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13.12.2018

Die Schatten von Korinth
Die Weihnachtsgeschichte

von Torsten Lüdtke


Foto: wikipedia

Ein südlicher Tag neigte sich dem Ende zu; nur wenige Tage fehlten noch bis zum kürzesten Tag des Jahres, der Wintersonnenwende. Die letzten Strahlen der Spätherbstsonne tauchten die malerische Landschaft mit ihren bedeutungsvollen Ruinen in ein zauberisches, rotgoldenes Licht. Über die schroff zerklüfteten Abhänge des Burgberges von Akrokorinth legten sich tiefe Schatten, die – ebenso wie der leichte, vom Meer kommende Wind – die schon bald einbrechende Nacht andeuteten. Wie aus schwarzem Marmor gemeißelt erschienen die dorischen Säulen des Apollon-Tempels im letzten Licht der Abendsonne. Überwältigt und müde von den Eindrücken des Tages setzte ich mich auf die Stufen der antiken Treppe, die vom Tempel herab zu den Überresten der Stadt führte. Ich hatte noch nicht lange auf der Treppe gesessen, da wurde ich Teil einer seltsamen Szenerie – –

In meinen hellen Reisemantel gehüllt, stand ich am Fuße der Treppe am Eingang zum säulengeschmückten Marktplatz der Stadt, der Agora. Hinter mir hörte ich eine Frauenstimme, die erregt und zugleich besorgt klang, und die immer wieder "Lukianos! Lukianos, warte!" rief. Ein vornehmer Römer lief atemlos an mir vorbei, seine purpurgesäumte Toga schleifte nachlässig am Boden. Wäre ich nicht beiseite getreten, wäre ich wohl mit ihm zusammengestoßen.

"Pass doch auf!" fuhr ich ihn zornig an. Überrascht blieb der Mann stehen und blickte sich verwundert um: "Bist du es, Timotheos ...?", fragte er mich, keuchend Atem holend. Zustimmend nickte ich, und nun erkannte ich ihn auch: Es war Lucianus, mit dem ich in der Rednerschule des Kallimachos Freundschaft geschlossen hatte. Ich war sehr erfreut, ihn hier getroffen zu haben, denn er konnte mir bei der Erledigung meiner Geschäfte in der fremden Stadt behilflich sein.

"Was tust du hier?" wollte Lucianus von mir wissen.

"Ich bin hier gestern angekommen, nach einer langen stürmischen Überfahrt, die mich sehr an die Irrfahrten des Odyss..." – weiter kam ich nicht, denn nun hatte uns die junge Frau erreicht, die Lucianus' Namen gerufen hatte. Ein Haufen Pöbel, der ihr gefolgt war, umringte uns. Weil ich aus der Erdbeschreibung Strabons und verschiedenen anderen Reiseberichten wusste, dass es in Korinth von allerlei Gesindel, Dieben und Hetären wimmelte, griff ich besorgt nach meiner Wachstafel mit dem spitzen Bronzegriffel, doch fiel mir Lucianus, der meine rasche Handbewegung gesehen hatte, in den Arm und beschwichtigte mich. Nun blickte ich auch die junge Frau an, die ein wertvoll gesticktes, leicht durchscheinendes Gewand trug, das die Anmut ihres mädchenhaften Körpers voll zur Geltung brachte. Ihr dunkles, sorgfältig frisiertes Haar fiel. bis auf die Schultern herab; neben ihr kam ich mir in meinem schlichten Reisemantel schäbig und wie ein Bettler vor.

"Was hast du, ChloŽ?" fragte Lucianus besorgt die junge Frau besorgt. Sanft lächelnd gab sie Lucianus eine versiegelte Schriftrolle. "Diese hast du vergessen. Mein Onkel Glaukos bat mich, sie dir zu bringen und mit Numa dann auf dem Markt noch einige Dinge für die kommenden Festtage einzukaufen." Erst jetzt bemerkte ich den neben ChloŽ stehenden schwarzen Sklaven, der ein schönes Maultier am Zaum führte. Lucianus verabschiedete sich, nahm die versiegelte Schriftrolle und machte sich zum Palast des Statthalters auf.

