Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Projektbericht zum Freiwilligendienst im Castrum Peregrini
ASF – Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste

Im Gottesdienst am 4. September 2016 in der Petruskirche verabschiedete unsere Gemeinde mit Pfarrer Michael Busch drei Jugendliche, die dann ihr "Freiwilliges Jahr" mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienst begannen. Wir haben von allen drei einen Bericht erhalten. Hier die Zusammenfassungen der Berichte von Ruby Eshun und Friederike Kessler und der ausführliche Bericht von Leon Laskus.

Stephanie Habedank-Kolodziej

Ruby aus Hamburg ist mit 6 weiteren Freiwilligen von ASF in New York im Einsatz, wo sie sich in Midtown Manhattan mit Sozialarbeitern um einkommensschwache und sozial benachteiligte Menschen kümmert. Denen wird in einigen Gebäuden der Organisation "Clinton Housing Development" unterstütztes Wohnen ermöglicht. Mit "Action Reconciliation for Peace", wie ASF in Amerika heißt, ist sie zuständig für viele Angebote oder Events verschiedenster Art für die Bewohner dieser Häuser. Sie wird einen Deutschsprachkurs leiten. Besonders wichtig sind ihr immer die ausführlichen Gespräche mit ihren "Klienten", in denen man sich über Deutschland und die USA austauschen kann.

Friederike aus Süddeutschland arbeitet in der jüdischen Gemeinde in Prag. Zu Fuß oder mit dem Auto versorgt sie manche Mitglieder mit dem täglichen Mittagessen. Mehr Freude machen ihr die Besuche bei den Alten der Gemeinde, wenn sie deren Freizeit oder tägliche Besorgungen unterstützen kann. Im jüdischen Altersheim kann sie auch ihre musikalischen Fähigkeiten, sie spielt Klarinette und Klavier, gut nutzen und bei vielen Gelegenheiten einsetzen. Für Kontakte und weitere Infos über ihr Leben in Prag hat sie ihre mail-Adresse angegeben: E-Mail .

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Ich (dritter links) mit anderen ASF Freiwilligen der Niederlande auf dem Vorbereitungsseminar in Egmond Binnen. By Friedrich Meester

Nun ist schon ein Drittel meines Freiwilligenjahres vergangen, und ich habe jetzt schon viel erlebt in der Hauptstadt des Königreiches der Niederlande. Ich danke euch allen herzlichst, dass ihr mir dieses Jahr ermöglicht. Es ist nicht nur ein Jahr. Es ist ein Erlebnis, das mich auf ewig begleiten wird.

Beginnen möchte ich am Anfang. Der Freiwilligendienst startet, wie bei jeder ASF-Generation, mit einer Vorbereitungswoche in Hirschluch, nahe Berlin, bei der alle Freiwilligen zusammenkommen, bevor wir hinaus in die Welt gesendet werden. Es kommt ein ASF-Spirit auf. Jeder hat die Vorfreude, dass es nun endlich losgeht, man ist gespannt, ob sich seine Vorstellungen realisieren, und ob man finden wird, was man sucht. Ich denke, es ist zurzeit wichtig, dass wir das tun, versuchen ein Zeichen zu setzen und der Welt zu zeigen, dass wir sie offen und frei haben wollen ohne Einschränkungen aufgrund von Herkunft, von Hautfarbe, von Sexualität.

Ende der Woche gestärkt mit unzähligen Kohlenhydraten heißt es dann: "eaving Hirschluch on a – jetplane or car or bus or train. Farewell, macht’s gut. Auf Wiedersehen!". In meinem Fall ging es mit dem Zug von Berlin nach Amsterdam. Wir kamen nach langer Fahrzeit an in dem Weltstadtrummel, bekamen unsere Zimmer und aßen gemeinsam zu Abend. Die Sonne schien, keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen, und wir alle waren geblendet von all den wunderschönen Grachtenhäusern, den Reflexionen im Wasser und dem unvergleichbaren Charme von Moskum, hebräisch für Amsterdam.

Zusammen angekommen, verbrachten die Freiwilligen der Niederlande Orientierungstage speziell für das neue Land. Wir lernten uns besser kennen, erzählten von unseren Familien, zermarterten uns den Kopf darüber, wer wir sind und was uns in unserer Geschichte ausgemacht hat. Wir erfuhren auch von den Traditionen in den Niederlanden, wie z.B die eine althergebrachte Weihnachtstradition des Gehilfen des Weihnachtsmannes Piet, der in den Niederlanden stetig für Diskussionen sorgt, da er offensichtlich aussieht wie ein Sklave aus der Kolonialzeit, der dem weißen Sinter Claas dient.

