ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.11.2017

Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer Sellin-Reschke

Propheten haben ein schweres Leben und eine schwere Aufgabe! Sie sollen Widerspruch einlegen gegen ungute politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die sich abzeichnen. Damit ecken sie an und unvermeidlich stehen sie schon bald in der Kritik.

Der biblische Prophet Hesekiel musste diese Erfahrung mehr als einmal machen. Den ersten Widerspruch musste er erheben, als das Volk Israel im 6. Jahrhundert v. Chr. noch im eigenen Land lebte. Hesekiel ermahnt sein eigenes Volk, hinzusehen, welche negativen Entwicklungen in ihm vor sich gehen. Er entlarvt die falschen Propheten, die nur die Macht erhalten wollen, aber dabei behaupten, dem Frieden zu dienen, wo doch kein Friede ist (Hesekiel 13,10).

Foto: mediaray

Einige Jahre später haben sich die Ermahnungen des gleichen Propheten grundlegend geändert. Inzwischen ist eingetreten, wovor Hesekiel gewarnt hatte: Das Volk Israel war ins Unglück gelaufen, in Gefangenschaft geraten und nach Babylon deportiert worden. Wieder ist es Hesekiels Aufgabe, Widerspruch einzulegen. Nun aber predigt er ganz anders: Er redet gegen die Hoffnungslosigkeit an, die unter den Israeliten zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Nun verspricht der gleiche Prophet, der vorher nur Gerichtsworte für sein Volk übrig hatte, Trost. Er sagt: "Gott will unter euch wohnen und ihr werdet sein Volk sein."

In unserer Zeit wünsche ich mir Propheten, die beides gleichzeitig können: die auf der einen Seite vor den drohenden Veränderungen in unserer Gesellschaft warnen, dabei aber zugleich darum werben, in dieser Situation Gott zu vertrauen.

Im Monat November sehe ich diese Aufgabe besonders mit dem Volkstrauertag verbunden. Der Volkstrauertag erinnert an die Toten der beiden großen Weltkriege. Ich wünsche mir – vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen in unserem Land – Propheten, die daran erinnern, dass Kriege nicht vom Himmel fallen, sondern Wurzeln haben wie Nationalismus, großen Stolz und Ausgrenzungen anderer. Wir haben in Europa mehr als einmal erlebt, wie aus diesen Anfängen Einfallstore für Gewalt wurden. Und nachdem eine nationalistische und rechte Gesinnung in unserer Gesellschaft zweifelsohne neu Fuß gefasst hat, sollte der Volkstrauertag 2017 von uns allen neu in den Blick genommen werden: als ein Tag der mahnenden Erinnerung an die Kriege aber auch an ihre Ursachen. Der Volkstrauertag sollte wieder zu einem Tag werden, an dem wir bewusst unseren Kindern, Nichten, Neffen oder Enkeln – also den nachfolgenden Generationen – erzählen, wie wichtig es ist, aus der leidvollen Geschichte und der jeweiligen Vorgeschichte der Kriege zu lernen – eben: für eine bessere Zukunft!

Gleichzeitig aber brauchen wir in unserem Land Prophetinnen und Propheten wie Hesekiel, die die Ängste der Menschen ernst nehmen. Hesekiel tut dies. Und seine Antwort zielt darauf, dass Menschen in ihrer Hoffnungslosigkeit neues Vertrauen gewinnen: "Gott will unter euch wohnen! Ihr seid nicht allein mit dem, was euch Angst macht!" Das ist seine Botschaft. Eine Botschaft die tröstet – die aber zugleich auch auffordert, alles Angstbesetzte wieder in Gottes Hände zu legen, anstatt es mit eigener Kraft aus der Welt räumen zu wollen.

Hesekiel ist ein Prophet der beides kann. Der die Menschen aufbaut und doch auch Missstände beim Namen nennt. Und vielleicht können ja auch wir solche Prophetinnen und Propheten in unserer Zeit sein!?

Björn Sellin-Reschke