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26.3.2019

Erinnerungen an die Schwatlostraße, Lichterfelde-Süd, Anfang der dreißiger Jahre
Damals war's – Thema: Erinnerungen

Die Schwatlostraße verläuft als Sackgasse parallel zum Ostpreußendamm (ehem. Berliner Straße). Bereits vor 1878 wurde sie nach dem Architekten Carl Schwatlo (1831–1884) benannt, der zeitweise in ihr wohnte.
Renate Gries wurde 1930 geboren und wohnt jetzt im Rhein-Sieg-Kreis. Ihre Erinnerungen erschienen bereits in der "Steglitzer Heimat" des Heimatmuseums Steglitz, Heft 2-2000, Seite 12 ff.
Wir danken ihr, dass sie uns freundlicherweise eine extra von ihr korrigierte Fassung zur Veröffentlichung zur Verfügung stellte.

Schwatlostraße 6 und 6 A – Foto: privat

Meine Eltern zogen mit uns drei Kindern Anfang 1931 von Steglitz in die Schwatlostraße 6A. Das Haus, der Garten, die ruhige Straße mit den angrenzenden Wiesen – das war unsere Welt. Die andere Hälfte des Doppelhauses bewohnte ein Senatspräsident mit einem Portier-Ehepaar. Deren Sohn Günter war unser Spielgefährte, ebenso Gretchen, die ein paar Häuser weiter wohnte. Zu dieser Zeit war es nicht üblich, sich übermäßig mit den Kindern zu beschäftigen. Die Erwachsenen gingen ihren eigenen Aufgaben und Interessen nach. Auch Alwine und später Else aus Biesenbrow hatten alle Hände voll zu tun. So konnte es auch passieren, dass eines Tages die Feuerwehr vor dem Hause stand, denn mein Bruder Wolfgang und besagter Günter saßen als Kleinkinder hochoben auf dem Dach, während besorgte Nachbarn Zeichen machten, dass sie sich nur nicht bewegen sollten. Als schließlich die Leiter aufgefahren werden sollte, erhoben sich die beiden, verschwanden durch eine Dachluke und erhielten später eine gehörige Tracht Prügel.

Über Günters Schlagfertigkeit konnte meine Mutter noch im Alter herzhaft lachen. So wurde er öfter zum Essen eingeladen. Als es einmal Linsensuppe gab, starrte Günter entsetzt auf die Suppenterrine. Dann rief er: "Da fallt mir ja in, ick derf janich bei ihn essen!", und weg war er.

Eine Attraktion für uns war der Milch-Bolle-Wagen, der uns immer ein Stück mitnahm. Und jeden Sonnabend kam Herr Grabow mit einem Rucksack voller Lebensmittel. Er hatte ein Kolonialwarengeschäft in der Nähe und zahlte seine Miete in Form von Naturalien. Wir standen dann wie die Orgelpfeifen und beobachteten gespannt das Auspacken, bis endlich unsere heiß ersehnte Zuckerstange zum Vorschein kam. Als wir uns 60 Jahre später daran erinnerten, überlegten wir ernsthaft, ob diese Zuckerstange einfarbig oder mehrfarbig gestreift war. An der Ecke der Schwatlostraße war eine Mühle, und wir waren stolz, dass wir als Kleinkinder schon dorthin zum Einkaufen von Schrippen und Knüppeln geschickt wurden.

Mein Bruder und Günter wurden Ostern 1935 in die nächste Volksschule eingeschult. Mein Bruder war noch keine 6 Jahre alt, und bald wurde meine Mutter zur Schule bestellt. Der Lehrer legte vorwurfsvoll das Schreibheft vor sie hin; auf der rechten Seite war vorschriftsmäßig geschrieben, aber jeweils auf der linken Seite sah meine Mutter mit Entzücken Zeichnungen des "Schienenzeppelins" – kurz, sie musste beteuern, dafür zu sorgen, dass Söhnchen in der Schule nur tat, was verlangt wurde.


