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15.12.2017

Luther / Bilder
Ausstellung mit Werken des Künstlers Harald Birck zum Reformationsgedenken in unserer Gemeinde 1. bis 31. Oktober 2017

Foto: © Dan Penschuck / [FEINDESIGN]

Die evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf zeigt im Monat des 500sten Reformationsjubiläums die Ausstellung mit Skulpturen und grafischen Arbeiten des Künstlers Harald Birck zu Martin Luther in der Petruskirche. Birck bringt uns einen zutiefst menschlichen Luther nahe. So ermöglicht seine Kunst zeitgemäße Sichtweisen auf Luthers Werk und auf Herausforderungen für Kirche und Glauben heute.

Ein umfangreiches Programm begleitet die Ausstellung. Es gibt Konzerte, Diskussionsveranstaltungen zu den Folgen der Reformation für den Glauben und die Künste, pädagogische Angebote und Künstlergespräche.

Die Chöre der Gemeinde, das Steglitzer Kirchenmusikfest, das wir bei uns eröffnen können, ein Abend mit Stummfilm und Orgelbegleitung und Konzerte – gerade auch das musikalische Programm des Monats ist reichhaltig.

Welche Bedeutung hat die Reformation, die Theologie Luthers und die reformatorische Bewegung für uns heute in ihrer Vielfalt? Dem gehen wir nach, in Auseinandersetzung mit Musik und bildender Kunst, aber auch in Gesprächen zu Glauben und Theologie und besonders in thematischen Gottesdiensten.

Den 31. Oktober, fünfhundertstes Jubiläum der Veröffentlichung der 95 Thesen durch Martin Luther, begehen wir in einem ökumenischen Gottesdienst gemeinsam mit der katholischen Gemeinde Heilige Familie und mit den Freikirchen in unserer Region. Hier wollen wir auch Zukunftsimpulsen des christlichen Glaubens nachgehen und eine gemeinsamen Suche nach den Erträgen der Reformation unternehmen. Vor allem aber wollen wir in diesem Gottesdienst der Gemeinden in der Region Lichterfelde Gemeinschaft und die erneuernde Kraft des Wortes Gottes erleben.

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Luthers raue Oberfläche – Ein Gespräch mit Harald Birck

Foto: © Dan Penschuck / [FEINDESIGN]

Der Maler und Bildhauer Harald Birck hat eine Vielzahl von Plastiken und Skizzen zu Martin Luther erarbeitet, zunächst als Vorarbeiten für eine Bronze im Wittenberger Luther-Hotel. Seit März 2016 bis Dezember 2017 wird eine Ausstellung der Arbeiten an verschiedenen Orten in Deutschland gezeigt.

In Karlsruhe wurde ein weiteres Projekt entwickelt: "Luther - Einer von uns". Menschen aus der Stadt wurden porträtiert und verkörpern Themen Luthers. So stehen ein italienischer Gastarbeiter der ersten Generation für die Arbeit, eine kommunalpolitisch engagierte Geschäftsfrau für den Mut, eine Schauspielerin und Regisseurin für die Kunst, ein Theologe für den Glauben. Der Prozess der Herstellung fand hier oft in der Öffentlichkeit statt, 22 Büsten wurden in einem Festgottesdienst zusammengeführt. Anschließend werden sie nach und nach an die Bestimmungsorte gebracht.

Das Gespräch führte Pfarrer Roland Wicher, zuständig für die Kulturarbeit der Ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf ( www.petrus-kultur.de). Es ist in der Zeitschrift "Kunst und Kirche" (Heft 02/2017) erschienen.

RW: Die Initialzündung für das ganze Luther-Projekt gab der Auftrag für die Wittenberger Lutherskulptur. Von hier aus entwickelte sich "Luther" für Sie zu einem künstlerisch wichtigen Themenkomplex.

Abb. 1: Harald Birck, Ganzfigur Luther – Foto: © Dan Penschuck / [FEINDESIGN]

HB: 2009 bekam ich den Auftrag für die 2,20 Meter hohe Bronzefigur. Ich hatte knapp ein Jahr Zeit dafür. Das Werk, das jetzt in der Ausstellung gezeigt wird, umfasst Vorarbeiten, Maquetten, Kleinskulpturen, Zeichnungen, Studien und andere Arbeiten. Ich habe versucht, mich mit diesen Arbeiten mit der Gestik, dem Ausdruck, dem Lebensalter Luthers zu befassen.