Selbstporträts der Künstlerin Gisèle in ihrem Atelier

Mein Projekt heißt "Castrum Peregrini" und bedeutet "Burg der Pilger". Es ist eine kulturelle Stiftung in einem Haus mit viel Geschichte. Es geht dabei um Kultur, Freiheit und Freundschaft, welche die Stiftung bewahren möchte. Das Castrum Peregrini ist nicht einfach eine Stiftung in irgendeinem Büro in irgendeinem Grachtenhaus, sondern gründete sich nach den Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges durch die Künstlerin Gisèle van der Waterschoot van der Gracht, den deutschen Dichter Wolfgang Frommel und die deutsch-jüdischen Untertaucher, die zuvor gemeinsam die Kriegsjahre in einem kleinen Appartement in jenem Hause an der Herengracht in intensiver Freundschaft durchstanden und überlebten. Zusammen mit Wolfgang Frommel lehrte Gisèle die jungen Untertaucher, Freiheit auszuleben trotz ihrer Gefangenschaft in der Wohnung ohne Küche, die ursprünglich ein Büro war, denn die Untertaucher konnten sich damals nicht auf den Straßen blicken lassen. Die Kunst war eine Methode, um die räumliche Gefangenschaft zu kompensieren. So lernten sie die Literatur kennen, lernten Zeichnen, Malen und Dinge zu poetisieren.

Gisèle, die hier 70 Jahre lebte, arbeitete und letztlich auch genau hier starb, ist sicherlich die Person, die die Stiftung und das Haus zu dem gemacht hat, was es ist. Mit den aus den Kriegsjahren herauskristallisierten Leitwerten Kultur, Freundschaft, Freiheit, versucht die Organisation mit Events wie Lesungen, Workshops, Partnerbündnissen mit Museen und Stiftungen und sonstigen Veranstaltungen, diese Werte in der Gesellschaft zu erhalten. Dieses Haus soll nicht nur eine Gedenkstätte sein, kein Monument oder Ähnliches. Es soll nicht aussterben, sondern weiterleben. Es ist ein "Intellectual Playground" für Intellektuelle, Künstler, Interessierte und ist für jedermann offen.

Ich (hinten) nach der Antwort auf eine digitale Frage im Büro. Vorn Amie Dicke (Künstlerin). By Frans Damman

Besonders toll an dem Haus und der Stiftung sind die vielen interessanten Leute, die man antrifft und die angezogen werden. Gerade weil das Castrum nicht so sonderlich bekannt ist wie im Gegensatz das Anne-Frank-Haus, trotz vergleichbarer Geschichte, hat es einen eher kleinen Kreis von Besuchern. Viele neue Besucher sind nach den Führungen durch die Untertaucher-Etage, dem anschließenden Besuch des Ateliers von Gisèle und ihrer Wohnräume, sowohl von der Geschichte, als auch dem Ort hellauf begeistert. Wie oft habe ich Gruppen mit strahlenden Gesichtern gesehen, sagend: "Dat is fantastisch". Es liegt an der Kunst, die in buchstäblich jeder Ecke zu finden ist. Gisèle passte ihr Umfeld auf das Tiefste ihrem Stil, ihrem Geschmack und ihrer Persönlichkeit an. Und es ist der Geist, etwas, das stetig zu spüren ist. Es ist schwer zu beschreiben. Man muss es gesehen haben. Ich lege es jedem nah, diesen wunderschönen Ort zu besuchen, wenn man die Möglichkeit hat.

Mein erstes Mal in meinem Projekt war eine Vernissage. Also ein sehr ungezwungener erster Tag. Ich lernte einige meiner neuen Kollegen kennen, bekam einen Eindruck, wo ich eigentlich gelandet bin. Es war eine Ausstellung über "Like & Love". Wo ist die Grenze zwischen den beiden? Wo hört das eine auf und wo beginnt das andere? Ist es flüssig? Und wie viele Arbeiten, die hier im Atelier von Gisèle ausgestellt werden, beschäftigten sie und ihre Untertaucher sich schon mit diesen Fragen. Es hat also alles, was hier geschieht, einen Bezug auf die Geschichte, denn "we are what we remember". Einer der belangreichsten Sätze der "Memory Machine" Castrum Peregrini‘s.