Schienenzeppelin von Franz Kruckenberg – Foto: Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, Historisches Archiv

Aber dieser "Schienenzepp", wie er von den Berlinern genannt wurde, bedeutete unsere ganze Kinderseligkeit. Wir brauchten nur auf die Wiese gegenüber zu laufen, dort raste er vorbei. Um eine bestimmte Zeit am Spätnachmittag rief mein Bruder die Schwatlostraße entlang: "Schnell, gleich kommt der Schienenzepp!" Auf der Wiese war ein kleiner Hügel. Dort stellten wir Kinder uns in einer Reihe auf. Die Jungen liefen zu den Schienen und legten ihr Ohr daran (das wussten unsere Eltern auch nicht!), bis sie plötzlich aufsprangen und schrien: "Er kommt!" Dann winkten wir und jubelten, und schon war dieser Silberpfeil vorbei; der Propeller entschwand in der Ferne. Mitte der dreißiger Jahre wurde dieser Versuchszug außer Betrieb gesetzt. Die Stromlinienform des Zuges wurde später nachgeahmt, aber die Eleganz des Schienenzeppelins kann sich mit den heutigen Zügen durchaus messen.

In einem Raum zum Garten hin hauste ein Einsiedler, der Bohemien von Lichterfelde, "Onkel Adam", ein Freund des lange verstorbenen Großvaters. Er hatte auf Wunsch seines Vaters Ingenieurwesen studiert, aber nach dessen Tod brach er das Studium ab und schlug sich als Pianist in den Stummfilmkinos durch. Oft hatte er keine Stellung und sein Halbbruder, der Arzt geworden war, unterstützte ihn. Einmal machte er eine größere Erbschaft, zog aus und fuhr bald darauf mit einem Luxusauto in eleganter Kleidung bei uns vor. Doch es dauerte nicht lange, und er stand wieder mit seinem Rucksack vor der Tür. Dann hörten wir ihn wieder im Hause Klavier spielen und meine Mutter sang dazu: "Der Postillon von Lonjumeau", "Was schert mich Weib, was schert mich Kind, mein Kaiser, mein Kaiser gefangen", "Fest steht und treu die Wacht am Rhein". Wir sangen die Lieder vom Garten aus mit und fanden sie interessanter als unsere Kinderlieder "In einem kleinen Apfel" oder "Der Winter ist kommen". Wir verehrten Onkel Adam sehr, denn er konnte auch zaubern.

Als wir schon mehrere Jahre in Stettin wohnten, kam er eines Tages zu Fuß angewandert, aber er traf uns nicht an. So wanderte er wieder nach Berlin zurück. Meine Eltern stellten sofort Nachforschungen an und mussten feststellen, dass er gestorben war. Das ging ihnen sehr nahe.

Meine Schwester Hannelore, die seit 50 Jahren in Sydney lebt, erzählte mir kürzlich, dass zu ihren Erinnerungen aus der Zeit der Schwatlostraße die täglichen, auch damals schon nicht ganz ungefährlichen Radfahrten nach Steglitz zum Auguste-Viktoria-Lyzeum in der Rothenburgstraße gehörten. Im Winter fuhr sie mit der Elektrischen Nr. 177. Einmal im Monat durfte sie meine Mutter zu Café Storch begleiten, nachdem sie in der Nähe die Miete abgeholt hatten. Meine Mutter leistete sich dann eine Tasse Kaffee, dazu einen Windbeutel, und meine Schwester suchte sich stets einen Liebesknochen (Eclair) aus. Sie war ganz gerührt zu hören, dass es das Café heute noch gibt, zwar unter anderem Namen, aber mit einem großen goldenen Storch an der Hauswand. "Unsere Großmutter liebte ja dieses Café schon", rief sie.

Nach damaligen Gästen in der Schwatlostraße befragt, erinnerte sich meine Schwester u.a. an das Ehepaar Steinow. Sie war eine ungarische Gräfin, eine bildschöne Frau. Herr Dr. Steinow und mein Onkel Dr. Guske kannten sich schon aus ihrer Landratszeit und waren als Sozialdemokraten von den Nazis abgesetzt worden. Sie trafen sich bei uns zu politischen Gesprächen. Wir beobachteten vom Garten aus, dass dann immer sehr abrupt alle Fenster geschlossen wurden. Während Herr Steinow nach Kriegsende als Ministerpräsident in Potsdam eingesetzt wurde, ging mein Onkel als Oberbürgermeister nach Koblenz, nachdem er vergeblich gegen die Vereinnahmung der SPD durch die SED eingetreten war.

