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20.10.2017

Zum Monatsspruch für den Juli

von Björn Sellin-Reschke

Vor bald 100 Jahren hat der Theologe Ernst Lohmeyer zu diesem Bibelvers geschrieben: "Nur Steigerung ist in der Liebe möglich, niemals Sättigung."

An sich war Paulus mit der Gemeinde, die er in der Stadt Philippi gegründet hatte, sehr zufrieden. Paulus erkannte, wie sehr sie sich bemühte, Liebe zu leben. Doch er wünschte ihr, dass sie sich nicht satt und zufrieden zurücklehnt, sondern weiter in der Liebe wächst – durch neue Erkenntnisse und Erfahrungen.

Doch: wo kommt Gott eigentlich in diesem Monatsspruch vor? Ist es nicht ein allgemein gültiger Wunsch, dass Menschen Liebe erleben sollen, die das Potential hat, weiter zu wachsen? Wünschen wir solche große Liebeserfahrung nicht zum Beispiel jedem neu geborenen Kind, jedem Liebespaar, letztlich jedem Menschen ganz generell – ohne dass das mit dem christlichen Glauben zu tun haben muss?

Auffällig ist, dass Paulus in dem Bibelvers nicht extra benennt, wen das Wachsen in der Liebe als Gegenüber haben soll. Und so ist es gerade diese offene Weite bei Paulus, die deutlich macht: Er grenzt die Liebe in keine Richtung ein. Er wünscht den Glaubenden eine reicher werdende Liebe untereinander, genauso wie dem Nächsten gegenüber – der auch ein Fremder sein kann. Und eingeschlossen ist in diese Liebe auch diejenige für Gott. So wie Jesus es in der Frage nach dem höchsten Gebot zusammenfasst: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Markus 12,30f.)

Wie recht Lohmeyer doch hat:

Da ist immer noch eine Steigerung möglich. Da geht immer noch mehr! Mit der Liebe kommen wir nicht ans Ende. Sie bleibt stetig eine Aufgabe.

Doch diese Aufgabe können wir durchaus auch sportlich betrachten:

Mir fiel dazu ein, wie ich, als ich noch Student war, in den Sommerferien an geführten Alpenwanderungen teilgenommen habe. Da gibt es die Gipfel der Berge, die man teilweise über Stunden vor Augen hat und weiß: Dort oben will ich hin. Doch hat man diesen Gipfel schließlich erreicht, sieht man von diesem höchsten Punkt des Berges erst, dass sich dahinter schon der nächste Gipfel auftut, der noch höher ist. Und der Ehrgeiz packt einen: das könnte das nächste Ziel sein! Wie es wohl wäre, wenn ich erst dort an dieser Stelle stünde?

Auch die Gemeinde in Philippi hat – in den Augen des Paulus – schon einen hohen Gipfel der Liebe erreicht. Das erkennt Paulus an! Und doch ist es so, als ob er der Gemeinde, auf diesem Gipfel stehend, schmackhaft machen will, nun das nächsthöhere Ziel in den Blick zu nehmen.

Auf dem Abschlussgottesdienst des zurückliegenden Evangelischen Kirchentages hat eindrücklich Erzbischof Thabo Makgoba in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass Paulus die Liebe "radikal" denkt. Zunächst ist es die Liebe Gottes, mit der Gott sich uns radikal – weil bedingungslos – zuwendet. Dann aber "sind wir gefordert, andere mit unserer Liebe zu segnen", sagt Makgoba und er fordert auf: "seid radikal, dass ihr Liebe verschenkt!"

Erleichternd finde ich an dieser Stelle, dass sich sowohl der Erzbischof auf dem Kirchentag als auch Paulus in seinem Brief an eine ganze Gemeinde wendet – und nicht an eine einzelne Person.

Denn, wie schwer ist es für uns als einzelne, den Weg der Liebe durchzuhalten.

Wie oft kommen wir davon ab. Sei es durch eigene Unachtsamkeit – sei es durch Störungen von außen.

Eine Gemeinde aber bietet die Chance, dass Menschen in ihr immer wieder gestärkt und neu mit der Botschaft der Liebe ausgerüstet werden. So jedenfalls denkt Paulus sich das für seine Gemeinden.

Und mit dem Monatsspruch werden nun auch wir angeregt nachzudenken:

Wie würde es wohl aussehen, wenn UNSERE Liebe in der Gemeinde immer noch "reicher werden würde an Erkenntnis und Erfahrung"?

Kommen wir auf den Geschmack, zum nächsthöheren Gipfel aufzubrechen?

Björn Sellin-Reschke