ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.7.2019

Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer Roland Wicher

"So sei es Herr, die Reiche fallen, Dein Thron allein wird nicht zerstört. Dein Reich besteht und wächst bis allen Dein großer neuer Tag gehört." So lautet die letzte Strophe des Abendliedes "Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen" (Evangelisches Gesangbuch 266). Es ist die deutsche Übersetzung eines englischen Liedes aus der Missionsbewegung, gedichtet von John Ellerton von 1870, das sich übrigens Königin Victoria anlässlich ihres diamantenen Thronjubiläum 1897 wünschte. Es beschreibt im Grunde das weltweite Christentum, das den Erdball umspannt, und so ein immerwährendes Gebet ermöglicht. So vereint es eine moderne Erfahrung des Daseins auf dem Planeten Erde, der auf seinen Runden um die Sonne rollt, und so Tag und Nacht wechseln lässt, mit tiefer christlicher Frömmigkeit.

Foto: Lotz / GEP

Immer ist jemand wach, der betet. Immer ist es in einem Teil der Welt Tag. Während die weltumspannende Perspektive gut zu der des britischen Empires passte, ist es die Frage, wie es sich mit der Relativierung der Macht in der fünften Strophe verhält. Ob Königin Victoria hier eine Demutsgeste zeigen wollte? Das britische Königreich war nun alles andere als eine Wohltätigkeitsorganisation. Aber man stelle sich das Lied einmal vor bei heutigen Staatsfeierlichkeiten, vorgetragen in Gegenwart eines der Machthaber der großen Länder, die das Schicksal der Erde oder wenigstens wichtiger Erdregionen heute bestimmen, seien das China, Russland, die Vereinigten Staaten, oder auch die Türkei, Nordkorea...

Zu einem Zug zur christlichen Demut, der manchmal in der politischen Symbolik in Deutschland zu bemerken ist, mag das ja noch passen. Immer aber verweigert sich der Gedanke, dass die Reiche fallen, der triumphalen Aneignung – auch dann, wenn sie mit einem Schuss Demut abgemildert wird.

Schon Maria im Lobgesang am Anfang des Lukasevangeliums, dem Magnificat, stimmt diesen Ton an (Lukas 1,46-55). Gott stößt Mächtige vom Thron, versorgt die Hungrigen und lässt die Reichen leer ausgehen. Die Monatslosung klingt weniger konkret, Erste werden Letzte, Letzte werden Erste sein, wenn das Reich Gottes kommt. Das kann ja nun wieder nicht Anlass zu triumphalen Gefühlen auf der Seite der Anwälte von Benachteiligten sein. Um aus Neid geborener Abneigung, um so genannte Ressentiments, kann es hier nicht gehen. Hoffnung auf Veränderung zum Guten, im Kleinen wie im Großen, zu der motiviert uns die Bibel. Und Demut, wo wir zu den Bevorzugten gehören. Den Schwachen gilt Gottes Zuwendung. Daran muss sich dann auch Politik messen lassen. Wo sie gelingt, entspricht das Gottes Willen. Wo sie scheitert, oder gar willkürlich mit Füßen getreten wird, Stacheldraht und fehlende Mitmenschlichkeit oder auch Nachlässigkeit im Umgang mit den Gütern, die Gott uns schenkt, mit Natur und Geschöpfen Raum greift, da gibt der Gedanke Hoffnung. Gott wird es wenden, sein Reich komme. Zum Handeln und zum überlegten Urteil sind wir dann aufgefordert, wollen wir in seinem Sinn leben. Ein guter Vers, gerade in einem Wahlmonat.

Pfarrer Roland Wicher