Wie verhält sich die große Lutherfigur? Steht sie, sitzt sie, gestikuliert sie, hat sie ein Blatt in der Hand, oder traditionell die Bibel, oder gar nichts? Es ging vorwiegend darum, die Ganzfigur darzustellen, von Kopf bis Fuß (Abb. 1). Skizzen und Tuschen sind bewusst spielerisch entstanden. Ich "castete" auch verschiedene Personen, die Modell saßen.

RW: Wie kam es denn zu den Entscheidungen für den großen Luther?

HB: Ich wollte nicht noch einmal Cranach oder Schadow aufgießen, nicht einen Über-Luther darstellen, sondern einen eigenen Luther schaffen, für unsere Zeit (Abb. 2). Ich wollte ein lebendiges Modell nehmen, nicht Luthers Maske abmessen oder kopieren (Abb. 3). Es sollte etwas aus einer menschlichen Begegnung heraus entstehen.

Meine Grundidee war, den späten Luther darzustellen. Den Luther, der auch schon unter Depressionen litt, der schon angeknackst war, vollbeleibt, gealtert; die Kraft, die Haltung eines Menschen, der dennoch etwas darstellt, über seine körperliche Verfassung hinaus. Mir fiel spontan ein Freund ein, der für mich physiognomisch die rechte Statur hatte, und der in der Zeit unter großen Belastungen litt. Der Töpfermeister, der mir Modell saß, drückte mit seiner ganzen Haltung und seinem Gesicht Phantasie, Sinnlichkeit und Schaffensdrang aus, aber eben gleichzeitig auch diese momentane Knechtung durch eine psychische Belastung.

Abb. 2: Johann Gottfried Schadow, Lutherdenkmal (Lutherstadt Wittenberg, 1821) – Foto: FabGuy/Wikipedia

Ich kann ja nach 500 Jahren keinen Luther mehr nach Modell machen, aber es ist meine Schule gewesen, während meiner Ausbildung als Maler, viel nach Modell zu arbeiten. Ich will nicht nur abbilden, sondern auch nach Hintergründen, und vor allem dem Inneren suchen. Das sollte dazu dienen, diesen – auf jeden Fall – nicht glatten, sehr lebendigen Luther, den vielleicht auch nicht alle mögen, oder mit dem sich nicht alle identifizieren, zu zeigen. Die Skulptur sollte durchaus Reibung erzeugen.

RW: Luther war Ihnen schon davor nahe, und das hat mit Ihrer Lebensgeschichte zu tun.

HB: Als Pastorensohn bin ich mit Luther groß geworden. Ich habe eine große Wertschätzung für das, was er bewirkt hat. Er ist eine positive Figur für mich. Diese Selbstverständlichkeit hat es mir erleichtert, mit seiner Darstellung spielerisch und zugleich respektvoll umzugehen.

Es war wichtig, einen neuen Zugang zu einem ja auch verbrauchten Luther zu finden, gar dem missbrauchten Lutherbild entgegenzuwirken – etwa dem überhöhten und verklärten Lutherbild des 19. Jahrhunderts oder gar der Darstellung des Nationalsozialismus.

Abb. 3: Lukas Furtenagels Zeichnung des toten Martin Luther, 1546 – Foto: Wikipedia

Luther war ein Mensch. Er hat gesungen, gestikuliert, vielleicht mit den Kindern Murmeln gespielt. Er hatte Hunde. Er war als Reformator nicht allein. Ich erarbeite jetzt auch andere Gestalten der Reformation, unter anderem mehrfach Katharina von Bora. Ich habe auch einen alten Luther formuliert, den es gar nicht mehr gegeben hat. Wie hätte er ausgesehen, wenn er älter geworden wäre? Mich reizt es, Luther darzustellen mit Möglichkeiten, wie sie jeder Mensch eigentlich hat.

Auch bei den Kopfbüsten obdachloser Menschen [einem früheren Projekt Bircks mit dem Titel "Auf Augenhöhe", RW] ging es nicht darum, sie in ihrem Elend zu zeigen, in Zuständen, wo man sagt, das geht nicht mehr lange weiter, sondern den Menschen, der aus seiner Möglichkeit besteht, immer, trotz Krankheit, trotz Lädiertsein.

