sondern ein Jahr, in dem man sich neben einem Jahr im Ausland auch intensiv mit der Geschichte auseinandersetzt, sehr ansprechend. Ja, auch ich bin über das Wort Sühnezeichen gestolpert. Denn leisten wir mit unserem Friedensdienst wirklich Sühne? Eine Antwort habe ich auf dem Vorbereitungsseminar in Hirschluch gefunden. Das Wort Sühnezeichen stammt aus den Gründungszeiten von ASF und hat somit eine ganz andere emotionale Bedeutung. Denn was nach dem zweiten Weltkrieg von den ersten Freiwilligen geleistet wurde, war tatsächlich ein Zeichen der Sühne, eine Bitte zu helfen, am Wiederaufbau der zerstörten und besetzten Gebiete. Was wir heute machen, ist ein Friedensdienst. Und für den habe ich mich Ende September des letzten Jahres beworben und es hat geklappt.

Nach einer langen Bewerbung, einem Auswahlseminar und vielen Gesprächen stand fest: Ich werde für ein Jahr in der Arche in Paris leben.

In Paris hatten wir dann noch für vier Tage ein weiteres Vorbereitungsseminar. Dort haben wir alle mit Hilfe von Camilla, unserer Länderbeauftragten für Frankreich, unsere französischen Konten eröffnet, ein bisschen Paris entdeckt und viel Praktisches erledigt. Und dann fing mein Friedensdienst an.


Ein Spaziergang zum Eiffelturm


Rose und Virginie

Fotos: Rose Sondermann

Seit drei Monaten lebe ich nun schon in einer Lebensgemeinschaft für Menschen mit geistiger Behinderung im 15. Arrondissement in Paris. Mein Projekt heißt "L’ Arche à Paris" also die Arche von Paris und besteht aus mehreren Foyers (Wohnungen). Dort leben zwischen 6 und 14 Menschen mit Behinderungen zusammen mit Freiwilligen aus aller Welt. Ich wohne im "Foyer Noesis", eine der größten Lebensgemeinschaften der Arche. Wenn alle da sind, sind wir zu neunzehn. Das heißt, 12 Bewohner*innen und sieben Mitarbeiter*innen. Zusammen wohnen wir in einer sehr großen Etage in einem ehemaligen Krankenhaus, welches umgebaut wurde. Von außen sieht das Gebäude sehr modern aus mit vielen Fenster und einer großen Glastür. Wenn man durch diese Tür hineingeht, steht man in einem großen Eingangsbereich. Um in mein Foyer zu kommen, geht man dann links eine kleine Treppe hinauf. Dort findet man sich in einem langen Krankenhausgang wieder, der aber sehr schön und bunt dekoriert ist. Dort hängen zum Beispiel Fotos von allen Bewohnern oder auch eine große Tafel mit dem Wochenplan. Neben jedem Termin hängen kleine Fotos von den Bewohnern die an den Terminen teilnehmen. Meist ist daneben noch eine kleine Zeichnung. Das hilft zur Verständigung. Denn nicht alle Bewohner*innen können lesen. Zu sehen ist auch ein großes Regal mit vielen kleinen Fächern, das ist das Postfach. Jede*r Bewohner*in hat eins. Rechts neben dem Postfach befindet sich eine große weiße Tür, an der ein Bild hängt. Auf dem ist ein großer Weihnachtsbaum zu sehen und daneben steht in bunten Lettern "Joyeux Noël!" also "Frohe Weihnachten!". Durch diese Tür kommt man in den Salon des Foyers. Hier verbringe ich mehr oder weniger meinen Tag. Hier essen wir zusammen Frühstück und Abendbrot. Hier hören wir am Nachmittag Musik und trinken Tee. Manchmal schauen wir auch einen Film mit dem Beamer. Als ich diesen Ort zum ersten Mal gesehen habe, war ich etwas eingeschüchtert. Es wirkte so modern. Doch habe ich mich schnell an das Foyer gewöhnt. Denn meine Ankunft hier verlief sehr herzlich, ich wurde von allen Bewohner*innen sofort angesprochen und herzlich willkommen geheißen. Jeder wollte mir etwas von sich erzählen.

