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23.4.2018

Gedenkfeier an der Säule der Gefangenen
Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde


Alina und Klaus Leutner (IKZ)


Ralf Wieland, Präsident des Abgeordnetenhauses


Irmela Mensah-Schramm ("Putzen gegen den Hass“)


Leonie Kern (Schülerin der Louise-Schröder-Schule)

Fotos: Reiner Kolodziej

Am 8. Mai fand am Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers Lichterfelde in der Wismarer Straße am Teltowkanal eine Gedenkfeier zum Ende des Krieges und der Diktatur statt. Prominente Redner, so der neue Schirmherr des Vereins Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde e.V. (IKZ), der Präsident des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland und Frau Mensah-Schramm ("Putzen gegen den Hass") waren geladen. Schülerinnen des Beethoven-Gymnasiums sorgten für eine stimmungsvolle musikalische Umrahmung, Schülerinnen und Schüler des Fichtenberg-Gymnasiums verlasen die Namen der Todesopfer aus diesem Lager.

Die Anwesenden wurden vom 2. Vorsitzendern der IKZ, Thomas Schleissing-Niggemann, überraschend begrüßt:

"Ich grüße Sie alle, die Sie genauso dämlich sind wie ich.
Ja, Sie haben richtig verstanden.
Wir stehen vor einem neuen Phänomen – da wird von manchen eine 180° Wende in der Erinnerungskultur gefordert. Nicht mit uns!
Wir sind nämlich Vertreter jener von Vertretern der AfD als dämlich bezeichneten Erinnerungskultur, indem wir hier stehen und an dieser Veranstaltung teilnehmen.
Wir stehen vor einem Denkmal der Schande, das an Terror und Willkür erinnert. Ein Denkmal, das von jenen Politikern gern als schändliches Denkmal bezeichnet wird.
In diesem Sinne bin ich gerne dämlich, ja ich bin sogar stolz darauf.
Aber wir wollen nicht in der Erinnerung verharren, wir wollen daraus auch den Mut schöpfen, uns heute gegen Hass, Intoleranz und Menschenverachtung zu wenden, für die Würde aller Menschen einzutreten."

Im Anschluss an die Feier waren alle zum "Nachmittag der Begegnung" ins Gemeindehaus am Ostpreußendamm eingeladen. Dort erwartete sie ein tolles Büfett, das Damen vom Seniorenarbeitsteam vorbereitet hatten: Salate, Würstchen und Buletten, belegte Brötchen und Kuchen.

Pfarrer Michael Busch hieß alle als Hausherr herzlich willkommen.

Nun konnten Schülerinnen und Schüler ihren Wissensdurst im Gespräch mit dem Zeitzeugen Josef Pileckis und seiner Frau Zofia und Irmela Mensah-Schramm stillen.

Rede von Leonie Kern

Sehr geehrte Damen und sehr geehrte Herren!

Mein Name ist Leonie Kern. Als ich gefragt wurde, ob ich eine Rede halten wolle zu der heutigen Gedenkfeier, fühlte ich mich etwas überrumpelt. Doch kurz danach schon wurde mir bewusst, dass es vieles gibt, was ich sagen möchte.

Eine kleine Begebenheit aus meinem Leben: Während meines Auslandsjahres in Kanada sprach ich mit einem Jungen, der kurz nachdem ich sagte, dass ich aus Deutschland käme, seinen Arm hob und Hitler parodierte. Ich wies ihn darauf hin, dass ich Jüdin sei und es abgesehen davon auch sehr respektlos ist, nur aufgrund meiner Herkunft Schlüsse auf meine politische Gesinnung zu ziehen. Nach mehreren Minuten, in denen er sich entschuldigte, schaute er mich an und fragte mich betreten, wie es denn überhaupt möglich ist, in Deutschland zu leben und eine Jüdin, zugleich aber auch eine Deutsche zu sein. Für ihn schien es wie ein Widerspruch in sich.

Im ersten Moment war ich schockiert. Im zweiten belustigt. Doch nach und nach kam ich zu dem Schluss, dass dieses fehlende Wissen und der fehlende Respekt ganz alltäglich sind.

Ich stehe hier mit Ihnen zusammen und schaue zurück auf eine Zeit von unendlicher Trauer, nicht enden wollenden Demütigungen, Verfolgung, Weg-Schauen, Weg-Hören, Barbarei und Unmenschlichkeit.

Tage des Gedenkens und auch der Trauer, wie der heutige, halte ich für unendlich wichtig. Für viele Menschen ist Trauer durchgehend präsent. Man kann Trauer nicht an- und wieder ausschalten. Sie überfällt einen. Sie ist unvorhersehbar.

Trauer kommt nicht nur bei den Opfern auf, sondern auch bei deren Kindern und Kindeskindern.

Ich bin durch meine Familiengeschichte sowohl als Täterin als auch als Opfer zu deklarieren. Doch genau dieses Schubladendenken ist das, was den kanadischen Jungen und manch Anderen wohl so durcheinanderbringt. Denn es waren meine Großeltern väterlicherseits, mein deutsches Erbe, welche unter Hitler in Deutschland lebten. Während meine jüdischen Großeltern mütterlicherseits in der UdSSR die Zeit unter Hitler überlebten.

Ich bin kein Opfer. Und Deutschland ist keine Nation von Tätern.