RW: Das lädt ja fast schon zu einer theologischen Deutung ein. Das ist eigentlich der Gerechtfertigte. Trotz Zerstörung oder Angegriffensein, am Ende des Tages gibt es den Blick auf den Menschen, der sagt, an sich bist Du gerechtfertigt, bist Du ein von Gott geliebtes Wesen.

Ich finde es interessant, das hin und her zu spielen zwischen Theologie und kunstimmanenten Gesichtspunkten. Man kann ja sagen, die eigentliche Energie, auch in der Kunst, hat eine Transzendenz. Das ist zunächst einmal ganz schlicht, wir haben den Einfluss des Materials und einen künstlerischen Schaffensprozess. Er findet irgendeine Form von Abschluss, ist nicht mehr sichtbar außer in Gestalt des Werks, das aber in Wahrheit Ergebnis eines Prozesses ist. Wenn man es dann im Raum positioniert und ausstellt, wird es wiederum in einen Prozess überführt. Das heißt, es gibt viele externe Dinge, die für das Kunstwerk wichtig sind, das materielle Objekt. Eine solche Transzendenz lädt dazu ein, sie in Beziehung zu anderen Transzendenzen zu setzen. Man will keinen Menschen kopieren, sondern man will etwas über Möglichkeiten des Menschen sagen, über das Verletztsein, die positiven, aber auch die negativen Potenzialitäten, Energien. Sie haben etwas Ungegenständliches, eine Transzendenz. Sie sind da, sie sind wirksam, aber wir können sie eigentlich gar nicht so richtig greifen. Trotzdem sind sie sehr lebendig, sehr aktiv, sehr kraftvoll, sehr bewegend.

Wir haben uns bei vergangenen Treffen über Rodin unterhalten. Bei Ihren Arbeiten kommen Brechungen ins Spiel. Das Raue spielt in der Materialität eine große Rolle. Die raue Oberfläche spielt ja für Strömungen in der Bildhauerei der Moderne eine Rolle. Bei Rodin ist das zweifellos absichtsvoll. Was bedeutet das eigentlich, was bringt die raue Oberfläche?

HB: Sie ist erst einmal eine Sprache. Ich komme von der Malerei und von der Zeichnung. Mir ist Bewegung wichtig. Je nach Perspektive und Beleuchtung gibt die Figur mehr von sich preis und gerät in Bewegung. Es entsteht ein zweiter Inhalt. Wenn die Figur ganz glatt ist, bleibt man in der ersten Wahrnehmung haften. Mit der rauen Oberfläche gibt es je nach Lichtspiel eine andere Mimik zu entdecken. Ich versuche, den offenen Zustand zu halten. Rechtzeitig aufhören ist das oberste Gesetz. Der große Luther ist auch bewusst unmittelbar mit dem Modell entstanden und dann auch so geblieben.

RW: Können Sie noch einmal benennen, wo sie in Ihrem Schaffen herkommen? Was zeichnet Ihre akademische Schule aus?

HB: Ich habe an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe Malerei und Zeichnung studiert. Mein Studium beendete ich als Meisterschüler von Klaus Arnold. Arnold war Schüler von Karl Hubbuch und Erich Heckel, dem großen Expressionisten und Brücke-Maler. In dieser Tradition wuchs ich gleichsam künstlerisch auf. Wir hatten eine sehr gute und harte Schule. In erster Linie mussten die Malerei und die Form stimmen. Dann entsteht Energie. Inhalt und Titel, hier zum Beispiel "Luther", ist gerechtfertigt und erfahrbar. Das Kunstwerk muss schon stimmen und stark sein.

RW: Sie verkörpern als Bildhauer, als Künstler eine Energie, die von außen kommt. Ohne den Vergleich zu strapazieren, aber bei Giacometti ist es ja an dieser Stelle ähnlich. Seine Figuren sind sozusagen von den Energien der Welt, der Existenz angegriffen, aber eben auch geformt. Zurück zum Wittenberger Luther. Er hat ein leeres Blatt. Er stellt es eigentlich zur Verfügung, als würde er das Blatt gleich reichen. Es liegt Ruhe in der Bewegung. Das ist keine Dominanz. Kein Zeigefinger wie bei Schadow. Der fordert auf. Das ist das Buch, das kannst Du jetzt lesen. Dort geht es dann auf der Seite der Betrachtenden um Rezeption. Ihr Luther reicht mir etwas, das mir ermöglicht, produktiv zu werden.

