Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

"Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde..."

von E-Mail


Foto: Michael Busch

Nach einem heißen September, der die ganze Wucht des Sommers noch einmal geballt hat, ist es Anfang Oktober schnell kalt geworden in Mittelfranken. Bei einem Spaziergang tauchte plötzlich am Rand eines abgeernteten Maisfeldes eine Schafherde vor mir auf. Gierig machten sich die Tiere über die restlichen Maiskörner her, die sie zwischen den Ackerkrumen fanden. Es war ein schönes Bild, das sich dort vor mir aufbaute. Ganz hinten tauchte der Schäfer auf, so wie man sich einen Schäfer vorstellt: Mit einem großen Filzhut und einem Stab in der Hand. Und am Rand der Herde flitzte ein Hütehund pflichtbewusst auf und ab und hielt die Herde zusammen. Langsam kam der Schäfer näher und wir kamen ins Gespräch.

Er erzählte mir von seiner Herde und von seiner Tätigkeit als Wanderschäfer. Er berichtete davon, dass er außer bei ganz großer Kälte ständig mit seinen Tieren umherzieht und dass nicht jeder Landwirt die Erlaubnis erteilt, die Tiere auf seine Felder zu treiben. Zeichen am Feldrand weisen darauf hin, ob er und seine Schafe hier erwünscht sind.

Seine Augen haben etwas Freundliches und dennoch haben sich die Jahre draußen bei Hitze und Kälte deutlich in sein Gesicht eingegraben. Und bei näherer Betrachtung bekommt die Schäferidylle deutliche Risse. Er erzählt davon, dass man von der Wanderschäferei kaum noch leben kann und seine Kleidung verstärkt diese Aussage: sie ist schmutzig und verschlissen und seine Schuhe haben Löcher. Trotz aller Widrigkeit liebt er seine Arbeit, liebt seine Schafe und seine Hütehunde, die so wie er in die Jahre gekommen sind und mittlerweile auch nicht mehr so gut hören. Mit einem freundlichen "Servus" trennen sich unsere Wege.

Wieder in meiner Urlaubsunterkunft angekommen, beginne ich am Abend im Internet über "Wanderschäfer" zu recherchieren. Und ich erfahre, dass die umherziehenden Schäfer mit ihren Herden eine wichtige ökologische Funktion übernehmen, der Beruf weit entfernt von einer Postkartenidylle und größtenteils harte körperliche und entbehrungsreiche Arbeit ist, die oft nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn erreicht. Aber alle Wanderschäfer, die hier zu Wort kommen, berichten von der Leidenschaft für ihre Arbeit, die wie ein Gegenentwurf aus uralten Zeiten zur modernen Massentierhaltung erscheint.

Hirten sind in der Kulturgeschichte aber auch ambivalente Figuren. Sie blieben auch, als die Völker sesshaft wurden, Nomaden. Hirten waren Jahrhunderte lang Außenseiter. Weil niemand genau wusste, was so ein Hirte den lieben langen Tag machte, entwickelten sich Vorurteile – aus Unkenntnis. Die dörfliche Gemeinschaft hatte keine Kontrolle über das, was Schäfer trieben. Ihre Nähe zur Natur, ihr Wissen um Heilkräuter und ihre volksmedizinischen Kenntnisse wie auch die Einsamkeit bei der Herde trugen dazu bei, dass man ihnen sogar unterstellte, sie seien mit dunklen Mächten im Bunde. Sie seien des Abwehr- und Schadenszaubers mächtig – zwielichtige Figuren also.

Müde, bildersatt und informationsgetränkt gehe ich zu Bett. Biblische Erzählungen und Bilder vom Hirten tauchen vor meinen Augen auf als ich den Tag Revue passieren lasse: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln...". Diese Verse aus dem Psalm 23 fallen mir ein oder der große König David, der einst ein kleiner Hirtenjunge war. Traum und Wirklichkeit beginnen sich zu vermischen und ich gleite langsam in den Schlaf mit dem guten Gefühl, dass da einer die Wacht hält.

Nun, kurz vor dem 1. Advent kommen mir diese Erinnerungen an "meinen" Wanderschäfer wieder in den Sinn und werden überlagert von der Geschichte der Geburt Jesu wie sie uns aufgeschrieben ist im Lukasevangelium: "Und es waren Hirten auf dem Feld, die hüteten des Nachts ihre Herde...".

Die Hirten sind so etwas wie die "stillen Helden" der Weihnachtsgeschichte. Noch heute berufen sich zahlreiche Schäfer voller Stolz auf die Hirtengestalten aus der Bibel. Denn die Hirten waren die ersten, die von dem Ereignis der Geburt Jesu erfahren haben. Nicht den Gelehrten, den Reichen und Mächtigen, nicht Würdenträgern, Generälen oder Diplo-maten wird diese Nachricht als erstes verkündet, sondern Hirten: denen am Rande, den einfachen Menschen.

Gott kommt im Verborgenen in diese Welt. Er entzieht sich schon in der damaligen Zeit dem Medienspektakel und der großen Aufmerksamkeit. Er kommt genau dorthin, wohin sich keine Kameralinse richtet.

Am Rande der Gesellschaft, außerhalb unserer Städte und Kulturzentren ereignen sich oft Dinge, die von weltgeschichtlicher Bedeutung sind. Und der Evangelist Lukas ermutigt uns mit seiner Weihnachtsgeschichte durch den Verweis auf die Hirten dazu, Antworten auf das Geheimnis des Lebens an vollkommen ungewohnten Orten zu erwarten: Auf den Feldern vor Bethlehem, in den sozialen Brennpunkten unserer Welt, in der Einsamkeit, in der Unbehaustheit.

Gott will im Dunkel wohnen – und erhellt es doch überall.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Michael Busch

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