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15.12.2017

Die Geschichte des Gemeindehauses am Ostpreußendamm

von Torsten Lüdtke

Wer das Gemeindehaus am Ostpreußendamm 64 betritt, weiß, dass er (oder auch sie) ein historisches, denkmalgeschütztes Gebäude betritt. Dass sich heute in dem Gebäude, das noch immer Mittelpunkt der Gemeinde Petrus-Giesensdorf ist, verschiedene Bauphasen verbergen, weiß jedoch kaum jemand.


Louis Höhn, Pfarrgehöft 1924


Louis Höhn, Pfarrgehöft 1924

Bilder fotografiert von Torsten Lüdtke

Die Geschichte des Gemeindehauses ist die Geschichte des Pfarrgrundstückes von Giesensdorf. Sie beginnt äußerst unspektakulär irgendwann an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert, als der Lokator Gieselbrecht hier sein Dorf gründete. Damals besaß das Dorf neben den üblichen bäuerlichen Hufen auch vier Hufen für den Pfarrer. Im Landbuch Kaiser Karls IV. aus dem Jahr 1375 wird Giesensdorf mit insgesamt 50 Hufen (rund 383 Hektar, entspricht 3,83 km²) erwähnt, davon gehörten noch immer drei Hufen dem Pfarrer. Während dieser Zeit unterstand das Dorf dem Bischof von Brandenburg, der es 1299 vom Markgrafen als Pfand erhalten hatte. Um das Jahr 1400 kam Giesensdorf wieder an den Markgrafen von Brandenburg, der 1480 das Dorf der Familie von Quast zum Lehen gab. Ulrich Muhs, der als erster Pfarrer der Petruskirche das Pfarrhaus in Giesensdorf länger bewohnte, weiß als Ortschronist von Lichterfelde einiges über die frühesten Zeiten zu erzählen:

"Für Giesensdorf bedurfte es auch keines Pfarrhauses. Wird uns doch berichtet, dass die Pfarrer von Giesensdorf zur katholischen Zeit in Teltow Meßpriester an dem Lehen des heiligen Kreuzes waren, das dem Kalandsorden [im Mittelalter eine Bruderschaft von wohlhabenden Bürgern, die sich die Verrichtung guter Werke zur Aufgabe gemacht hatte; Anm. d. Verf.] gehörte, dort in einer eigenen Zelle hausten und zur Abhaltung der Gottesdienste und sonstiger Amtshandlungen nach Giesensdorf kamen."

Wenngleich nähere Zeugnisse bis zum Jahr 1674 fehlen, so ist doch zu vermuten, dass das Pfarrgrundstück dort lag wo es dann der Bericht von 1770 lokalisiert, nämlich gegenüber der Dorfkirche und der Einmündung der Osdorfer Straße neben dem "adeligen Hof", dem Gutshof von Giesensdorf. Die Beschreibung von 1770 ist sehr genau und beschreibt das Grundstück so, wie es heute annähernd noch vorhanden ist:

"Prediger hat ein Pfarrgehöft zwischen dem adeligen Hof und dem Küster belegen, 176 Berlinische Werkschuh und zwei Zoll breit, und die Länge geht von der Straße bis an den See hinter dem Pfarrgarten. Vorn nach der Straße zu ist es beheget von einer Mauer, von Feldsteinen und Leimen [Lehmziegeln] gemacht und mit Holz und Erde bedeckt. Zu diesem Gehöft gehört:

1. das Wohnhaus mit zwei Stuben, fünf Kammern und einer Küche; 2. die Scheune, in welcher zugleich der Schafstall und drei kleine Schweineställe; 3. ein langer Stall, darin ein Schweinestall, eine Häckselkammer, der Pferdestall, der Kuh- und Kälberstall und der Hühnerstall begriffen ist; 4. Ein räumlicher Hof mit einem Brunnen, Pforte und Thorweg; 5. ein Garten neben und hinter den Pfarrgebäuden: 6. ein Backofen an der Straße."

