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25.7.2017

Eine neue Luther-Bibel?
Die neue Luther-Bibel

von Torsten Lüdtke

In der März-Ausgabe des "Schlüssel" war ein ausführlicher Artikel zur Neuausgabe der Lutherbibel als "Kraftquelle des Glaubens" abgedruckt. Einige der in der Einleitung von Heinrich Bedford-Strohm erwähnten Fakten gaben mir den Anstoß, mich nochmals näher mit ihnen zu beschäftigen.

Torsten Lüdtke

Lutherbibel, erschienen bei Hans Lufft, Wittenberg 1541

Luther als Übersetzer

Luther war nicht der erste, der die Bibel übersetzte. Der Gedanke, allen Gläubigen die Bibel in der Volkssprache zugänglich zu machen, ist wesentlich älter und wurde schon vor dem Zeitalter der Reformation beispielsweise durch den Gotenbischof Wulfila (oder Ulfilas) im 4. Jahrhundert oder durch den Straßburger Drucker Johannes Mentelin im Jahr 1466 umgesetzt. Lediglich Luthers Bibelübersetzung hat die Jahrhunderte in ungebrochener Popularität überdauert.

In der Antwort- bzw. Rechtfertigungsschrift "Assertio omnium articulorum M. Lutheri per bullam Leonis X. novissimam damnatorum" aus dem Jahr 1521 formulierte Luther den reformatorischen Grundsatz "sola scriptura" und damit zugleich das Schriftprinzip. Aus diesem Grund begann er auf der Wartburg mit der Übersetzung des Neuen Testaments. Bis September 1522 wurde das übersetzte Neue Testament in großer Auflage von Melchior Lotter in Wittenberg gedruckt. Trotz des Preises von anderthalb Gulden war die Auflage rasch vergriffen, und so wurde schon im Dezember 1522 die zweite Auflage, das "Dezembertestament", nötig, die einen verbesserten Text und korrigierte Bilder besaß. Bereits im Septembertestament hatte Luther auf gute Lesbarkeit gesetzt und verschiedene Begriffe der Alltagssprache seiner Zeitgenossen entlehnt. Wie er bei seiner Übersetzung des Neuen Testaments vorgegangen war, beschrieb Luther 1530 im "Sendbrief vom Dolmetschen":

"Das kan ich mit gutem gewissen zeugen, das ich meine höchste trew und vleiß drinnen erzeigt, und nye kein falsche gedancken gehabt habe, denn ich habe keinen heller da fur genomen noch gesücht, noch damit gewonnen, So hab ich meine ehre drinnen nicht gemeinet, das weis Gott mein Herr, sondern habs zu dienst gethan den lieben Christen, unnd zu ehren einem, der droben sitzet, der mir alle stunde so vil guts thut, das, wenn ich tausent mal so vil und vleissig gedolmetzscht, dennoch nicht eine stunde verdienet hette zu leben, odder ein gesundt auge zu haben, Es ist alles seiner gnaden und barmhertzigkeit, was ich bin und habe, Ja es ist seines theuren bluts und saüren schweißes, darumb sols auch (ob Gott wil) alles yhm zu ehren dienen, mit freuden unnd von hertzen."

Später gab der Reformator in seinen "Summarien über die Psalmen und Ursach des Dolmetschens" (1533) nochmals Rechenschaft ab über die Grundsätze seiner Übersetzungen. So wollte er einerseits eine für den Leser flüssige Übersetzung, andererseits wollte er dort, wo der biblische Wortlaut eine tiefere – auch theologische – Bedeutung besaß, die wortwörtliche Übersetzung vorziehen.

Die Übersetzung der Bibel

Die späterfolgende Übersetzung der gesamten Bibel und des Alten Testamentes war, wie Luthers Schüler Johannes Mathesius berichtet, ein Gemeinschaftswerk der in Wittenberg lehrenden Theologen. Mathesius, der als Student im Hause Luther lebte, berichtet in einer Predigt glaubwürdig über die Übersetzungsarbeit: Philipp Melanchthon habe den Septuagintatext vorbereitet, Caspar Cruciger die hebräische Bibel des Jakob Ben Chajim und Johannes Bugenhagen schließlich den Text der Vulgata. "Darauf proponieret dieser Präsident (Luther) einen Text und ließ die Stimmen herumgehen und höret, was ein jeder dazu zu reden hätte …" So wurde, in langer – wohl auch mühevoller – Arbeit nach und nach die gesamte Bibel Buch für Buch übersetzt. Wahrscheinlich ist sogar, dass dabei mehr Spezialisten mitwirkten, als Mathesius beschreibt.

