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15.12.2017

Frau Musika im Engelsgewand
Die Weihnachtsgeschichte

von Torsten Lüdtke

Bild: gemeinfrei

Geräuschlos fiel der Schnee in dicken weißen Flocken auf das unregelmäßige Pflaster des alten Klosterhofes. Die Umrisse der mächtigen Gebäude hoben sich nur schwach von dem bleigrauen Himmel ab, aus dem es unablässig schneite. Langsam ging das Jahr 1535 dem Ende zu. Nachdenklich und mit sorgenvoller Miene beobachtete Martin Luther vom Fenster seiner Studierstube das geschäftige Treiben im Hof. Er sah Fuhrleute und Knechte, die von einem Wagen verschiedene Waren, Kisten und Fässer, aber auch eine kleine grüne Tanne abluden. Er sah und hörte auch, wie Enten und Gänse, die aufgeregt schnatterten, in den Stall getrieben wurden. Dazu schallte fröhliches Kinderlachen über den winterlich-kahlen Hof und brach sich hundertfach an den Mauern der Gebäude.

Aus allen diesen kleinen und großen Vorzeichen konnte Luther die Nähe des unmittelbar bevorstehenden Weihnachtsfestes überdeutlich erkennen. – Und doch hatte sich Luther selten so niedergedrückt gefühlt wie in diesem Jahr, wenn er an das kommende Weihnachtsfest dachte. So viel er auch darüber brütete, es fiel ihm nichts ein, was er für die Gottesdienste und die Feier des Christtages gebrauchen könnte.

Luthers Blick fiel immer wieder auf den großen Eichentisch, auf dem ein leerer Bogen Papier, das Tintenfass und der Federkiel lagen. Hier lag auch der Brief, den der Reformator fünf Jahre zuvor von der Veste Coburg an seinen ältesten Sohn Johannes, "das liebe Hänschen", geschrieben hatte. Ein Abschnitt davon war Luther besonders im Gedächtnis: "Ich weiß von einem hübschen und lustigen Garten. Da gehen viele Kinder hinein, haben goldbesetzte Jäcklein an und sammeln unter den Bäumen herrliche Äpfel, Birnen, Kirschen, Mirabellen und Zwetschgen. Sie singen, springen und sind fröhlich, haben auch schöne kleine Steckenpferdchen mit goldenem Zaumzeug und silberbeschlagenen Sätteln ..."

Ein lautes Pochen an der Tür riss Luther aus den Gedanken. Eine Magd öffnete die Tür und schob einen kleinen, auffallend hageren Mann in den Raum.

"Guten Abend, Martinus", grüßte der eintretente Gastfreundlich, der niemand anderes war als Philipp Melanchthon. Mit seinen klugen blauen Augen musterte Melanchthon aufmerksam den Hausherrn; dabei entging ihm die sorgenvolle Miene des Freundes nicht.

"Sei mir gegrüßt, Philipp! Was führt dich zu mir?" antwortete Luther, der noch immer gedankenverloren am Fenster stand. Melanchthon ging nicht auf die Frage des Freundes ein, sondern berichtete, wohl um den Freund zu zerstreuen, vom abendlichen Treiben auf dem Marktplatz und der Hauptstraße Wittenbergs: Er erzählte von Mägden und ihren Einkäufen, von Händlern und deren Waren sowie von Studenten, die sich für die Heimreise zum bevorstehenden Weihnachtsfest rüsteten. Unbeeindruckt von den Schilderungen des vorweihnachtlichen Trubels unterbrach Luther seinen Freund: "Nimm es mir nicht übel, Philipp, aber heute ist mir nicht zum Plaudern zu- mute." Und bedrückt fügte er hinzu: "Es mangelt mir noch immer an einem guten Gedanken vortrefflichen Idee für das Christfest."

Draußen begann es bereits zu dämmern. Luther, der noch immer nachdenklich am Fenster stand, bemerkte nicht, wie sich eine große, schlanke Gestalt aus dem Schatten des großen Tores an der Straße löste, um rasch und zielstrebig auf das spitzbogige Portal des Hauses zuzugehen. Das nachlässig aufgesetzte, samtene Barett und ein kostbarer Mantel verrieten in der dunklen Gestalt den Studenten aus gutem Hause.