HB: Er zeigt nicht auf das Blatt. Ich habe andere Studien gemacht, wo er auf die Bibel zeigt. Das erscheint verzweckt – ähnlich haben Sie es in einem unserer Gespräche ausgedrückt. Beim Wittenberger Luther fiel im Übrigen die Entscheidung für ein leeres Blatt. Es gab die Idee der Auftraggeber, es könnte eine der Thesen auf dem Blatt stehen. Ich hatte ein bisschen gefremdelt, jetzt noch Schrift oder etwas Fremdes in diese frisch entstandene Skulptur einzufügen. Wir haben dann dagegen entschieden. Wir überlassen es dem Betrachter zu assoziieren. Das Blatt deutet auf Schrift, das Wort auf Vervielfältigung. Es wird nicht versteckt, nicht geheimgehalten. Das leere Blatt weitet das Feld. Eine leichte, bewusste und sehr bestimmte Bewegung, aber die Geste ist nicht aggressiv.

RW: Ein Angebot. Der Wittenberger Luther war Ihre erste Bronze?

HB: Ja, und die erste Figur in der Größe. Es war ein Weg ohne Netz, ein spannender Selbstversuch. Sich auf einen Auftrag, auf eine Herausforderung einzulassen, ist mir wichtig. Das ist ja auch ein Glaube, nicht im religiösen Sinn, aber ohne den Glauben an sich und an die Sache oder an die Figur kann kein Kunstwerk entstehen. Darum rückt die Kunst dem religiösen Glauben sehr nah.

RW: Kunst und Glauben sind nicht identisch, sie korrelieren aber an entscheidenden Stellen. In Ihrem Fall denke ich, suchen Sie auch solche Korrelationen oder bieten sie vielmehr an.

Abb. 4: Harald Birck, Luther als Torwart – Foto: © Dan Penschuck / [FEINDESIGN]

HB: Ich würde schon sagen, dass mein Luther auch ein Botschafter sein soll ... für den Glauben. Aber sagen wir einmal ein Botschafter, nicht für einen starren Pietismus, sondern schon eher für Kraft und Herrlichkeit, für Hadern und Verlust und Zweifel und Dennoch … Weitermachen ... Botschaft übermitteln … und Sagen: "Ich bin auch nur ein Mensch". Das finde ich als Botschaft wichtig, weil es gerade im religiösen und kirchlichen Bereich immer wieder Engpässe gibt. Ich spüre es geradezu in der Wanderausstellung, dass die eine oder andere Arbeit die Leute zum Lachen bringt, zum Schmunzeln. Luther als Torwart kommt auch mal vor (Abb.4).

Eine Figur heißt "Der Tod". Sie hat mich und andere sehr inspiriert. Ich habe mich ja nicht nur mit Luther, sondern mit der Formensprache der Renaissance, mit der Sprache, mit der Kostümage, mit Zeichnung, Malerei beschäftigt. Die Gestalten sollten nicht mehr verkleidet wirken, sondern einen Echtheitsgrad erreichen.

Ich wollte in der Sprache der Zeit formulieren. Verschiedene Figuren gab es, eine Wäscherin, eine Tänzerin oder Gestalten am Wegrand. "Der Tod" zeigt nicht unbedingt Luther, nicht als ikonografische Gestalt, als Kappenträger, sondern einen wichtigen Aspekt seines Werkes, seines Lebens, seines Ausdrucks. Über den Tod hat Luther einiges geschrieben. So schreibt er: "Der Tod ist nur ein langer Schlaf über den Tod hinaus – mit wem Gott geredet hat, sei es im Zorn oder in der Gnade, der ist gewiss unsterblich. Mit dem will Gott weiterreden."

Abb. 5: Harald Birck, "Der Tod" – Foto: © Dan Penschuck / [FEINDESIGN]

RW: Diese Figur ist in Bewegung.