Sehr im Gedächtnis geblieben ist mir, wie Elisabeth mich begrüßte, Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter und schaute mich lange an, das war ihre Art mich willkommen zu heißen. Mir wurde dann von den anderen Mitarbeitern mit der Zeit alles erklärt. Was meine Aufgaben sind und wie der Alltag hier abläuft. Das hat mir sehr geholfen, denn so war ich von Anfang an mittendrin im Geschehen und hatte gar keine Zeit, unsicher oder besorgt zu sein.

Um ein bisschen zu beschreiben, wie mein Alltag hier aber genau abläuft, werde ich euch einen Tag in der Arche beschreiben. Mein Wecker klingelt jeden Tag um sieben Uhr sieben. Dann stehe ich auf und fange kurze Zeit später an, die Bewohner*innen zu wecken. Da ist zum Beispiel François, der meist schon fragend nach mir ruft, wenn er mich im Gang hört. Ihm helfe ich, seine Zahnprothese zu putzen und den Kleber aufzutragen. Dann wecke ich noch zwei andere Bewohner*innen. Sébastien zum Beispiel, der immer sehr müde ist und nicht aufstehen möchte, weil er bis tief in die Nacht zeichnet. Das ist immer sehr witzig, weil er ab einem gewissen Punkt wach ist, aber krampfhaft seine Augen zukneift, damit ich nicht bemerke, dass er schon wach ist und ich mich, so hofft er, wieder aus dem Staub mache. Aber meist schleicht sich dann ein kleines Lächeln auf seine Lippen, und er reißt die Augen auf. Dann schaut er mich etwas verwirrt an, lacht dann laut los und sagt dann: "Ahh non!". Also Sébastien, wer so lange zeichnet, ist am Morgen eben müde!

Um sieben Uhr dreißig gibt es dann Frühstück, einer von uns drei Freiwilligen verteilt dann die Medikamente. Meine zwei Mitfreiwilligen heißen Sarah und Léana und kommen beide aus Frankreich. Beide sind etwa so alt wie ich. Wir sind morgens meist nur zu dritt. Zu unserer "Equipe", also dem Team, gehören noch drei externe Mitarbeiter*innen und die Responsable (Verantwortliche) des Foyers. Die kommen zum Frühstück oder oft kurz danach ins Foyer und bleiben bis zum Abend.

Das Frühstück ist recht ruhig, alle sind noch recht verschlafen, außer François, der heiter alle fragt, wie es ihnen geht. Auch Sylvie ist oft schon recht wach und erzählt, welchen Film sie sich am Abend im Kino anschaut. Oder Bérénice, eine Mitarbeiterin, macht Musik an, um alle langsam aufzuwecken. Das trifft mal mehr, mal weniger auf Zustimmung, manchmal fängt Caroline aber auch an, leise auf ihrem Stuhl vor sich hin zu tanzen. Der Raum ist sehr groß. Ganz hinten sieht man eine große Küche und drei große Kühlschränke, jeder misst 2 Meter. Davor ist ein langer Tisch zu sehen mit zwanzig Plätzen. Gleich hinter der Tür stehen noch drei große Sofas und in der Ecke noch ein Schallplattenspieler und eine Musikbox. An den Wänden hängen lauter Fotos von Unternehmungen des Foyers. Auch hängt dort ein selbstgebastelter Adventskalender. Der besteht aus einzelnen, mit Süßigkeiten gefüllten Socken. Diese Socken haben wir in der Waschmaschine gefunden, leider war der jeweils zweite vom Paar unauffindbar. So haben wir uns entschlossen, daraus einen Adventskalender zu basteln.