Ich werde oft gefragt, was ich hier nun eigentlich mache. Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin der Junge für alles. Meine Aktivitäten sind vielfältig. Ich spüle Geschirr, mache die Einkäufe, sorge dafür, dass die Lobby stets einladend bleibt, beantworte Mails und helfe bei der Administration. Wenn Veranstaltungen stattfinden, dann bin ich im Hintergrund und mache es praktisch möglich. Wenn wir Gäste haben, die zum Beispiel eine Tour durch das Haus bekommen, heiße ich sie willkommen, lade sie ein zu einer Tasse Kaffee. Die Arbeit ist also sehr abwechslungsreich. Ich arbeite nicht mit am Programm. Des Weiteren vermietet die Stiftung im Haus Airbnb Appartements, bei denen man die Check In, Check Outs und auch die Vorbereitung der Zimmer für die nächsten Gäste übernimmt. Ab und zu habe ich auch eine Antwort auf digitale Fragen und trage hier und da etwas den unendlich lang erscheinenden Weg die Treppen hoch. Die Treppen halten einen fit wie ein Turnschuh, wie auch die Künstlerin Gisèle selbst, die es zu dem beachtlichen Alter von über 100 Jahren brachte und 2013 in der 'Burg der Pilger' verstarb. Mein Aushelfen ist also tagesabhängig, abhängig von der Agenda.

Ich bin aber davon überzeugt, dass ich der Stiftung mit dem was ich bisher mache, helfe. Ich hoffe, dass ich innerhalb des Projekts noch mehr Möglichkeiten finde, mich in der Stiftung zu engagieren und mehr in anderen nicht-praktischen Bereichen helfen zu können, denn manchmal möchte man hier einfach mehr machen und am liebsten am Ganzen mitwirken. In Zukunft darf ich einen Artikel für die nächste Ausgabe des hauseigenen Magazins verfassen. Dabei soll ich beschreiben, inwiefern mich das Haus, die Institution und Menschen inspirieren.

Mit Niederländisch geht es voran. Ich hatte es mir zu Beginn des Jahres einfacher vorgestellt, es zu lernen. Mit meinen vier Arbeitskollegen kann ich Niederländisch sprechen. Sie können aber auch Deutsch. Ich gebrauche auch die Zeitungen und Bücher, um die Sprache zu lernen oder um sie zumindest lesen zu können. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie ähnlich die deutsche der niederländischen Sprache ist. Anfangs kann man schon über Niederländisch lachen, weil es sich beinah anhört wie ein deutscher Dialekt. Am Ende des Jahres möchte ich es fließend sprechen können. Obwohl das manchmal schwer ist, da hier fast jeder Englisch benutzt, sobald sie merken, dass du eigentlich kein Niederländisch sprichst. Denn Englisch benutzt man in Amsterdam täglich. Ich habe gelernt, es im Alltag anzuwenden, was mir große Freude bereitet. Gerade in Amsterdam wird in jedem Geschäft, bei der Arbeit, oder, oder, Englisch gebraucht. Das Umschalten zwischen drei verschiedenen Sprachen macht Spaß, ist aber natürlich auch mal verwirrend.

Im Allgemeinen gefällt es mir sehr gut. Sowohl das Castrum Peregrini, durch die wunderbar inspirierende Atmosphäre, als auch Amsterdam. Stetig bin ich dabei, Amsterdams Galerien, Museen, Veranstaltungen, Bars und kulinarische Köstlichkeiten und neue Ecken der Stadt zu entdecken. Amsterdam ist eine kleine Stadt und doch groß. Amsterdam ist vielfältig, einzigartig, offen und international. Manchmal ist die Stadt auch erdrückend: voller Menschen in engen Gassen, und dann noch die ganzen Fahrräder... Ich freue mich schon auf den Frühling, um auch mal wieder in einem der wunderschön angelegten Parks mit den anderen Freiwilligen zu picknicken.

Zuletzt möchte ich noch euch, liebe Patinnen und Paten, Unterstützer, und meiner lieben Familie, einmal sagen, wie sehr dankbar ich dafür bin, dass ihr mir die Erlebnisse, die ich schon erfahren habe ermöglicht habt. Ich lerne neben Sprache auch einiges fürs Leben durch die vielen bunten Eindrücke und Bekanntschaften. Man fühlt sich hier manchmal wie in einem anderen Universum oder als Träumer.

Leon Laskus

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