Vielmehr ist Deutschland mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem jemand wie ich vor Ihnen stehen kann und diese Worte sprechen darf. Das ist eine Errungenschaft der Demokratie. Genau deshalb, sollten wir diese erhalten und heute nach vorne und nicht nur zurückschauen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass sich die Anfänge des sogenannten Dritten Reichs in Wahlen finden lassen und das Fortschreiten des Grauens durch ein Nicht-Handeln und Nicht-Sehen-Wollen zugelassen worden ist.

Wir können den Lauf der Geschichte heute nicht mehr ändern. Doch eines können wir tun. Wir können die Weichen für die Zukunft sehr sorgfältig stellen und so verhindern, dass ein solches Grauen erneut zustande kommt.

Sagen wir: Nein zu Diskriminierung, Nein zu Vorurteilen und Nein zu Fremden-Hass.

Manchmal ist es wichtig, dass wir dies herausschreien, damit es alle mitbekommen. Und manchmal ist es auch wichtig, im Stillen zu handeln.

Dabei ist es egal, ob man bei einer Demonstration mitläuft oder einen fremdenfeindlichen Sticker von einem Laternenpfahl abreißt.

Keine gute Tat ist unwichtig. Und keine gute Tat bleibt ohne Wirkung.

Solche guten Taten beschreiben den Begriff Zivilcourage. Doch Zivilcourage bedeutet nicht nur offensichtlich zu handeln, sondern auch Unspektakuläres, wie das Wählen einer Regierung, die für Demokratie und ein Egalitätssystem eintritt. Eine Regierung, die für ein Miteinander und kein Gegeneinander steht.

In Deutschland steigt die Zahl der Hass-Verbrechen, rassistische Beleidigungen scheinen gang und gäbe zu sein und die Anzahl der Anhänger rechtsorientierter Parteien und Gruppierungen nimmt stetig zu. Rechtspopulisten sind auf dem Vormarsch, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern.

So sehr ich mir auch wünsche, all das Leid und die Trauer aus der Vergangenheit rückgängig machen zu können und in der Gegenwart zu verhindern, ist es eine nicht zu bewältigende Aufgabe für eine einzelne Person. Das hier und jetzt zu ändern liegt bei uns allen.

Ob klein oder groß, jung oder alt, Frau oder Mann, Jude oder Christ, Moslem oder Hindu ist nicht von Bedeutung. Es zählt, ob und wie wir handeln.

Denn letzten Endes ist es unmöglich, einen Menschen durch seine Herkunft, seine sexuelle Orientierung oder sein Geschlecht zu definieren. Und sollten wir dies in unserer Umgebung dennoch bemerken, sollten wir hinhören, hinsehen und uns einmischen.

Abschließend möchte ich eine Stelle aus dem Talmud zitieren:

Achte auf deine Gedanken,
denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte,
denn sie werden deine Handlungen.
Achte auf deine Handlungen,
denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten,
denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter,
denn er wird dein Schicksal.

Pressemitteilung der Initiative KZ Außenlager Lichterfelde:

Am 10. Juni 2017 wird die Initiative KZ Außenlager Lichterfelde (Verantwortlicher Thomas Schleissing-Niggemann) eine Rudi-Wunderlich-Gedenkfahrt durchführen.

Mit der Fahrt wollen wir an die gelungene Flucht des Häftlings Rudi Wunderlich am 10. Juni 1944 erinnern.

Wunderlich hatte seine Flucht mithilfe seiner Verlobten Martel vorbereiten können. Sie hatte ihm einen Monteursanzug und eine Brille verschafft. Zum Zeitpunkt der Flucht musste Wunderlich eine Wohnung im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt renovieren. Dort hatte er Zugang zu Radio und Telefon. So konnte er Lott kontaktieren, eine Frau, die bereit war, ihn zu verstecken.

Am 10. Juni 1944 nutzte er die Gewohnheit des aufsichtsführenden SS-Mannes zu baden und sich anschließend auszuruhen, um mit dessen Fahrrad quer durch Berlin zu fliehen.

Er vertauschte seine Häftlingskleidung mit dem bereitliegenden Monteursanzug und fuhr mit dem Fahrrad des SS-Mannes vom Wirtschaftsverwaltungshauptamt in Berlin-Steglitz "Unter den Eichen" bis zur Schliemannstraße Nr. 9 im Bezirk Prenzlauer Berg, wo Lott wohnte.

In dieser Wohnung lebte er versteckt ungefähr einen Monat, dann fuhr er mit der Bahn nach Leipzig zu seiner Verlobten Martel, die ihn bis zum Kriegsende an unterschiedlichen Orten unterbrachte.

Die Fahrrad- Gedenkfahrt der IKZ beginnt am 10. Juni 2017 um 10.00 Uhr "Unter den Eichen" 126-135 in Berlin-Steglitz, dem Ort des ehemaligen SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts.

Sie endet gegen 12.00 Uhr im Bezirk Prenzlauer Berg in der Schliemannstraße 9.

Es wird jeweils am Start und Ziel eine kurze Kundgebung mit einer Einführung zum Leben und der Flucht von Rudi Wunderlich geben.

Um Anmeldung der Teilnahme an der Fahrrad-Gedenkfahrt wird gebeten:

E-Mail

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