Auf dem Marktplatz verabschiedete ich mich schließlich von ChloŽ und Numa, die bald im bunten Markttreiben verschwunden waren. Am Nachmittag wollte ich Glaukos, den Onkel der ChloŽ, in seinem Haus aufsuchen, und so kam mir die Einladung seines Gastfreundes und seiner Nichte sehr gelegen. Das Gedränge auf dem Markt war vor den Saturnalien und dem dies natalis Invicti wohl größer als sonst, und so betrachtete ich aufmerksam die Waren der Händler aus allen Gegenden Griechenlands: Hier wurde Schafwolle aus Arkadien und Leinen aus Elis verkauft, aber auch Wein, Honig und Olivenöl angeboten. Schließlich erstand ich bei einem Kaufmann Trinkgefäße aus kostbarem Glas und feinziseliertem Metall, die als Gastgeschenke für Lucianus, Glaukos und ChloŽ dienen sollten.

Bis zum Mittag erledigte ich einen Teil der Verhandlungen über mein Erbe, die mich nach Korinth geführt hatten, doch verschob ich die Unterredung mit den Ratsherren und dem Statthalter des Kaisers auf die Zeit nach den Saturnalien und dem Geburtsfest des Sol Invictus. Nach einem einfachen Mittagsmahl in meiner Herberge brach ich zum Haus des Glaukos auf, das unterhalb des Burgberges von Akrokorinth gelegen war. Später als gedacht erreichte ich die prächtige Villa, wo Glaukos mich im geschmackvoll eingerichteten Atrium bereits erwartete: "Ich grüße dich, Timotheos", erklärte der würdige Greis außerordentlich freundlich, "nicht nur als den Freund meines Gastfreundes, sondern auch als den sehnlich erwarteten Enkel meines verstorbenen Freundes Aristogeiton heiße ich dich in meinem Haus ehrenvoll willkommen." Glaukos machte eine feierliche Pause und umarmte mich herzlich; Tränen liefen über die Wangen des alten Mannes, der mir darauf großzügig die Gastfreundschaft seines Hauses anbot. Gern nahm ich die freundschaftliche Einladung an, und sofort sandte Glaukos einen Sklaven zu meiner Herberge, um von dort mein Gepäck holen zu lassen. Gemeinsam mit Glaukos wandelte ich durch die zahlreichen Räume des Landhauses, und staunend erkannte ich den vorzüglichen Geschmack und die außerordentliche Bildung des Mannes, der der Freund meines Großvaters gewesen war. Im Gartensaal trafen wir ChloŽ. Glaukos verabschiedete sich von mir, denn er wollte mit Numa noch einige Vorbereitungen besprechen, die die kommenden, festlichen Saturnalien betrafen. Ich trat an ChloŽ heran, die nachdenklich zwischen den Säulen saß. Sie hieß mich ebenfalls herzlich willkommen und lud mich ein, neben ihr Platz zu nehmen. ChloŽ bat mich, ihr von den Neuigkeiten aus Rom zu erzählen. Der Aufforderung kam ich gerne nach, doch umso mehr ich erzählte, umso stiller wurde die schöne ChloŽ. Als ich endlich auf die neuerliche Verfolgung der Christen in Rom zu sprechen kam, begann ChloŽ bitterlich zu weinen. Erstarrt und schweigsam saß ich neben ChloŽ, die sich lange nicht fassen konnte. Schließlich begann sie, ihre Tränen trocknend, mit wohltönender Stimme zu erzählen: "Timotheos, urteile nicht überstürzt oder schlecht über mich. Wenn ich heute nach deiner Erzählung weine, so hat dies den Grund, dass meine Eltern Christen waren" – und wieder in Tränen ausbrechend, setzte sie hinzu – " und ich glaube ebenfalls an Christus, den Sohn Gottes. Mein Onkel Glaukos weiß davon, seitdem ich bei ihm bin, doch er tadelt mich nicht dafür."

Diese Mitteilung kam für mich überraschend; in Rom und auf Reisen hatte ich schon vielerlei Dinge von der christlichen Sekte gehört und gesehen, doch noch nie selbst mit einer Christin selbst gesprochen. Erwartungsvoll hörte ich ChloŽ zu, die ihre Fassung langsam wiedergefunden hatte. Ich erfuhr, dass die Christen nur an einen Gott und an Jesus Christus, den Gottessohn glauben, der als unser Erlöser in die Welt gekommen sei und bei seinem Tod am Kreuz die Sünden aller Menschen auf sich genommen habe. ChloŽ schloss mit der Versicherung, dass Christus gelehrt habe, dass sie nach dem Tod in einer besseren Welt weiterleben und Gott schauen werde.