Währenddessen hatte Melanchthon die Laute an der Wand der Studierstube entdeckt, und im gleichen Augenblick vorsichtig das kostbare Instrument von der Wand genommen. Indem er Luther die Laute reichte, sagte Melanchthon: "Da, Martin, nimm! Frau Musica vertreibt – wie du mir’s schon oft erzählt hast – Zorn, Zank, Hass und Neid, wie auch Herzeleid und Traurigkeit."

Ein leichtes Lächeln flog über das noch immer kummervolle Gesicht des Reformators, der die Laute bereitwillig zur Hand nahm und zu stimmen begann. Lediglich einige Akkorde hatte Luther gespielt, als mit lautem Gepolter die Tür aufgerissen wurde. Der reich gekleideter Jüngling, der in seinem kostbaren, wärmenden Pelzmantel über den Hof geeilt war, trat ein, gefolgt von einer wütend zeternden Alten. Am raschesten hatte Melanchthon die Fassung wiedergefunden.

"Sieh an, der Studiosus Rosencrantz! Was will er denn hier, zur späten Stunde?"

Der so angesprochene Student verbeugte sich tief und sprach: "Guten Abend, die Herren Professores! Guildenstern und der Prinz sind abgereist, und da ich ihnen in Kürze folgen werde, bitte ich die Herren Professores um einen Eintrag in meinem Stammbuch."

Luther nahm unwillig den Federkiel vom Tisch, tauchte ihn ins Tintenfass und schrieb dem Studenten Rosencrantz einige lateinische Verse ins Stammbuch, danach ergriff Melanchthon die Feder und widmete dem Studenten einen griechischen Aphorismus. Unterdessen summte Rosencrantz das Spielmannslied "Ich komm aus fremden Landen her und bring‘ euch viel der neuen Mär".

Das bis dahin sorgenvolle Gesicht Luthers hatte sich während des Liedchens merklich aufgehellt. Kaum hatte sich Rosencrantz verabschiedet, nahm Luther die Laute wieder zur Hand, setzte die Stimmung des Instruments fort und spielte die Melodie des Spielmannsliedes.

"Nun habe ich einen vortrefflichen Gedanken für das Christfest, Philipp", rief Luther erfreut aus und ging zum Schreibtisch. Geschwind hatte Luther die Überschrift "Ein Kinderlied auf die Weihnachten vom Kindlein Jesu" auf das Papier geschrieben und schnell folgte dem Vers "Vom Himmel hoch, da komm ich her" der nächste. In kurzer Zeit hatte Luther die erste Strophe vollendet, der bald eine zweite und dritte nachfolgte. Melanchthon hatte lächelnd, leicht mit dem Kopfe nickend, das Studierzimmer verlassen, Luther arbeitete verzückt weiter. Bevor der nächste Morgen tagte, hatte Luther das Lied vollendet und ein dicht beschriebenes Blatt lag auf dem Tisch. Froh, aber von der nächtlichen Arbeit erschöpft, setzte sich Luther am nächsten Morgen an die Predigt für das Christfest, während Katharina und die Kinder auf dem Tisch ein Textblatt mit einem neuen, fünfzehnstrophigen Lied fanden.

Die Tage bis Weihnachten vergingen im Flug. In der guten Stube putzten Frau Katharina und die Kinder ein Tannenbäumchen auf und schmückten es mit Äpfeln, Pfefferkuchen, Flittersternen und anderen schönen Sachen, wie es ihnen ein Student aus dem fernen Straßburg erzählt und beschrieben hatte, der während seiner Studien viel bei Luthers verkehrt hatte. Die alte "Muhme" Lehne, eine entfernte Verwandte, schüttelte diesem, von ihr als närrisch empfundenen Treiben bedenklich mit dem Kopf und murmelte unverständliche Worte.