Insgesamt sieht der Raum bunt und vor allem weihnachtlich aus. Der Rest des Foyers besteht aus den Zimmern der Bewohner*innen und uns Freiwilligen und zwei Büros. Danach machen sich alle für den Tag fertig. Die Bewohner*innen, die autonomer sind, gehen tagsüber zur Arbeit, alle anderen besuchen das Atelier der Arche, in dem viele Aktivitäten angeboten werden. Zum Beispiel schwimmen gehen, Mosaike herstellen, kochen, zusammen backen oder auch der Chor. Dort arbeite ich auch einmal die Woche für einen Nachmittag. Im Atelier sind immer viele Leute, da ist es oft nicht so leicht alles zu verstehen, weil jede*r sehr schnell redet. Aber es ist auch schön, mal aus dem Foyer raus zu kommen.

Das letzte Mal haben wir zum Beispiel Weihnachtsdeko gebastelt.

Aber eigentlich bin ich den Tag über im Foyer und wasche Wäsche, putze oder organisiere Feiern. Tatsächlich wird in der Arche sehr oft gefeiert. Ob es Geburtstage, Halloween oder Weihnachten ist. Das macht immer großen Spaß. Wir kochen dann immer alle zusammen ein großes Essen, schmücken den Salon, stellen Musik-Playlisten zusammen und denken uns eine Überraschung für das Geburtstagskind aus. Es wird dann immer viel gegessen, viel getanzt und viel gelacht. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Feste auf einmal gefeiert wie hier. Im November hatten wir allein vier Geburtstagsfeiern! Was für ein Spaß!

Mein Leben hier ist eben ganz anders als das davor in Dresden. Es ist viel intensiver, auch wenn ich weniger Zeit für mich habe, denn ich habe am Tag vier Stunden Pause und einen Tag die Woche frei, den Rest bin ich in meinem Foyer. Aber es sind einfach viel mehr Menschen um mich herum, die mir immer viel Freude bereiten, mit ihrer Ehrlichkeit, ihrer Offenheit und ihrer Unbeschwertheit. Es gibt hier so viele schöne Momente, die oft ganz unerwartet kommen, denn eine Sache habe ich hier besonders gelernt, auf die kleinen Momente zu schauen. Genau hinzuhören und zu beobachten. Vielleicht kommt das auch dadurch, dass ich am Anfang wirklich noch Probleme mit meinem Französisch hatte, da lernt man genau zu beobachten, dadurch versteht man meist schon sehr viel!

Da ist zum Beispiel Virginie, die immer mit dem Bügeleisen spricht und ihm sagt, wie schön es ist. Wenn ich mich zu ihr setze, fängt sie dann an, mir von dem Bügeleisen zu erzählen und von so ziemlich allen elektrischen Geräten, die sie kennt. Sie liebt technische Geräte. Oft fragt sie mich zum Beispiel, ob man im Fnac, einer französischen Version von Mediamarkt, noch Mikros kaufen kann und ob die alle funktionieren oder wie viele Telefone es insgesamt in Paris gibt. Oder da ist Leo, der das ganze Metro-Netz von Paris auswendig kann. Wenn ich einmal nicht weiß, wie ich zu einer Station komme, frage ich ihn, und er kann mir im Handumdrehen meine Verbindung sagen.

Es ist doch sehr verrückt, wie schnell ich hier, weit weg von Zuhause einen Ort gefunden habe, an dem ich mich mehr oder weniger sicher und wohl fühle. Natürlich gibt es hier auch Streit und Diskussionen. Und manchmal ist es auch anstrengend, die ganze Zeit mit so einer großen Gruppe zusammenzuleben.

Es gibt Momente, in denen ich einfach eine Pause brauche. Aber da gibt es zum Glück noch andere Freiwillige, zum Beispiel Mirjam oder Amelie, die auch in Arche-Gemeinschaften hier in Frankreich leben, mit denen ich mich austauschen kann. Das hilft!

Und dann sind da noch alle Freunde und die Familie. Also ihr, die mich mit Post und Telefonaten sehr beglückt. Dafür wollte ich mich an dieser Stelle von ganzem Herzen bedanken. Ich hoffe, ich kann euch mit diesem Bericht einen Einblick in mein Leben hier in der Ferne ermöglichen. Denn mir geht es wirklich gut.

Vielen Dank auch an die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, die meinen Friedensdienst unterstützt.

Jetzt verabschiede ich mich aber von euch und wünsche euch Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Bis bald ihr Lieben,

eure Rose

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