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20.10.2017

"Rinnsteinkunst" mit christlichen Wurzeln
Vor 150 Jahren wurde Käthe Kollwitz geboren

von Christian Feldmann (GEP)

Käthe Kollwitz, Foto um 1915 – Foto: epd-bild

Am beklemmendsten sind ihre Kindergesichter: Als hohlwangige Elendsmasken, versteinert vor Angst, verzerrt in Schmerz und Hunger, starren sie aus riesengroßen, entsetzten Augen in eine Welt, in der es keinen Trost gibt, keine Märchen und Blumen, keine menschliche Wärme und vor allem keine Zukunftsperspektive. Verlöschende Greisengesichter, kaum geboren und schon am Lebensabgrund, grauenvolle Physiognomien, vor denen die bürgerlichen Volkserzieher mit ihren Idealen von Leistung und Kultur hätten verstummen müssen " hätten sie nur genau hingesehen. Doch die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz galt als "Rinnsteinkünstlerin" " verliebt in die schmutzigen Seiten des Lebens.

Mit dem Plakat "Deutschlands Kinder hungern!" für die IAH (Internationale Arbeiterhilfe) wendet sich Käthe Kollwitz gegen die Not infolge der Inflation (1923)

Aber was die vor 150 Jahren, am 8. Juli 1867 in Königsberg geborene Pazifistin und Antifaschistin hinterlassen hat, stellt keine Politpropaganda zu durchsichtigen Zwecken dar. Es ist erschütternde, beschämende Realität, tausendfach beobachtet in der Kassenarztpraxis ihres Mannes in einem Berliner Armenviertel. Was sich hier im Alltag der Großstadt an "stillen und lauten" Tragödien vollziehe, bemerkte sie einmal, könne man nicht oft genug schildern.

Ihr Vater hatte Jura studiert, fand mit seinen liberalen Ansichten keine Anstellung beim preußischen Staat und wurde Maurermeister, ihre Mutter war die Tochter eines Predigers. Käthes künstlerischer Weg führte sie von literarisch und historisch motivierten Themen (Bauernkrieg, Weberaufstand, das Gretchen in Goethes "Faust") zur Wiedergabe unmittelbarer Erfahrungen mit der Not. Heute ist längst klar, dass sie sich nicht als sozialdemokratische Agitatorin oder kommunistische Elendsprophetin abtun lässt.

Eine Bronze-Pietà von 1937 oder ihr für das Familiengrab in Berlin-Friedrichsfelde geschaffenes Relief "Ruht im Frieden seiner Hände" lassen ihre christlichen Wurzeln erkennen. Für ihren berühmten Zyklus "Ein Weberaufstand" hat Kollwitz ein (nicht ausgeführtes) Schlussbild entworfen, das im Stil eines mittelalterlichen Flügelaltars einen liegenden männlichen Leichnam mit Herzwunde und Dornenkrone zeigt und zu beiden Seiten Frauengestalten, die an mächtige Balken gefesselt sind. Ihr Text dazu: "Aus vielen Wunden blutest du, o Volk."


Schlussbild: "Ein Weberaufstand" (1937)

Dass die Armen und Geschundenen das Gesicht des leidenden "Gottesknechts" beziehungsweise das Antlitz Christi tragen, hat die jüdische Theologie immer schon gewusst und die christliche Befreiungstheologie im 20. Jahrhundert neu entdeckt.

Käthe Kollwitz starb am 22. April 1945, wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in Moritzburg bei Dresden.

Christian Feldmann Aus GEP (Gemeinschaftswerk der Ev. Publizistik)