Unbeeindruckt vom weihnachtlichen Treiben setzte Luther sein Werk fort. Er besuchte seinen Mitstreiter und Freund Melanchthon in dessen altem, verwinkeltem Haus und lud ihn ein, an der ersten Darbietung des neuen Liedes teilzuhaben, die am Christtag im Hause Luther stattfinden würde.

Schließlich war der Abend des Christtags da. Nach dem Gottesdienst trat die Familie in die gute Stube ein. Katharina Luther entzündete am Tannenbaum die Kerzen, während Luther die Laute nahm und die Melodie des neuen Weihnachtsliedes spielte. Bald stimmten die Kinder, Magdalena und Hans als erste, später der junge Martin und die alte Lehne in das Lied ein. Am Schluss machten auch die beiden Kleinsten brabbelnd und weinend mit. Leise, damit er den Gesang nicht störte, hatte Melanchthon die Tür geöffnet. Lächelnd blieb er stehen und wartete, bis der letzte Vers und der letzte Ton verklungen waren, dann erst begrüßte er den Hausherrn und die Familie. Schließlich erhielten die Kinder ihre Geschenke, die das Christkind gebracht hatte. Hans erhielt eine schöne Armbrust, mit der er weit schießen konnte, Martin ein schön geschnitztes Steckenpferd und Magdalena einen Engel. Alle aber, vom kleinsten Knaben bis zur uralten Greisin erhielten ein schön gedrucktes Blatt mit dem neu gedichteten Text:

Bild: gemeinfrei

1. Vom Himmel hoch, da komm ich her.
Ich bring’ euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singn und sagen will.

2. Euch ist ein Kindlein heut’ geborn
Von einer Jungfrau auserkorn,
Ein Kindelein, so zart und fein,
Das soll eu’r Freud und Wonne sein.

3. Es ist der Herr Christ, unser Gott,
Der will euch führn aus aller Not,
Er will eu’r Heiland selber sein,
Von allen Sünden machen rein.

4. Er bringt euch alle Seligkeit,
Die Gott der Vater hat bereit,
Daß ihr mit uns im Himmelreich
Sollt leben nun und ewiglich.

5. So merket nun das Zeichen recht:
Die Krippe, Windelein so schlecht,
Da findet ihr das Kind gelegt,
Das alle Welt erhält und trägt.

6. Des laßt uns alle fröhlich sein
Und mit den Hirten gehn hinein,
Zu sehn, was Gott uns hat beschert,
Mit seinem lieben Sohn verehrt.

7. Merk auf, mein Herz, und sieh dorthin!
Was liegt dort in dem Krippelein?
Wes ist das schöne Kindelein?
Es ist das liebe Jesulein.

8. Sei mir willkommen, edler Gast!
Den Sünder nicht verschmähet hast
Und kommst ins Elend her zu mir,
Wie soll ich immer danken dir?

9. Ach, Herr, du Schöpfer aller Ding,
Wie bist du worden so gering,
Daß du da liegst auf dürrem Gras,
Davon ein Rind und Esel aß!

10. Und wär’ die Welt vielmal so weit,
Von Edelstein und Gold bereit’,
So wär sie doch dir viel zu klein,
Zu sein ein enges Wiegelein.

11. Der Sammet und die Seide dein,
Das ist grob Heu und Windelein,
Darauf du König groß und reich
Herprangst, als wär’s dein Himmelreich.

12. Das hat also gefallen dir,
Die Wahrheit anzuzeigen mir:
Wie aller Welt Macht, Ehr und Gut
Vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

13. Ach, mein herzliebes Jesulein,
Mach dir ein rein, sanft Bettelein,
Zu ruhen in meins Herzens Schrein,
Daß ich nimmer vergesse dein.

14. Davon ich allzeit fröhlich sei,
Zu springen, singen immer frei
Das rechte Susaninne schon,
Mit Herzenslust den süßen Ton.

15. Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron,
Der uns schenkt seinen ein’gen Sohn.
Des freuen sich der Engel Schar
Und singen uns solch neues Jahr.

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