ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juni 2017

18.3.2019

Mut und Gehorsam
Gedanken zum Monatsspruch

von E-Mail

Wer in der Schule noch Gedichte und Balladen auswendig lernen musste, erinnert sich vielleicht an Friedrich Schillers "Der Kampf mit dem Drachen". Auch, wenn die Ballade vielleicht nur noch in Bruchstücken im Gedächtnis hängt, so ist doch der Satz "Mut zeiget auch der Mameluck, / Gehorsam ist des Christen Schmuck" präsent.

Mamelucken hießen jene türkischen Militärsklaven, die man in Ägypten zur Unterstützung und als "Bodyguards" hochrangiger muslimischer Herrscher einsetzte. Irgendwann probten sie den Aufstand und erhoben sich selbst mit Erfolg zweieinhalb Jahrhunderte lang zu Herrschern.

"Mut und Gehorsam", wie passen sie zusammen und wie verhalten sie sich zueinander? Darum geht es – nicht nur in Schillers Ballade, sondern auch im Monatsspruch für den Juni. "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen", so heißt es kurz und prägnant in der Apostelgeschichte.

Es ist die Antwort auf den Vorwurf der damaligen religiösen Eliten an die Apostel, sie würden – entgegen aller Verbote – nicht aufhören, die Lehre von Jesus Christus zu verbreiten.

Die Aussage: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" war keine neue. Sie ist der Sache nach älter als das Christentum. Fast mit denselben Worten wie Lukas in der Apostelgeschichte die Apostel reden lässt, lässt der griechische Philosoph Plato in seiner "Apologie" (der Verteidigungsrede zugunsten des Philosophen Sokrates) diesen zu seinen Richtern sprechen: "Ich ziehe es vor, dem Gotte mehr zu gehorchen als euch".

Es ist wahrscheinlich, dass Lukas (der Verfasser der Apostelgeschichte) als gebildeter Mann die Plato-Stelle kannte und gleichsam als Vorbild genommen hat. Dabei hat ihn wohl in erster Linie interessiert, wie man dieser Frage nach dem Gehorsam genügen kann, auch wenn man nicht Plato oder Sokrates heißt, sondern einfacher Fischer und Zöllner ist. Denn die hat Jesus ja zu Aposteln berufen.

"Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." Dieses Wort ist seit jenen Tagen in Jerusalem in der Kirchengeschichte nicht mehr verstummt. Immer wieder hat es sich in besonderen Situationen Gehör verschafft: in der Zeit der Christenverfolgungen im Römischen Reich ebenso wie zu Beginn des "Konstantinischen Zeitalters" mit seinem immer stärker werdenden Anpassungsdruck an die nun christlich-katholische Wertordnung; in der Reformationszeit wie im "Kirchenkampf" des "Dritten Reiches", unter atheistischer wie unter "christlicher" Regentschaft der Gegenwart. Christen stehen zu ihrem Glauben in totalitären Staaten wie Nordkorea. Sie halten an der Botschaft Jesu Christi fest – trotz terroristischer Bedrohungen wie durch die Milizen des "Islamischen Staates". Ungezählte Christen haben ihr Leben gelassen, weil sie diesen Grundsatz nicht aufgeben wollten: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." Mehr und mehr hat sich die Spannung zwischen irdischem Machtstreben und jener "besseren Gerechtigkeit" Gottes, von welcher die Kirche zu reden und an welche sie zu erinnern hat, verschärft. Die Anlässe zum Konflikt zwischen Gottes- und Menschengehorsam nahmen auch zu, je stärker und unbedenklicher Staat, Wirtschaft und Technik alles Leben ihrem Gesetz zu unterwerfen suchten.

Die Fragen nach Inhalt und Reichweite des Gottesgehorsams sind also bis heute geblieben. Vielleicht sind wir zuweilen über diese Fragen auch zerstrittener denn je. Während die einen glauben, spätestens aus den Erfahrungen des erwähnten "Kirchenkampfes" gelernt zu haben, dass Kirche unmöglich "Kirche bleiben" und ihrer Aufgabe gerecht werden kann, wenn sie sich ausschließlich um die Reinheit ihrer Predigt kümmert, bekämpfen die anderen genau das als "Politisierung" des Christentums und verlangen, dass Kirche tabu sein muss für jede Form politischer Aktivität und Meinungsäußerung.

Angesichts dieses Hin- und Hergerissenseins ist ein Blick in den Text der Apostelgeschichte hilfreich. Dabei ist festzustellen, dass der "Widerstand" nicht das Erste ist, sondern es beginnt mit dem Glauben. Weil Petrus und die anderen Apostel glaubten und nicht verschweigen konnten, was sie "gehört und gesehen" hatten (Apg 4, 20), leisteten sie Widerstand. Angetrieben durch Gottes Geist, hat dieser Glaube Menschen in der Nachfolge Jesu in Bewegung gesetzt. Und er hat sie zwischen Mut und Gehorsam, zwischen Gott und menschlichen Institutionen hin und her pendeln lassen.

Nicht zuletzt Martin Luther verdanken wir die Erkenntnis, dass der Mut, wie er aus dem Glauben erwächst, den Gehorsam gegenüber Menschen wohl eingrenzt und ihm Schranken setzt, ihn aber nicht einfach aufhebt. Es heißt ja nicht: "Man soll den Menschen gar nicht mehr", sondern "Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen".

"Durch Gottesgehorsam begrenzter Menschengehorsam", vielleicht lässt sich der Monatsspruch dergestalt am besten in heutige Verhältnisse übertragen. Und das könnte unter den Bedingungen einer demokratischen Gesellschaft, in der wir dankenswerterweise leben, bedeuten: Mutig und kritisch gegen Stammtischparolen, die im Tiefflug über dieses Land ziehen, Stellung zu beziehen und jeder Form von Menschenverachtung mutig entgegenzutreten. Und mit Gottes Geist und Glaubensmut erfüllt, Zeugnis abzulegen von dem, was Christenmenschen in Bewegung hält.

Pfarrer Michael Busch