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15.12.2017

Vegan, halal und Currywurst – Die religiöse Dimension des Essens
Der theologische Artikel

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Foto: Tim Reckmann @pixelio.de

Neulich zwischen zwei Terminen reichte meine Zeit mal wieder nicht für ein Mittagessen in Ruhe. Folglich musste ein Stopp an der Wurstbude die dringendsten Hungerbedürfnisse stillen. Da stand ich nun mit einer Portion Currywurst und Pommes zwischen Handwerkern und Berufsschülern, hörte Informationen über Wanddurchbrüche und Pfusch am Bau und den neusten Modetrends. Herbert Grönemeyers Lied "Currywurst" ging mir durch den Kopf, nachdem der Ketchup sich in einem gar nicht so kleinen Fleck auf meiner Jacke platziert hatte. Ebenso plagte das schlechte Gewissen, dass ich hier nun stand und ein in allen Belangen ungesundes Produkt mit problematischen ethisch-politischen Verquickungen zu mir nahm. Von den gesundheitlichen Folgen ganz zu schweigen. Ich tröstete mich damit, dass mein Besuch an der Currybude eine Ausnahme war, dass mich mein Weg nicht zu einer der großen Burgerketten führte und somit in Teilen politisch korrekt war, und dass ich ganz nah am Puls des Lebens war, mittendrin im Alltag der Menschen.

Sag mir, was du isst und ich sage dir, wer du bist. Stimmt sicher nicht immer, aber ein Körnchen Wahrheit ist schon dran an dieser Volksweisheit. Spätestens seit der Mensch die Steinzeithöhlen verlassen hat, ist Essen auch zu einem Stück Kulturgeschichte geworden. Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme, es ist eine physische und soziale Grunddimension des Lebens. Selbst säkulare Essensregeln sind gemeinschaftsprägend: Wer isst mit wem? Wer sitzt wo zwischen Ehrenplatz und "Katzentisch"? Was kann man Gästen anbieten, was nur in der Familie? Wer bestimmt, was gegessen wird?

Vor allem gehörte das Essen immer auch zur religiösen Befindlichkeit der Menschheit dazu. Juden essen koscher, Muslime halal, Mormonen verzichten auf Tee, Kaffee und Alkohol. Traditionelle Katholiken essen freitags kein Fleisch; dieser Brauch lebt in vielen Kantinen und auch Familien als freitägliches Fischgericht fort. Hinzu kommen Fastenzeiten mit festen Regeln. Orthodoxe Christen leben vor Ostern vegan. Manche Religionen sind völlig vegetarisch oder gar vegan. Der Protestantismus, dem Speisegebote fehlen, bildet hier eine Ausnahme. Vielleicht liegt auch hierin ein Grund, warum so viele bei der Fastenaktion "Sieben Wochen ohne" mitmachen.

Religionspsychologisch betrachtet haben Speisegebote eine identitätsstiftende Funktion. Im Mittelpunkt steht dabei nicht der Einzelne sondern die religiöse Gruppe. Wo gehöre ich hin? Was ist mein Wurzelgrund? Aus diesem Grund erging an die Israeliten die Aufforderung, das Passahmahl zu halten, damit die Kinder "Warum?" fragen und die Gründungsgeschichte ihres Volkes hören (2. Mose 12,16f).

Speisegebote führen aber auch zu Abgrenzung nach außen. Das ist keinesfalls immer eine Nebenwirkung, sondern durchaus auch Zweck. Aus praktischen und kultischen Reinheitsgründen sind einer interreligiösen Essensgemeinschaft Grenzen gesetzt. Darum sollen sich die Israeliten von den Kanaanäern nicht einladen lassen (Exodus 34,15), und darum ist es so provokant, wenn Jesus mit den Randsiedlern der Gesellschaft an einem Tisch sitzt und isst.

Traditionell werden Speisegebote mit religiösen Heilshoffnungen begründet. In den letzten Jahren hat sich das Essen selbst mittlerweile zu einer Weltanschauung und manchmal zu einer Art Ersatzreligion entwickelt. Ging es bei der Betrachtung des Essens vor einigen Jahren vor allem um Fragen wie ausgewogene Nährstoffaufnahme, Körpergewicht und Geschmack, stehen nun weit größere Anliegen im Vordergrund. Kaum eine Lehre verspricht dabei so viel und ist so schnell gewachsen wie der Veganismus. Er ist zu einer sozialen Bewegung geworden mit quasi religiösen Zügen. Ganze Superketten sind entstanden und innerhalb der Szene tobt nicht selten eine Auseinandersetzung, die an Konfessionskriege erinnert.

Im Veganismus der Gegenwart werden die Ernährungsregeln selbst zum Heilsversprechen und es finden sich Erscheinungsformen fundamentalistisch -religiöser Gemeinschaften mit entsprechenden Abschottungstendenzen. Viele Veganer schildern ihre Entscheidung als "Umkehr" und Bekehrungserlebnis, wobei Heilungswunder oder mindestens eine verbesserte Lebensqualität den Anfang machen. Die weiteren Schritte führen dann zu einem globalen Heilsversprechen mit einem universalen Anspruch auf Gültigkeit für alle Menschen.

Es ist sicherlich positiv zu bewerten, wenn die vegane Bewegung die Aufmerksamkeit auf exzessiven Fleischkonsum lenkt und auf eine Tierhaltung, die als ethisch bedenklich gesehen werden muss. Problematisch sind allerdings die monokausalen Problemanalysen und unbegrenzten Heilsversprechen. Wie bei allen menschlichen Versuchen, das Leid des Lebens an einem archimedischen Punkt aus den Angeln zu heben, wohnt ihm hier und da auch ein bisweilen totalitäres Element inne. Hier ist aus christlicher Perspektive an die Grenzen menschlicher Selbsterlösungsversuche zu erinnern. Veganismus macht uns nicht unsterblich und rettet nicht die Welt. Und auch beim Essen gilt: Das Gesetz ist um des Menschen, nicht der Mensch um des Gesetzes willen da. Und beide, Allesesser und Veganer, sind eingeladen zu "sehen und zu schmecken, wie freundlich der Herr ist".

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine sinnstiftende Passions- und Fastenzeit.

Ihr Pfarrer Michael Busch