Aber zurück zur Schwatlo-straße! Wir hatten die Dachwohnung an ein Ehepaar vermietet, dass diese Räume gelegentlich als Stadtwohnung nutzte. Zeitweilig wohnte der Sohn dort, der in Berlin studierte. Das anfänglich sehr gute Einvernehmen wurde bald getrübt, als zum Entsetzen meiner Eltern die Hakenkreuzfahne aus dem Dachfenster gehängt wurde. Mein Vater war Mitglied der Zentrumspartei und glühender Verfechter der Weimarer Verfassung. Nach wiederholten, vergeblichen mündlichen Aufforderungen verbot mein Vater schließlich schriftlich das Heraushängen der Hakenkreuzfahne, aber inzwischen war die "Machtergreifung" erfolgt, und dieser Brief hing wie ein Damoklesschwert über uns.

Die Hauptkadettenanstalt, einst der Stolz der Lichterfelder, wurde jetzt als SS-Kaserne genutzt. Dort fanden nun Exekutionen statt. Es wurden sowohl SA-Leute hingerichtet, als auch Konservative und andere Gegner des Regimes. Die Schüsse waren weithin zu hören, wie uns die Eltern später berichteten. Die Lieferanten brachten heimlich die Namen der Ermordeten heraus. Die Lichterfelder mussten also spätestens 1934 wissen, was die Glocke geschlagen hatte. In diese Zeit fiel auch die Ermordung General von Schleichers und seiner Frau. Frau von Schleicher war bei den Berlinerinnen äußerst beliebt, wie meine Mutter immer betonte. Die Nachricht löste in ganz Berlin größtes Entsetzen und Trauer aus.

Mit meinem kleinen grünen Korbpuppenwagen, von den Jungen "Eierchaise" genannt wegen der eiernden Holzräder, fuhr ich jeden Mittag bis ans Ende der Straße, wo ich auf meinen geliebten Papa wartete. Er unterrichtete am Sophie-Charlotte-Gymnasium in Charlottenburg als Assessor. Eines Tages erhielt er die Mitteilung, dass er mit der Verwaltung einer Studienratsstelle am König-Wilhelm-Gymnasium in Stettin beauftragt worden sei. Seine Kollegen beglückwünschten ihn, weil er nun bald ein richtiges Gehalt bekäme. So zog die ganze Familie schweren Herzens nach Stettin, aber überraschend schnell wurden wir zu begeisterten Stettinern.

Als mein Vater endlich zum Studienrat ernannt werden sollte, tauchte besagtes Schreiben drei Jahre nach dem es geschrieben worden war über die Gauleitung bei der Schulbehörde auf. Mein Vater wurde endlosen Verhören und Stellungnahmen ausgesetzt. Meine Mutter, die schon lange herzleidend war, bekam jedesmal einen Angina pectoris-Anfall aus der berechtigten Angst, dass mein Vater von einem Verhör nicht mehr zurückkäme. Doch der Denunziant hatte die Rechnung ohne den Meister gemacht. Der Direktor des König-Wilhelm-Gymnasiums, Dr. Isleib, war ein erbitterter Nazigegner. Er setzte sich mit ganzer Kraft für meinen Vater ein. So wurde mein Vater zwar nicht verhaftet, aber die Ernennung um weitere zwei Jahre hinausgeschoben. Wir zogen in eine billige Wohnung um und Schmalhans war Küchenmeister. Mein Vater fühlte sich am König-Wilhelm-Gymnasium sehr wohl. Sechs von 25 Kollegen waren nicht in der Partei und unter den 19 gab es viele, die nur zur Tarnung in die Partei eingetreten waren. Das besagte Schreiben blieb bei seinen Personalakten und wurde ihm bei jeder Gelegenheit vorgehalten.

Das Haus Schwatlostraße 6 A wurde im Krieg zerstört.

Renate Gries

Anmerkung

Eindrucksvoll detailliert beschreibt Frau Gries ihre Erinnerungen zum "Schienenzepp", der ihre "ganze Kinderseligkeit bedeutete": Wie ihre Mutter wegen der zahlreichen Zeichnungen des Bruders in seinem Schulheft zur Lehrerin zitiert wurde, und wie sie als Kinder "zu einer bestimmten Zeit" zum Bahndamm liefen, wenn er auf der Anhalter Bahn durch Lichterfelde "raste". Leider lassen sich aber diese bisher unbekannten Fahrten nicht nachweisen.

Es wäre sensationell, wenn Frau Grieses ausführliche Schilderung sich noch weiter belegen ließe!!!

Also: Wer kann diese Fahrten des Kruckenbergschen Schienenzeppelins auf unserer Bahnstrecke noch bestätigen, hat Dokumente oder sogar Fotos?

Bitte, helfen Sie mit!

Bernd Meyer

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