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21.9.2017

"Du siehst mich.", 1. Mose 16,13
Deutscher Evangelischen Kirchentag 2017

von Roland Wicher

Liebe Gemeinde,
seit Monaten blicken uns Kulleraugen an, auf orangenem Untergrund, erinnern an Kinderspielzeug, und provozieren. Einige reagieren mit einem Lächeln auf das Logo des Kirchentags, andere genervt. Manche finden das Motiv frisch, spielerisch, freundlich und darin auch verheißungsvoll. Der Protestantismus ist lockerer geworden, in den vergangen Jahrzehnten, sucht Anschluss an Kommunikationsformen unserer Zeit – nicht zuletzt an die der Werbung. Anderen ist das nicht ernst genug, zu sehr auf den Werbeeffekt abzielend, ohne Tiefe.

Das Auge Gottes, Gott, der uns sieht, das ist ein sehr altes Motiv. Vertrauen, sich geschützt wissen, von Gott, der uns Schutz bieten will. Dieses Motiv ist hier wichtig. Aber es kann mit dem Blick Gottes auch die verstörende Erfahrung verbunden werden, dass Gott nichts verborgen bleibt, auch nicht meine Abgründe und Fehler. Die Kernaussage unseres Glaubens ist aber, dass diese Angst unbegründet ist. Martin Luther und mit ihm die Männer und Frauen der Reformation haben betont, dass Gott gnädig ist, sich den Menschen zuwendet, auf sie achtet. Auch wenn einen die Plakate mit den Kuscheltieraugen stören, immerhin wollen sie einen freundlichen, sonnigen Gott vermitteln. Über das Gelingen kann man streiten, aber in schwierigen Zeiten wie diesen scheint mir noch wichtiger, Trost zu spenden – und ihn zuzulassen – und daraus gestärkt auf die Probleme unseres Lebens und wo nötig auch unserer Zeit zuzugehen. Im Vertrauen, dass Gott uns sieht und beschützt.

Ausschlaggebend für das Plakat ist die Losung des Kirchentags. Sie aber stammt aus einer sehr beachtenswerten Geschichte. In diesem Kapitel des 1. Buchs Mose geht es um Hagar und Ismael. Hagar ist die Magd von Sarah. Abraham und Sarah können miteinander kein Kind zeugen, sind bereits alt, und so soll auf Sarahs ausdrücklichen Wunsch hin Hagar einen Erben gebären. Hagar wird auch tatsächlich schwanger.

Sarah aber hält das dann doch nicht aus, und schlägt – wir können nur vermuten, wie – Hagar in die Flucht. Schlimm muss es sein, denn sie läuft in die Wüste, das Kind im Leibe, bis sie an einen Brunnen dort kommt. Ein Engel Gottes aber eilt ihr zur Hilfe, und verheißt auch ihrem Sohn Gottes Segen und reiche Nachkommenschaft. Hagar spricht: „Du bist ein Gott, der mich sieht“, und nennt den Brunnen: „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“.

Diese vielschichtige Geschichte enthält viele zeitgemäße Impulse, über die in den Diskussionen und Bibelarbeiten, den Gottesdiensten und Veranstaltungen des Kirchentags geredet werden wird. Vor allem zeigt sich Gott hier als einer, der sich Schwachen und Verfolgten zuwendet, einer Frau, die als Magd in einem problematischen Ohnmachtsverhältnis zu ihrer Herrin steht, deren Rechte eingeschränkt sind, die offenbar gar Verfolgung fürchtet und erleidet. Die Probleme, die Menschen auf der Flucht begegnen, sind hier greifbar. Die Gefahren des Wegs, die Zwischenstation an einem unbestimmten Ort, der wenigstens zeitweilig Schutz bietet. Ein Engel, der solche Verheißungen bereit hält, der Gottes Bewahrung verkörpert, verwirklicht. Daraus können wir durchaus auch einen Auftrag an uns hören, und die hebräische Bibel formuliert ihn auch ausdrücklich. Die Fremden, die Unfreien, die Armen zu sehen, wie Gott sie sieht, dazu sind wir aufgerufen.

Eine weitere Pointe ist im Blick auf diese Geschichte, dass sich die Muslime auf Hagar und Ismael zurückführen. Im Koran ist es nun nicht so, dass Hagar flieht, wohl aber erhält Abraham den göttlichen Auftrag, die Mutter und Sohn an der Stätte des heutigen Mekka zurückzulassen. Ismael wird mit Abraham die Kaaba bauen, das Heiligtum, zu dem heute noch jeder Muslim pilgern sollte, und von ihm stammen in dieser Tradition die Araber ab. Die Traditionen weichen ab, aber im Namen berühren sie sich mit denen des Judentums und des Christentums. Der Dialog der drei Religionen wird sicher auch viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bieten, während der Tage des Kirchentags und darüber hinaus.

Gespannt blicken wir also auf dieses Großereignis, zu dem wir als Gemeinde viel beitragen, als Gastgeber in privaten Wohnungen und Schulen und mit Ständen und einem Bus nach Wittenberg zum Abschlussgottesdienst. Wie können wir gute Gastgeber sein, für Reisende bei einem solchen Ereignis, aber erst recht für Menschen aus anderen Kulturen, die zu uns kommen aus der Not heraus? Wie können wir vor uns selbst und vor Gott bestehen? Woher ziehen wir selbst Hoffnung, wenn wir belastet oder in Nöten sind? Gott sieht uns, und er ist ein liebender, fürsorglicher Gott. Die Hoffnungsgeschichten der Bibel, wie die Geschichte Hagars, erzählen von diesem Gott, der uns sieht, und den wir dann auch schwungvoll feiern und loben können.

Ihr Roland Wicher

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