Obwohl diese umfangreiche Beschreibung eine reich ausgestattete, florierende Wirtschaft vermuten lässt, war dies mitnichten so; besonders das Wohnhaus des Pfarrers befand sich als Fachwerkbau aufgrund der schlichten Bauweise in einem schlechten Zustand und gab deshalb wiederholt Anlass zu Klagen. 1847 wurde das, nur wenige Jahre zuvor mit der ungeheuren Summe von 800 Talern instandgesetzte Haus als ein "durchaus schlechtes Haus" beschrieben, dessen dünne Mauern "wenig gegen die Kälte schützen" und in dem eine "recht üble, dumpfe Kellerluft herrscht".

Erst 1869 wurde das baufällige Gebäude abgerissen und ein neues Pfarrhaus aus gelb-bunten Ziegelsteinen erbaut. Einziger Schmuck des einfachen, unverputzten Baues war ein zwei Fenster breites Risalit, das mit einem flachen, schmucklosen Giebel abschloss.

Neben dem Pfarrhaus stand seit 1818 – auf dem Grund des zuvor abgebrannten Brauhauses – der Pfarrpächterhof, ein einfacher, strohgedeckter Fachwerkbau. Hier lebte die Familie des Pächters, der die zur Pfarre von Giesensdorf gehörenden Ländereien bewirtschaftete. Das alte Pfarrpächterhaus "blieb bis in die jüngste Zeit [Herbst 1924, T.L.] hinein eines der wenigen Wahrzeichen des alten Giesensdorf, und gern weilte das Auge auf dem alten Häuschen, das mit seinen weinberankten Wänden und seinem Strohdach einen so anziehenden Eindruck machte", schrieb Ulrich Muhs in der anläßlich der Einweihung des Gemeindehauses im November 1925 erschienenen Broschüre. Das 1924 entstandene, kleinformatige Ölbild von Louis Höhn zeigt stimmungsvoll den Zustand vor dem Abbruch des Pfarrpächterhofes und der Erweiterung des alten Pfarrhauses.

Die Planungen zu einem neuen Gemeindehaus im Bereich Lichterfelde Süd und die Errichtung desselben waren in kürzester Frist geschehen. Der Bedarf für verschiedene Räumlichkeiten zum Gebrauch der Gemeinde sowie eine Wohnung für den Pfarrer des Gemeindebezirks Süd bestand seit der Anstellung des Pfarrers Bergemann im Jahr 1916. Bedingt durch den ersten Weltkrieg, die Wirren der Nachkriegszeit und die Hyperinflation des Jahres 1923 kam es jedoch zu keinen konkreten Plänen. Im Mai 1924, als sich die finanzielle Situation der Gemeinde entspannt hatte, nahmen die Bauplanungen im Gemeindekirchenrat reale Formen an: Als Bauplatz wurde das große Pfarrhausgrundstück in der Berliner Straße 64 (heute: Ostpreußendamm 64) gewählt, und schon bald lagen zwei Entwürfe vor. Der erste stammte aus dem Kreis der Kirchenältesten (von Stadtbaumeister Pahl), der zweite von dem renommierten Architektenbüro Prof. Bruno Möhring (1863-1929) und Hans Spitzner (Lebensdaten unbekannt). Dieser Entwurf sah – da die Erwägung "so sparsam wie möglich" zu bauen im Vordergrund stand – eine Erweiterung und Ergänzung des bestehenden Pfarrhauses vor. Damit war einerseits das Material und andererseits auch die Form des Baues festgelegt: Ähnlich wie das alte Pfarrhaus umfasste der neue Flügel sechs Fensterachsen und musste aus dem gleichen gelblichen Ziegelmaterial errichtet werden wie das alte Pfarrhaus. Zwischen dem alten und dem neuen Flügel lag nun der repräsentative Haupteingang, der durch ein reich gegliedertes, aus bräunlichem Steinzeug gefertigtes Portal geschmückt wurde. Der Entwurf für das Portal stammte vom Bildhauer Gerhard Schliepstein (1886-1963), der u.a. auch für die Porzellanmanufaktur in Meißen und die Firma Rosenthal tätig war. Die Ausführung der aufwendigen Keramik übernahm die renommierte Firma Teichert in Meißen.