HB: Sie hat einen sehr starken Gestus, auch die Füße bewegen sich, es ist überhaupt keine statische Figur. Ich denke, der Tod ist nicht statisch. Der kündigt sich manchmal früh an und geht wieder weg, oder ist immer präsent, auch in der Theologie ist er präsent, gleichzeitig mit der Heilsbotschaft – gleichzeitig sogar! (lacht). Der Titel "Der Tod" ergab sich durch die Darstellung, das Gesicht. Er kam später dazu. (Abb.5). Das war mir auch bei dem großen Luther wichtig, es gab meine Pläne und Entscheidungen, aber ich könnte diese Bronze nicht noch einmal wiederholen, doppeln. Es entspricht mir, auf die werdende, die eigene Kunst loszugehen, wie auf das Leben, und Neues zuzulassen.

RW: Der Verweis auf den Tod meint ja auch die Grenze jeder Planbarkeit. Ihr Tod tanzt. Er ist ausgemergelt. Gleichzeitig stellen Totentänze ja die Frage, wie viel Tod und wie viel Jenseits des Todes, wie viel – ich weiß es gar nicht so genau – Hoffnung, vielleicht auch Ironie darin steckt. Es ist eine faszinierende Idee, ein Gerippe in Bewegung zu setzen.

HB: Im Nachhinein hat er mich an mittelalterliche Totentänze, etwa Bernt Notkes, erinnert. Der tanzende Tod nimmt einen irgendwo mit hin, wo wir nicht genau wissen, wie es da aussieht. Er nimmt uns auch schon früher mal an die Hand und lässt uns wieder los. Das ist für mich auch kein gruseliges Thema. Auch durch Luther angeregt. Der Tod ist ja ein Punkt – weniger der eigene, als der, den man dann um sich herum betrachtet, wenn Angehörige gehen. Den eigenen Tod merkt man vielleicht nicht so genau, der ist einfach da.

Der Tod als Thema ist künstlerisch sehr inspirierend. Viele Künstler, die ich schätze, haben sich mit dem Tod beschäftigt, Rodin, Böcklin, Munch ... Er ist existenziell noch bedeutsamer, über Krankheit und Not hinaus.

Abb. 6: Dr. Melitta Büchner-Schöpf sitzt im Schaufenster ihres Karlsruher Modegeschäfts Modell – Foto: Ferdinand Sparenberg

Nicht mehr nur Luther, sondern seine Themen wurden wichtig. Beim Projekt in Karlsruhe ging es von der Person Luthers weg zu seinen Eigenschaften, die durch die porträtierten Menschen ausgedrückt werden (Abb. 6). Ursprünglich sollte für Karlsruhe ein weiterer Luther aus Bronze entstehen. Das ging finanziell nicht. Stattdessen entwickelte sich im Gespräch mit dem Initiator dieses Vorhabens, Pfarrer Dirk Keller, diese Idee.

RW: Es entstand eine Art sozialer Plastik. Das ist etwas anderes, als im Atelier zu sitzen und ein fertiges Objekt zu haben, das man in ein bürgerliches Haus stellen kann. Eine andere, eine sozialere Komponente kommt dazu. Noch einmal zu dem "Tod". Es bedeckt ihn eine Art Grünspan auf dem Schwarz. Das Gewand ist so sehr von irgendeinem Wind bewegt, dass man das Gefühl hat, da ist vielleicht gar kein Körper mehr drunter. Auch da sind Energien wirksam, die von anderwärts her diese Figur bestimmen. Eine andere Arbeit ist im Grunde auch so ein "Tod". Sie ist stark geschwärzt, gleichzeitig blitzt an entscheidenden Stellen, wie im Gesicht, weißer Ton auf. (Abb.7)

Abb. 7: Harald Birck, "Der Tod" – stark geschwärzt, im Gesicht weißer Ton – Foto: © Dan Penschuck / [FEINDESIGN]

HB: Die Arbeit ist eine Collage verschiedener Tonsorten, schwarz und weiß, zusätzlich ist sie mit Engobe behandelt. Das sind Oxide, die beim Brennen farblich ausblühen und dann blau werden oder andere Töne annehmen. Meine Tonobjekte werden meist bei 1100 Grad gebrannt. Der hier hauptsächlich gewählte Ton wird beim Brennen schwarz.

RW: Das wirkt wie bei Kathe-dralen, wo der Stein verwittert durch Umwelteinflüsse, durch Dreck, Schwärze, und dann platzt etwas ab, und etwas kommt zum Vorschein, der helle Stein. Hier hat das Brennen eine Rolle gespielt ... Das sind erneut Energien, die Assoziationen wecken.