Ganz gerührt war ich, als ich von der Geburt des Christus in einem Stall in Bethlehem zur Zeit des Caesar Octavian hörte, und ich wollte neugierig wissen: "Gibt es denn ein großes, buntes Fest, wo ihr seiner gedenkt?"

"Nein", antwortete ChloŽ traurig, "wir feiern nicht lärmend und bunt, aber still und würdevoll gedenken wir seines Todestages und seiner Auferstehung."

"Warum feiert ihr kein Fest zu Ehren seiner Geburt?", warf ich ein. "In wenigen Tagen feiern viele Römer am kürzesten Tag des Jahres den Geburtstag des unbesiegten Sonnengottes, des Sol Invictus.. Sie alle glauben, dass an diesem Festtag mit der unbesiegten Sonne das Licht in die Welt gekommen ist. "

Strahlend sah ChloŽ mich an und sagte lächelnd: "Christus spricht: 'Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.' Mit diesem Wort hat uns Christus mehr als nur ein Versprechen hinterlassen" –

"Dann müsst ihr aber die Geburt Christi an eben diesem Tag feiern", warf ich ein, "am besten mit einem großen Fest, mit öffentlichen Speisungen und einem Festmahl, so wie die Saturnalien morgen beginnen".

"Wenn du so willst", entgegnete ChloŽ, "sind bei uns immer Saturnalien. Standesunterschiede kennen wir, denn Christus hat gelehrt, dass alle Menschen gleich sind. Christen gehören zu allen Schichten der Bevölkerung: Reiche, Arme, Junge, Alte, ja auch Sklaven und Kranke sind darunter. Jedoch ist es ein schöner Brauch, an den Saturnalien Gutes zu tun und sich zu beschenken."

"Das glaube ich auch, dass das ein schöner Brauch ist", bekräftigte ich. "Warum feiern die Christen nicht den Tag, an dem das Licht wiederkehrt, nicht als Tag der der Geburt Christi? Wenn Christus das Licht der Welt ist, warum feiert ihr nicht den Tag der Wintersonnenwende?"

"Vielleicht hast du recht", sagte ChloŽ sanft, "vielleicht sollten auch wir diesen Tag mit einem Fest begehen; möglicherweise wird es ja einst Geschenke und ein Festmahl geben."

In diesem Augenblick kam Glaukos in den Raum. Lächelnd sagte er: " Seit langem beschäftigt mich schon die Frage, ob – Saturnus, Sol Invictus, oder auch andere Götter Ė dem Christus gleichkommen können. In meiner Jugend predigte hier ein Mann mit Namen Paulus, der den Geist und die Kraft Gottes in sich trug. Damals konnte ich – anders als deine Mutter ChloŽ – nicht an die Wahrheit der Worte glauben. Euer Gespräch, Timotheos und ChloŽ, hat mir die Augen geöffnet. Morgen will ich mit Euch das Geburtsfest Christi feiern..." – –

Das fahle Licht einer Taschenlampe weckte mich. Längst war über Korinth und der Ausgrabungsstätte die Nacht hereingebrochen, und ich saß noch immer auf der Treppe, wo mich der Nachtwächter gefunden hatte. Ich war wohl eingeschlafen...

Am nächsten Tag, dem Tag meiner Abreise, besuchte ich noch das kleine Museum von Korinth. Eine Vielzahl einzigartiger Ausstellungsstücke sah ich dort. Ich bewunderte kostbare Gläser, faszinierende Trinkgefäße und auch die Mosaiken, die wohl aus einer opulenten Villa stammen mussten. Gebannt betrachtete ich im Innenhof des Museums einen antiken Grabstein, der mich sehr bewegte: Auf dem schlichten Stein sah ich, eingefasst von zwei Tauben, ein Kreuz in einem Lorbeerkranz. Darunter las ich den Namen von Glaukos, zu dessen Gedenken das christliche Ehepaar Timotheos und ChloŽ diesen Gedenkstein errichtet hatte.

Hatte ich wirklich nur geträumt?

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