Obwohl Luther und seine Mitarbeiter umfassende Kenntnisse bei der Übersetzung erwarben, und Luther – wie Mathesius behauptet – sich "etliche Schöpse abstechen ließ", um dadurch von dem Wittenberger Metzger die richtigen Namen der einzelnen Innereien zu erfahren, damit er Stellen aus dem Alten Testament, wie etwa im 3. Buch Mose die Verse 6–11, richtig übersetzen konnte, entsteht in den Auge des Lesers jedoch kein getreues Bild des Alten Orients oder der antiken Welt. Es ist größtenteils die Welt zur Zeit Luthers, die uns in der Lutherbibel begegnet: Nicht Sklaven und Sklavinnen, sondern Knechte und Mägde wie auch "Bürger desselbigen Landes" treten auf – und schließlich fressen die Säue, statt Schoten des Johannisbrotbaums, wie in Wittenberg üblich, die Braurückstände.

Im Jahr 1533 gab es direkte Vorbereitungen für die Gesamtausgabe aller Bücher der Bibel, die der Wittenberger Drucker Hans Lufft auf rund 900 Folioblättern in sechs Teilen mit je einem eigenen Titelblatt und eigener Blattzählung zur Leipziger Michaelismesse, die vom 4. Oktober bis zum 11. Oktober 1534 stattfand, vorlegte.

Die letzte Ausgabe, die noch Korrekturen von Luthers eigener Hand aufwies, erschien 1545.

Die Sprache Luthers

Sendbrief vom Dolmetschen, 1530

Die Übersetzung Luthers besticht noch heute durch ihre volksnahe Sprache und ihre Stilistik. Es gelang Luther, den oft schwerfälligen Stil der Vulgata in eine Form zu bringen, die der im Volk gesprochenen Sprache nahekam, ohne doch dabei die Eleganz der von den Humanisten gepflegten antiken Rhetorik und Stilistik zu vermeiden.

Luthers Geburtsort Eisleben und seine Wirkungsstätte Wittenberg gehören zum ostmitteldeutschen Sprachraum. An der Universität Wittenberg und in der Kanzlei des Kurfürsten wurde für deutsche Schriftstücke die sogenannte Sächsische Kanzleisprache (Meißner Kanzleideutsch) verwendet, die in den meisten Regionen des Heiligen Römischen Reiches verstanden wurde. Doch orientierte sich Luther bei der Wahl einzelner Wörter auch auf den oberdeutschen, fränkischen Raum hin – denn schließlich war die Reichsstadt Nürnberg ein zentraler Umschlagplatz, auch reformatorischer Ideen.

Zahlreiche Wortneuschöpfungen Luthers und geflügelte Worte aus Luthers Bibelübersetzung sind aus unserer Sprache nicht mehr wegzudenken, so dass der "Büchmann" in der Einleitung zu den "geflügelten Worten aus der Bibel" schreibt: "Es wird in dem Folgenden Luthers Bibelübersetzung zitiert, denn diese allein ist seit mehr als drei Jahrhunderten Volksbuch; und so findet man denn auch, weil sie das Volk aus der Bibel zitiert, Worte hier eingereiht, die streng genommen nicht biblisch, sondern luthersch[…] sind."

Einige dieser geflügelten Worte, die sich nahezu gänzlich von dem betreffenden Bibelvers abgelöst haben, wie etwa "das Licht unter den Scheffel stellen" fanden sich nicht mehr in neuen Ausgaben der Lutherbibel. Deshalb wurde die Erstauflage der revidierten Lutherbibel von 1975 auch scherzhaft als "Eimertestament" bezeichnet. Ein weiteres Beispiel für eine sprichwörtlich gewordene Stelle ist die Wendung "sein Scherflein beitragen" (vgl. Lk 21,2). Ein Scherf war zu Zeiten Luthers eine geringwertige Silber-, später auch Kupfermünze mit dem Wert von etwa einem halben Pfennig, die Luthers Übersetzung – wie auch im allgemeinen Sprachgebrauch – einen geringen, doch anerkennenswerten Beitrag bezeichnet.

Die Lutherbibel hat in allen ihren Ausgaben durch ihre bildhafte Sprache und ihre große Sprachkraft das geistliche Leben, aber auch unsere Sprache und unsere Kultur geprägt. Es ist zu hoffen, dass die Neuausgabe, die Lutherbibel 2017, ihren Anspruch nicht verfehlt – und als Kraftquelle des Glaubens im Jubiläumsjahr 2017 wahrgenommen wird.

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