HB: Bei dieser Figur habe ich, wie gesagt, verschiedene Tonsorten verwendet. Im besten Fall gibt das Kunstwerk selber den Ausschlag für weitere Entscheidungen. Dann denke ich, da muss noch ein bisschen Licht rein, und verwende so einen Weißton für die Helligkeit, das Licht. Dann überlagert es sich und erzeugt eine Verdichtung, die zu diesem Resultat führt, ungeplant. Diese Figur habe ich sehr offen gelassen. Es geht ja im Grunde um eine Haltung. Auf ein ausgeführtes Gesicht wurde verzichtet, und trotzdem ist es eine Ganzfigur.

RW: Interessant ist auch die Arbeit aus Pappe, Wellpappe und Tape (Abb. 8). Auf Papier hat Luther ja seine Ideen verbreitet. Wieder die Medialität ...

Abb. 8: Harald Birck, "Papp-Luther" – Foto: © Dan Penschuck / [FEINDESIGN]

HB: Das ist mein "Papp-Luther". Ich habe gern mit diesen leichten Materialien gearbeitet und mit Fußbodenfarbe. Dass diese Plastik jetzt der Vorzeigeluther für die Wanderausstellung geworden ist, war nicht geplant.

RW: Begegnungen mit Menschen bestimmen den Entstehungsprozess mit, auch bei Ihren früheren Projekten, den Porträts, auch der Behinderten. Die frühe Arbeit mit den Ziegeleiarbeitern erscheint mir auch wichtig.

HB: Da schließt sich übrigens der Kreis. Mein "Luther", der auch den Wittenberger Luther gegeben hat und noch andere, spätere Köpfe, der war damals Meister in der Ziegelei in Glindow. Ich hatte ihn damals einfach als Mensch, als Arbeiter, Töpfermeister porträtiert. Werner Unfried heißt er.

RW: Hier erschließt sich ja noch einmal, worin der Birck-Luther reizvoll ist. Nicht nur, weil er Luther darstellt, sondern auch, weil er in eine Reihe gehört oder in einen Zusammenhang. Sie blicken auf Menschen, mit denen Sie beim Porträtieren lange Gespräche führen und sie kennenlernen.

HB: Richtig. Da geht es nicht nur um das Äußere, sondern eigentlich darum, dass sich da eine innere Haltung ergibt. Ich versuche, das auszudrücken. Da ist man als Künstler nie am Ende. Der Betrachter kann sich dann diese innere Haltung selbst erschließen. Das Kunstwerk kann bei ihm eine Reaktion auslösen, Verwunderung, Befremden, Neugierde, Achtung. Bei dem Projekt mit den Obdachlosen gab es sehr starke Reaktionen, weil es auch mit Sehgewohnheiten bricht, und das trifft ebenso auf den angegriffenen Luther zu. Man ist es nicht gewohnt, solche Menschen auf Sockeln, in der Öffentlichkeit so dargestellt zu sehen. Bei Luther gilt das auch. Nicht sein sozialer Status, sein großes Wissen, nicht der Über-Luther stehen im Vordergrund, sondern seine Menschlichkeit. Er wird zugänglich, neu zugänglich und für manche dann auch sein Werk.

RW: Luther hat den einzelnen Menschen ins Zentrum gestellt. Du, ich, wir haben eine Unmittelbarkeit in unserem Verhältnis zu Gott. Wir treten vor Gott mit dem, was wir sind und was wir nicht sind, im Scheitern, mit Schuld, und erfahren dann Gnade und Liebe. Gott zerbricht selbst, wird Mensch und nimmt diese Zerbrechlichkeit des Menschen an sich und auf sich. Da findet ein Tausch statt.
Dieses In-den-Mittelpunkt-Stellen des Menschen findet in der Kunst auch seinen Ausdruck. Auf eine gewisse Art kann man auch sagen, indem Schadow in Deutschland als erster auf einem öffentlichen Platz einen Nichtadligen darstellt, tut er das auch. Da gibt es eine sehr gewundene Linie zu Birck. Sie stellen die Figuren, Menschen, in den öffentlichen Raum und kommen ins Gespräch mit ihnen. Als lebendige Subjekte, nicht als Abziehbild. Arbeitende, Obdachlose, Behinderte, ganz unterschiedliche. Sie stehen in Beziehung zu den Leuten.

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