Nach dem Abbruch des Pächterhofes im Herbst 1924 gingen die Arbeiten rasch voran: Bis zum Jahresende 1924 konnten die Ausschachtungsarbeiten für den neuen Gebäudeflügel beendet werden. Der milde Winter 1924/ 25 erleichterte die Arbeiten erheblich, und so fand am 11. Januar 1925 die feierliche Grundsteinlegung statt. Nach nur vier Monaten, im April 1925, war der Rohbau schließlich vollendet. Doch hemmten auch unerwartete Ereignisse den Fortgang der Bauarbeiten: Zunächst waren bautechnische Schwierigkeiten beim Anschluss des Neubaus an das alte Pfarrhaus zu überwinden, denn die Fundamente des alten Ostgiebels waren nicht ausreichend und mussten aufwendig unterfangen werden. Im Hochsommer verhinderte ein allgemeiner Bauarbeiter-Streik für neun Wochen den Fortgang des Baues. So konnte der geplante Einweihungstermin, das Erntedankfest am 4. Oktober 1925, nicht eingehalten werden. Erst zum ersten Advent des Jahres 1925, der auf den 29. November fiel, wurde das Gemeindehaus in Lichterfelde Süd mit Gottesdienst, Schlüsselübergabe und Feier im Gemeindehaus festlich eingeweiht.

Die Innenräume des Gebäudes mussten verschiedenen Anforderungen genügen: Zum einen waren Wohnungen für den Pfarrer, den Küster, eine Gemeindeschwester und die alten Pfarrgutspächter vorhanden, zum anderen ein großer Gemeindesaal und weitere Gemeinderäume entstanden. Der Gemeindesaal, wie auch der Vorraum zum Saal folgten in ihren Formen dem späten Jugendstil, wie Möhring und Spitzner sie zuvor schon bei Landhäusern und Industriebauten verwandt hatten. Das östliche Treppenhaus mit dem großen Spitzbogenfenster und seiner repräsentativ gewundenen, hölzernen Treppe erinnert ebenfalls stark an die Villenarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts.

Eine Besonderheit des Gebäudes war der mit Laterne und Uhr bekrönte Turm, durch den die Gebäudemitte und das plastisch ausgeformte Hauptportal besonders betont wurden.

Infolge der Kriegshandlungen 1945 wurden die Laterne des Turms, die Fassade und auch das Portal zum Teil schwer beschädigt. Portal und Fassade wurden in den 1950er-Jahren ausgebessert, die Laterne verschwand jedoch, um dort die Glocken, die aus dem zerstörten Turm der Dorfkirche stammten, aufzuhängen. In diese Zeit fällt wohl auch der erste Fassadenanstrich mit gelber Farbe, der den Charakter der Ziegel nachahmen sollte.

Um 1960 fand die umfassende Modernisierung des Gemeindehauses statt, dieser fiel ein Großteil der bauzeitlichen Inneneinrichtung zum Opfer; lediglich Reste, wie etwa das östliche Treppenhaus, der Eingangsbereich und geringe Teile der ehemaligen Wandtäfelung sind unverändert oder verändert erhalten geblieben. Besonders massiv wurde dabei der Gemeindesaal verändert, indem man den Anbau mit dem Altarraum schuf und gegenüber – anstelle zweier Fenster – Außentüren einbaute sowie davor einen Windfang in Stahlbauweise errichtete. Außerdem wurde für den Saal eine größere Walcker-Orgel angeschafft, die fest an der alten Bühne eingebaut wurde. Schließlich musste auch die große, zweiflügelige Holztür am Hauptportal einer einfallslosen Stahltür weichen.

Bald nach Fusion der Gemeinden wurde das Haus innen wie außen behutsam saniert und den neuen Erfordernissen angepasst. Dabei erhielt das Hauptportal auch wieder eine Holztür, die der alten Tür nachempfunden wurde. Durch den Anbau eines Fahrstuhls an der Rückseite des Hauses haben nun auch Menschen mit Handicap unumschränkten Zugang zu allen Räumen.

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