ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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25.7.2017

Dafür bist du nicht zu klein!
Kirche mit Kindern

Liebe Eltern,
wenn wir mit Kindern bewusst durch die Passions- und Osterzeit gehen, dann gehören Begriffe wie Angst, Trennung, Trauer oder Tod unweigerlich dazu. Aber: können wir Kindern solch schwere Themen zumuten? Noch immer ist es üblich, Kinder nicht mit zu Beerdigungen zu nehmen. Oder den eigenen Schmerz bei einem Verlust nicht allzu offen vor den Kindern zu zeigen. Doch Kinder lassen sich nicht so einfach abspeisen. Entgegen der Pädagogik Piagets sind Kinder bereits sehr früh in der Lage, Stimmungen genau wahrzunehmen und sich sogar in die Lage anderer hineinzuversetzen. Selbst wenn sie noch nicht genau verstehen, was passiert ist: sie spüren sehr genau, dass die aufgesetzte Fröhlichkeit der Mutter nicht zu ihrem wirklichen Gefühlszustand passt. Da ist es doch viel besser, offen und ehrlich mit den eigenen Gefühlen umzugehen – und nicht erst im Extremfall, sondern dies schon früh einzuüben und vorzuleben.

Traurig sein: dieses Gefühl kennen alle Kinder: sie trauern, wenn die Bezugsperson zu lange auf sich warten lässt. Sie trauern, wenn der geliebte Stoffhase verschwunden ist oder ein sehnlicher Wunsch nicht in Erfüllung geht. Sie trauern, wenn das Haustier stirbt oder die Eltern sich trennen. Sie trauern, wenn sie von etwas Liebgewonnenem Abschied nehmen müssen – und das passiert täglich, denn unser Leben ist ein Leben der Übergänge, die gestaltet werden wollen. Dazu gehören der Abschied vom geschützten Raum im Mutterleib bei der Geburt, der Übergang vom Elternhaus in die Kita, von der Kita in die Schule, um nur einige Beispiele zu nennen. "Abschiedlich leben" ist hier das Stichwort: immer vorbereitet sein auf Abschied und Neubeginn, so wie es Hermann Hesse trefflich in seinem Gedicht "Stufen" beschreibt. Stufe um Stufe durchschreiten wir neue Räume und "es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden."

Kleine Wahrnehmungsübung: Laden Sie die Kinder ein, einmal kurz innezuhalten in ihrem Tun und die Tätigkeit dann ganz bewusst in Zeitlupe zu wiederholen. Wie fühlt sich das an? Aus dieser Intensität heraus erfolgt dann das bewusste Sich – Verabschieden von der Tätigkeit und der Beginn einer neuen Aktion. Wir erfahren: wir selbst sind die Handelnden und wir entscheiden uns zu jeder Zeit, Neues zu beginnen.

Solch kleine Übungen helfen Kleinen und Großen, auch die kleinen Abschiede achtsam wahrzunehmen und sich zu üben im "abschiedlich leben." Bei den großen Abschieden im Leben hilft das Wissen, dass Kinder ganz anders trauern, als wir es tun. So verbinden Kinder bis zum zweiten Lebensjahr noch gar keine Vorstellungen mit den Begriffen Sterben und Tod. Im Kindergartenalter ist dann zu beobachten, dass das Zeitverständnis noch nicht voll ausgebildet ist, und Begriffe wie "nie", "immer" oder "endgültig" nicht vorstellbar sind. Es ist daher durchaus normal, dass aus Kindersicht ein Mensch nur ein bisschen tot ist, und das müssen wir Kindern nicht ausreden. Auch müssen wir nichts "richtigstellen", wenn der 3 ½ -jährige Ben bei der Beerdigung seines Vaters tröstlich feststellt, dass auf dem Grab nebenan ja jemand liegt, den Papa gekannt hat: "…dann können die ihre Hände rausstrecken und sich besuchen." Was auf den ersten Blick wie eine Szene aus einem Gruselfilm anmutet, birgt so viel Tröstliches. Für das Kind, aber vielleicht doch auch für uns als Erwachsene mit unserem Wissen, dass der Tod unwiderruflich und endgültig ist und ausnahmslos alle Menschen betrifft. Führt uns die Vorstellungskraft der Kinder, dass der Tod eben nicht das Ende ist, sondern er uns weitere, andere Dimensionen eröffnet, nicht geradezu hinein in eine Denkweise, in der auch Auferstehung verständlich wird?

Ja, wir dürfen unsere Kinder mit Trauer und Tod konfrontieren – und von ihnen lernen, was alles möglich ist. "Abschiedlich" und aufmerksam leben, wahrnehmen was ist, loslassen was war, und den Mut haben, neu anzufangen – das wünsche ich Ihnen mit Blick auf das kommende Osterfest!

Es grüßt Sie herzlich,

Ulrike Labuhn